Berlinale 2019: Netflix liefert einen der emotionalsten Filme

The Boy Who Harnessed the Wind
© Berlinale/Netflix
The Boy Who Harnessed the Wind
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Für 12 Years a Slave erhielt er eine Oscar-Nominierung als bester Hauptdarsteller, im Marvel Cinematic Universe spielte er Doctor Strange einen Streich: Jetzt wagt sich Chiwetel Ejiofor als Regisseur und Drehbuchautor hinter die Kamera und bringt eine wahre Geschichte auf die große Leinwand. In Sundance feierte The Boy Who Harnessed The Wind vor wenigen Wochen seine Premiere.

Nun erobert der Film, der weltweit von Netflix vertrieben wird, die Berlinale 2019 und sorgt für zwei der inspirierendsten Stunden des Festivals. Wenngleich vorerst die dramaturgischen Konventionen dominieren, begeistert Chiwetel Ejiofor mit einem sich zu einem ergreifenden Finale steigernden Regiedebüt.

Chiwetel Ejiofors Regiedebüt ist ein Netflix-Film, den ihr sehen solltet

Die Geschichte entführt in den Binnenstaat Malawi, der sich in Südostafrika befindet. Genauer gesagt spielt die Handlung in dem kleinen Dorf Wimbe, wo der 13-jährige William Kamkwamba (Maxwell Simba, der ein beeindruckendes Schauspieldebüt gibt) lebt und zur Schule geht. Als sein Vater Trywell (Chiwetel Ejiofor), ein einfacher Farmer, nicht mehr genug Geld aufbringen kann, um die Ausbildung seines Sohnes zu finanzieren, gerät der Traum der Zukunft ins Wanken.

Eigentlich sollte William, der fleißig lernt und überaus begabt ist, ein besseres Leben führen als seine Vorfahren. Doch die Realität fordert ihn auf gänzlich neue Weise heraus: Aufgrund einer langen Trockenzeit drohen die Menschen in seinem Dorf, zu verhungern, während die korrupte Regierung den Untergang mit ihrem (Nicht-)Handeln nur befeuert.

Von Hoffnung kann in The Boy Who Harnessed the Wind zu diesem Zeitpunkt keine Rede mehr sein. Chiwetel Ejiofor taucht in William Kamkwambas Memoiren ein, die dieser zusammen mit Co-Autor Bryan Mealer zu Papier gebracht hat, und es offenbart sich ein niederschmetterndes Bild. Wo eben noch die Landschaft blühte, herrscht jetzt eine ewige Dürre, die vor allem Trywell verzweifeln lässt, dessen Handwerk wortwörtlich zu Staub zerfällt.

Mit seiner Hacke kann er noch so energisch auf die Felder eindreschen, ohne lebensspendendes Wasser sind seine Mühen umsonst, während die Gewalt im Land zunimmt und das Leid ein unendliches wird. Die äußeren Umstände geben keinen Anlass, um in jene Zukunft zu denken, die eben noch greifbar war, nun aber außer Reichweite scheint.

In dieser hoffnungslosen Stunde tritt William mit seinem Wissen und seinen Ideen auf den Plan. In der Schulbücherei hat er von Windenergie gelesen, seine Bildung kollidiert allerdings mit verkrusteten Traditionen und nur die wenigsten wollen sich von den Träumen des Jungen anstecken lassen. Williams neue Art, zu denken, stößt auf taube Ohren. Das Überleben in der Hitze ist kräftezehrend genug.

Wer jetzt nicht die Flucht ergreift, ist verloren. Der Generationenkonflikt ist förmlich spürbar in den Blicken der Umherstehenden, am deutlichsten wird er jedoch zwischen Vater und Sohn. The Boy Who Harnessed the Wind handelt von Söhnen, die dank Bildung ihre Väter übertreffen, und von Vätern, die aufgrund ihrer Erfahrungen in der jugendlichen Euphorie nichts als Verschwendung sehen.

Wie The Boy Who Harnessed the Wind den Zuschauer berührt

Anstatt von Windrädern und Wasserpumpen zu träumen, sollte William in den Augen seines Vaters die Luftschlösser zum Einsturz bringen und die Niederlage akzeptieren. Dabei sind es gerade seine Visionen, die sich der Überwindung des Elends verschrieben haben und nicht nur eine temporäre Lösung des Problems anvisieren.

Entgegen der Engstirnigkeit seines Vaters lebt William die Weite aus, die sich ebenfalls in den Bildern von Kameramann Dick Pope widerspiegelt. Diese erzählen nicht nur von der Dürre der Felder, sondern ebenso den ersten Sonnenstrahlen, die das Land mit dem Anbruch eines jeden neuen Tages in ein magisches Licht hüllen. Hier versteckt sich auch Schönheit und Chiwetel Ejiofor will sie sichtbar machen.

Eine der besten Leistungen von Chiwetel Ejiofor

Sein Engagement als Regisseur ist bemerkenswert. Selbst wenn er sich von den eingangs erwähnten Konventionen in der Gestaltung seines ersten Films als Regisseur nie vollends lösen will, so beeindruckt die Hingabe, mit der er sich den thematischen Schwerpunkten des Films widmet - nicht zuletzt dadurch, dass er mit der komplexen Vaterrolle eine seiner besten Schauspielleistungen abliefert.

Chiwetel Ejiofor entdeckt auch in erprobten Erzählweisen etwas Inspirierendes - und das liegt ihm besonders am Herzen. Lange Zeit baut sich sein Film nur langsam auf und entdeckt die Menschen und die Welt, in der sie leben, die Sprachen, in denen sie Sprechen, und die Herausforderungen, mit denen sie konfrontiert werden. Im Finale entlädt er schließlich die gesamte Energie, die sich in den Minuten zuvor angesammelt hat.

Ein Film, der in die Welt der Figuren eintaucht

Nicht nur im Rahmen der Geschichte fühlt es sich so an, als wäre Williams anstrengende Überzeugungsarbeit nicht umsonst gewesen. The Boy Who Harnessed the Wind genießt den Triumph mit seinem Protagonistin und schöpft reichlich Wasser aus der Tiefe, wie Chiwetel Ejiofor Emotionen auf die Leinwand bannt und damit selbst ein großes Stück Überzeugungsarbeit leistet.

Das hier ist keine brav verfilmte Erzählung, die am Ende mit einer einfachen Moral aufwartet, sondern in die Welt der Figuren eintaucht, sie erfahrbar macht und vom Beginn eines neuen Zeitalters berichtet, in dem zwar nichts selbstverständlich, aber alles möglich ist. The Boy Who Harnessed the Wind ist ein Film über die Kraft, die der Fortschritt kostet, und die Kraft, die der Fortschritt bringt.

The Boy Who Harnessed the Wind läuft auf der Berlinale 2019 im Rahmen der Sektion Berlinale Special und wird am 01.03.2019 auf Netflix veröffentlicht. Alle moviepilot-Texte zum Festival findet ihr auf unserer Berlinale-Themenseite.

Werdet ihr euch The Boy Who Harnessed the Wind auf Netflix anschauen?

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