Bizarr und blutig: Bacurau ist das erste Highlight des Festivals von Cannes

Bacurau
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Bacurau
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.

Als Nazi wird Udo Kier in einer Szene in Nighthawk (Bacurau) beschimpft. Er denkt kurz nach, verwundert. Ach! Weil er ein Deutscher ist! Man solle ihm doch nicht mit solchen Klischees kommen, meint er, und fährt fort in der Planung der Auslöschung eines ganzen Dorfs im brasilianischen Hinterland.

Es ist ein genüsslicher Widerspruch in Bacurau, dem ersten Höhepunkt der Internationalen Filmfestspiele von Cannes. In der Mischung aus Western und Zukunftsvision gerät eine abgeschiedene Gemeinschaft zur Zielscheibe einer Menschenjagd schießwütiger amerikanischer Touristen.

Bizarr, blutig und sozialkritisch - das ist Bacurau von Kleber Mendonça Filho. Einer von zwei Cannes-Filmen, die ihr euch vormerken solltet. Der andere: Deerskin von Quentin Dupieux, in dem sich Jean Durjardin für eine Wildlederjacke über Leichen geht. Ja, richtig gelesen.

Drei Gründe, sich den Cannes-Film Bacurau vorzumerken:

  • Es gibt Drohnen, die aussehen wie fliegende Untertassen.
  • Udo Kier läuft in Ganzkörper-Kaki mit einem Scharfschützengewehr herum und macht Udo-Kier-Sachen.
  • Hab ich schon erwähnt, dass es Drohnen gibt, die aussehen wie fliegende Untertassen!?

  • Alle Infos zum Festival Cannes 2019 in der Übersicht.

Bacurau dürfte die Zuschauer der Filmfestspiele in Cannes spalten

Nach der etwas enttäuschenden Eröffnung durch Jim Jarmuschs The Dead Don't Die läuft der Wettbewerb von Cannes langsam auf Betriebstemperatur. Dabei dürfte Bacurau die Zuschauer spalten.

Immerhin wird hier eine Kritik der sozialen Ungleichheit und Ausbeutung im Genre-Schema verhandelt, allerdings ohne die bodenständigen Thrills auf Hochkultur zu trimmen. Das gehört zum Charme von Bacurau und stiftet gleichzeitig eine angenehme Verwirrung, die den Film schwer greifbar macht.

Bacurau spielt "in ein paar Jahren" im Norden Brasiliens. Sertão nennt man die Region im Binnenland, die wirtschaftlich dem Süden der Metropolen wie Rio De Janeiro hinterherhinkt. Ihre Geschichte strotzt vor Banditen und Aufständischen. Mit Lampião kann die Gegend ihren eigenen Robin Hood oder Jesse James vorweisen.

Das fiktive Dorf Bacurau steht in dieser Tradition. Während der Rest des Landes "stimmungshemmende" Medikamente nimmt, bleibt Barucau ungezügelt. Das ist die Zukunft des Hinterlandes: Sauberes Wasser muss angeliefert werden, die Straßen bleiben staubig, die Häuser wie vor Hundert Jahren, nur wurde die Dorfschule mit Tablets und Fernsehern bestückt.

Als der Laster mit Wasser eines Tages Schusslöcher im Tank sammelt, kündigt sich Unheil an. Schon bald steht fest: Da veranstaltet jemand ein Most Dangerous Game, um zahlende Kundschaft zu bedienen. Die Dorfbewohner sollen geschossen werden wie Wild.

John Carpenter lässt grüßen im Cannes-Highlight Bacurau

Es dauert eine ganze Weile, bis Kleber Mendonça Filho und Ko-Regisseur Juliano Dornelles an diesen Punkt gelangen. Das gehört zu den augenscheinlichen Hürden dieses Films, der die Drohnen der Angreifer als B-Film-UFOs konzipiert, aber gleichzeitig ein Stündchen für die Ausgestaltung seiner sozialkritischen Zukunftsvision aufbringt.

Der Genuss am Trash zeigt sich intensiv in der Darstellung der Bösewichte. Die tumben Amerikaner werden vom sinistren Reiseleiter Udo Kier geführt und begraben Ansätze der Differenzierung durch ihre rassistische Gewaltgeilheit. Nachdem ein harmloses Pärchen auf der Flucht erschossen wird, treiben es die Täter erstmal im Sand der Steppe.

Höher zielt Bacurau in den Anleihen bei John Carpenter. Die Invasion der Barbaren, die auf jahrzehntelange Ausbeutung durch fremde Mächte verweist, erinnert nicht von ungefähr an Assault - Anschlag bei Nacht. Das Dorf muss à la Die Sieben Samurai, Rio Bravo oder eben Assault gegen eine Horde Angreifer bestehen und wird zwischendurch von Carpenters brummender Komposition Night begleitet.

Eine schöne Rahmung vollendet Bacurau in diesen ersten Festival-Tagen von Cannes, immerhin hat der Meister des Horrors gestern im Zuge der Directors' Fortnight einen Ehrenpreis für sein Lebenswerk erhalten.

Bacurau und Deerskin erzählen beide von Hybris und Ausbeutung

Bei fünf Filmen pro Tag auf einem Festival sind zwei Highlights schon ein sehr guter Schnitt. Insbesondere, wenn sich die Filme thematisch unerwartet annähern. Während in Bacurau (post-)kolonialistische Ausbeutung in Genre-Mustern bekämpft wird, versteigt sich Deerskin in absurden Konstruktionen, um bei einem ähnlichen Ziel anzukommen.

Oscarpreisträger Jean Dujardin (The Artist) spielt darin einen Niemand, dessen Fixierung auf eine Cowboy-Wildlederjacke ultrabrutale Konsequenzen nach sich zieht. Er muss der einzige Mensch auf der Welt sein, der eine Jacke trägt, flüstert ihn das Kleidungsstück zu. Eine wahnwitzige Idee für einen Film, die eigentlich nur von Mr. Oizo und Rubber-Regisseur Quentin Dupieux stammen kann.

Dujardin darf in dieser narzisstischen Comedy-Tortur Selbstgespräche mit dem (alt)modischen Lederlappen führen (7500 Euro teuer!) und andere filmen, wie sie dem Tragen von Jacken abschwören. Er transformiert sich mit psychotischer Entschlossenheit von einem Niemand in eine Art Großwildjäger des Einzelhandelszeitalters, was auch immer es kostet.

Deerskin und Bacurau kreisen um die Hybris der Macht, welche kleine Seelen aus Haut und Blut anderer speisen. Hier 100 Prozent Wildleder, da ein Maschinengewehr amerikanischer Fabrikation.

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