Better Call Saul hat Breaking Bad längst überholt

Better Call Saul
© AMC/Netflix
Better Call Saul
23.02.2020 - 12:00 UhrVor 7 Monaten aktualisiert
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Breaking Bad ist gut, aber Better Call Saul ist besser. Zum Start der 5. Staffel auf Netflix klären wir, was die Serie und ihre Hauptfigur so besonders macht.

Hin und wieder übertrumpfen TV-Ableger das Format, dem sie ihre Existenz verdanken. Schimanski war kantiger als Tatort, Frasier bissiger als Cheers, Xena durchgeknallter als Hercules. Vieles muss richtig laufen, um Nebenschauplätze in Hauptattraktionen zu verwandeln – allen voran Figuren, die sich bis dato vielleicht aus gutem Grund nur an der Peripherie bewegten.

Vor einer besonderen Herausforderung standen die Macher von Better Call Saul, dem Prequel und Spin-off der nicht eben zurückhaltend gefeierten AMC-Serie Breaking Bad. Erzählt wird auch hier eine Geschichte des moralischen Wandels, doch ist ihr Protagonist jener vermeintliche Anwaltstrottel, der ursprünglich als kaum Sidekick zu nennende Witzfigur für komische Entlastungen sorgte.

Die fragliche Männlichkeit von Better Call Saul

Aus Saul Goodman hat Serienschöpfer Vince Gilligan daher Jimmy McGill gestrickt, den Menschen hinter der Schauseite des launigen Advokaten. Keine Umdeutung, sondern ein genauerer Blick – und die in Breaking Bad eigentlich nicht so dringlich erscheinende Frage, ob der Sprüche klopfende Trickbetrüger und listige Anwalt für Drogenschergen möglicherweise ein komplexer Typ ist.

Saul Goodman in spe: Jimmy McGill

Tatsächlich gibt Better Call Saul darauf schlüssige Antworten. Jimmy McGill, mit wechselnden Haarteilen erneut von Bob Odenkirk gespielt, tritt als sympathischer Schlawiner auf, den Saul Goodman lediglich erahnen ließ: Ein Mann, der sich erfinden muss, um sich ertragen zu können. Was auch heißt, dass Männlichkeit wesentlich anders erzählt wird als noch in Breaking Bad.

So arbeitet Pflichtverteidiger Jimmy zunächst vom angemieteten Hinterzimmer eines Nagelsalons aus, in welchem er nicht mal das für Kunden bereitgestellte Gratiswasser trinken darf (ein Sahnehäubchen seiner misslichen Lage). Gedemütigt wird er außerdem von Bruder Chuck, der ihm als ungleich erfolgreicherer Anwalt vielfach Steine in den Weg legte, sowie von dessen früherem Partner, dem Leiter einer millionenschweren Kanzlei.

Freilich sind die Taugenichtssprüche über Jimmys ruinöse Karriere purer Klassismus, zielen in der Konsequenz also auf seine soziale Position ab. Dass er gerade nicht von jenen Selbstoptimierungsversprechen des Metiers profitiert, die er genauer studiert hat als andere, ist die große Tragik der Figur. Jimmy kann gerissen und manchmal auch skrupellos zur Tat schreiten, die Ellenbogenmentalität seiner Kollegen jedoch fehlt ihm. Er möchte niemandem wirklich schaden.

Jimmy McGill, das ewige Stehaufmännchen

Wie auch Breaking Bad handelt Better Call Saul von der eigenen Aufstiegslogik des Protagonisten. Mit originellen Einfällen besetzt Jimmy ökonomische Nischen, nutzt Verwertungswege wie Fernsehwerbung und Reklametafeln zur Selbstpromotion, ist Verkaufsmann und zugleich sein bestes Produkt. Ihm kommen die absonderlichsten Ideen, von denen aus seinem Mund irgendwie jede plausibel klingt.

Utopie einer Glückseligkeit: Kim und Jimmy

Durch seine hasenfüßig-gewiefte Art aber wird Jimmy, anders als Walter White, zu einem liebens- und sogar begehrenswerten Charakter. Kollegin Kim (Rhea Seehorn in der heimlichen Starrrolle der Serie) zweifelt an seinen Methoden und spornt ihn dennoch unentwegt an. Gewissermaßen verliebt sie sich nicht trotz, sondern auch wegen dessen halbseidener Fertigkeiten in Jimmy (und ein gemeinsamer Coup kann dabei schon mal als Vorspiel dienen).

Tragischerweise ist uns der Ausgang dieser Geschichte längst bekannt, wenn auch nicht in allen Einzelheiten. Wir wissen vom Ende der Beziehung, weil der eine tagtäglich Extreme sucht und die andere nur das gelegentliche Abenteuer. Wir wissen vom schwindenden Optimismus, der Saul schließlich über Jimmy siegen lässt, und von der Abgebrühtheit, die einmal sein Leben im Griff haben wird.

Better Call Saul als Gegenentwurf zu Breaking Bad

Erstaunlich ist gleichwohl, dass der daraus resultierende Fatalismus Better Call Saul zumindest nach bisher 4 Staffeln nicht ins Zynische kippen lässt. Obwohl für die Figuren weniger auf dem Spiel steht als in Breaking Bad, ist ihr drohender Verlust greifbarer – werden die Tiefschläge und menschlichen Dramen sorgfältiger, nämlich mit ruhiger Hand vorbereitet.

Walter White und Saul Goodman in Breaking Bad

Im Zweifel griff Breaking Bad stets auf die satirischen Elemente seines Americana-Zerrbilds zurück. Noch das abstruseste Plotdetail diente einer Handlung, die vom irrsinnigen Aufwand des wenigstens symbolischen Erhalts der amerikanischen Kernfamilie erzählte. Ihre zuweilen missverstandene Komik bezog die Serie aus kleinbürgerlichen Idealen, an denen mehr und mehr Blut klebte.

Better Call Saul geht in eine grundlegend andere Richtung. Statt heteronormativen Zwängen hinterher zu hecheln, macht der Antiheld eine bewusste Abkehr von ihnen. Chemielehrer Walter White ging im Gangster-Chic und Machismo auf, Jimmy McGill umarmt das Stigma des Verliertypen zum eigenen Vorteil. Das in den Cliffhangern und Wendungen ausgespielte maskuline Pathos von Breaking Bad fehlt hier gänzlich.

Obwohl der erfreuliche Mangel an erzählerischer Dringlichkeit und künstlicher Spannung dem Wissensvorsprung des Prequel-Formats geschuldet sein mag, scheint Better Call Saul insgesamt eher als Gegenentwurf konzipiert zu sein. Wie eine nachträgliche Vertiefung, die Bruchstellen erst abtastet, bevor lediglich amüsant in sie hinein getreten wird.

Die 5. Staffel von Better Call Saul ist ab dem 24. Februar 2020 auf Netflix zu sehen.

Gretchenfrage: Better Call Saul oder Breaking Bad?

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