Beängstigender Netflix-Trend: Euer liebster Streaming-Dienst löscht Episoden

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03.07.2019 - 16:30 UhrVor 1 Jahr aktualisiert
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Das Streaming-Paradies von Netflix hat einen neuen Kratzer erhalten. Von einer eigenproduzierten Serie hat der VoD-Anbieter 66 Episoden entfernt - eine überaus beunruhigende Entwicklung.

Stellt euch vor, ihr sitzt an einem gemütlichen Abend zu Hause und wollt die letzten Episoden eurer Lieblingsserie auf Netflix nachholen. Seit Wochen kommt ihr nicht dazu, jetzt aber ist es endlich so weit. Zielsicher wühlt ihr euch durch das Menü und klickt schließlich auf den gewünschten Titel - doch dann fehlen über 60 Episoden.

Kein Systemfehler, sondern Absicht: Wie aus einem lesenswerten Text zum Status quo von Talk Shows auf Netflix in der New York Times  hervorgeht, hatte Netflix von der Eigenproduktion Chelsea ganze 66 Episoden gelöscht. Einfach so. Ohne Vorwarnung. Es ist eine beunruhigende Entwicklung, die sich schon länger angekündigt.

Netflix verändert heimlich seine eigenen Originals

Bereits im vergangenen Jahr sorgte eine Entscheidung seitens Netflix für Bauchschmerzen, als der Streaming-Dienst einen Remix der 4. Staffel von Arrested Development auf seiner Plattform veröffentlichte, nachdem die ursprüngliche Version bei den Fans aufgrund eines neuen Konzepts für gespaltene Reaktionen sorgte.

Arrested Development

An sich ist nichts gegen einen solchen Remix einzuwenden, immerhin handelt es sich hierbei um eine eindrucksvolle Demonstration von dem, was im Schneideraum einer Film- bzw. Serienproduktion möglich ist. Beunruhigend war vielmehr das Verschwinden der Originalfassung - die existiert jetzt nur noch versteckt in der Trailer-Kategorie der Filmseite.

Können wir im wohl sortierten DVD-Regal sowohl auf die Kinoversion von Der Herr der Ringe: Die Gefährten als auch den Extended Cut zurückgreifen, bietet uns Netflix seit einem Jahr nur noch die überarbeitete 4. Staffel von Arrested Development an. Und wer alle Episoden von Chelsea nachholen will, steht vor einem noch größeren Problem.

Die Kunst wird dem Verhalten der Zuschauer angepasst

Brandon Riegg, seines Zeichens Vizepräsident für nicht-fiktionale Serien und Comedy-Specials bei Netflix, begründet die Entscheidung gegenüber der New York Times wie folgt: Die 66 Episoden von Chelsea wurden entfernt, damit sich neue Zuschauer vor dem Start der 2. Staffel einen besseren Überblick über die Talk Show verschaffen können.

"Es ist ein einfacher Weg für die Zuschauer, um vor den neuen Episoden aufzuholen", wird Riegg von der New York Times zitiert. Das Statement ist faszinierend wie bizarr: Netflix, das Schlaraffenland für alle Binge-Enthusiasten, das nicht an den straffen Zeitplan eines klassischen Networks gebunden ist, eliminiert - in seinen Augen überschüssigen - Content.

Chelsea

Dabei liegt gerade hier die große Freiheit des Streaming-Diensts verborgen, mit der neue Talente geködert werden. Serien müssen hier nicht im Takt von Werbepausen und Sendezeiten entstehen. Stattdessen kann experimentiert werden, sowohl in der Form als auch mit dem Inhalt. Davon sollten im Idealfall alle profitieren, auch wir als Zuschauer.

Netflix als große Spielweise im Zeitalter des Peak TV: Die Freiheit erweist sich viel zu oft jedoch als Fluch und Segen zugleich. Manche Serien überraschen mit unkonventioneller Herangehensweise, die anderswo nicht möglich gewesen wäre, während andere an der fehlenden Disziplin scheitern und unnötig in die Länge gezogen werden.

Netflix-Dilemma: Zu viel Content, keine Ordnung

Dass Netflix eines Tages zu viel Content besitzt und deswegen bereits fertiggestellte Inhalte wieder aus seinen Katalog entfernen würde - das war nicht abzusehen, zumal der Streaming-Dienst im vergangenen Jahr seine Veröffentlichungsfrequenz zunehmend gesteigert hat und uns mindestens jeden Freitag mit neuen Filmen und Serien erfreut.

Die 24 Episoden, die von der 1. Staffel von Chelsea jetzt noch übrig sind und als uns als "Das Beste aus 2016" verkauft werden, sind nur eine kleine Demonstration von der Macht, die Netflix im Hinblick auf seine Originals besitzt. Der Streaming-Gigant kontrolliert alles, von der Produktion bis zum Vertrieb. Erneut: Es ist Fluch und Segen zugleich.

Stadtgeschichten

Auf den ersten Blick ist da ein eigenwilliges Unternehmen, das nicht nach den Regeln Hollywoods spielt und mit frischen Ideen die Industrie auf den Kopf stellt. Hier hat die Vielfalt eine Chance, von Stranger Things bis Stadtgeschichten. Alle neuen Inhalte sind in allen Ländern, in denen Netflix abonnierbar ist, gleichzeitig verfügbar, was einmalig in diesem Ausmaß ist.

Gleichzeitig täuscht der Aspekt der geradezu paradiesischen Verfügbarkeit, da wir an diesem Punkt unser ganzes Vertrauen blind in die Hände von Netflix legen müssen. Unser monatliches Abo ist keine Garantie, dass bestimmte Titel für immer im Archiv zu finden sind - und wir reden hier nicht von lizenzierten Filmen und Serien.

Wir haben keine Wahl, außer Netflix blind zu vertrauen

Dass Netflix die bei Warner, Disney, Universal, Sony und Co. eingekauften Lizenzen nicht ewig halten kann, ist allseits bekannt. Kaum fügen wir einen neuen Blockbuster, den wir letztes Jahr im Kino verpasst haben, zu unserer Watchlist hinzu, ist er schon wieder verschwunden. Netflix' Eigenproduktionen bildeten dagegen ein sicheres Fundament.

Je teurer die Preise werden, desto standhafter muss dieses Grundgerüst sein - und ja, jeden Freitag schmiert Netflix mit neuen Originals fleißig Leim in die Fugen, um unsere Streaming-Loyalität zu festigen. Das funktioniert für den Moment. Doch was passiert, wenn sich Netflix eines Tages dazu entscheidet, Roma um eine halbe Stunde zu kürzen?

Roma

Angenommen, die Statistik ergibt, dass einige Zuschauer Alfonso Cuaróns Meisterwerk frühzeitig abbrechen, weil sie ein Blick auf die Laufzeit abschreckt: Problem erkannt, Problem gebannt - über Nacht entsteht im Schneideraum eine neue Fassung und die bestehende wird ausgetauscht. Wir haben keine Möglichkeit, auf eine DVD oder einen Alternativ-Stream zurückzugreifen.

Das Seitenverhältnis von Triple Frontier, das maßgeblich für die Atmosphäre des Films verantwortlich ist, verträgt sich nicht mit den Smartphones der Abonnenten? Zack, angepasst. Fans kritisieren eine künstlerische Entscheidung - keine Panik, morgen steht die geupdatete Version als Stream zur Verfügung. Der Rest landet im Giftschrank, wo sich auch schon das ungeliebte Kapitel aus Stranger Things 2 versteckt.

Die Willkür eines Streaming-Anbieters, der immer mächtiger wird

Klar, das ist Netflix' gutes Recht, aber auch ein Schritt in eine Streaming-Dystopie, die uns Zuschauer der Willkür des Streaming-Anbieters ausliefert, ganz zu schweigen von den Künstlern, die mit ihm zusammenarbeiten. Die Talente sind es schließlich, die uns als Abonnenten zu Netflix hinziehen - und dort tummeln sich mehr und mehr.

Martin Scorsese, Steven Soderbergh und Michael Bay - alles Kinoregisseure, die kommende Projekte bei Netflix in der Pipeline haben. Selbst wenn Perlen wie When They See Us und Anima dabei herauskommen: Wir haben keine Garantie, dass sie so für immer da sein werden und eine Alternative, diese Werke zu sehen, gibt es nicht.

Wie blickt ihr dieser Entwicklung bei Netflix entgegen?

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