Brutaler Serienmörder-Thriller nach wahrer Geschichte: Holy Spider ist einer der Skandalfilme des Jahres

Holy Spider
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23.05.2022 - 15:00 UhrVor 1 Monat aktualisiert
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Der Thriller Holy Spider spaltete mit schonungslosen Gewaltszenen das Publikum in Cannes. Und zeigte, dass wahre Serienmörder-Geschichten schlimmer sind als jede Fiktion.

Was ist gruseliger: Die Geschichte eines gnadenlosen Serienmörders wie Hannibal Lecter, der zwar furchterregend inszeniert ist, aber in der Realität nicht existiert hat? Oder ein Film über einen echten Menschen, der 16 (!) Sexarbeiterinnen brutal ermordet hat, um die Straßen seiner Heimatstadt von ihnen zu "reinigen"?

Nachdem Holy Spider von Regisseur Ali Abbasi in Cannes Weltpremiere feierte und dem bestürzten Publikum gleich mehrfach die Luft zum Atmen nahm, kann es auf die Frage nur eine Antwort geben: Der echte Fall macht mehr Angst. Denn der Serienkiller-Thriller zeigt mehr als die Mordfantasien eines einzelnen Mannes. In ihm werden ganze Teile der Gesellschaft zum Täter.

Die wahre Geschichte hinter Holy Spider ist grausamer als jede Fiktion

Der Film, der sich nach seiner Premiere mehrere Minuten stehenden Applaus abholte, basiert auf einer Mordserie, die 2000 bis 2001 in Maschhad stattfand, der heiligsten Stadt des Irans. Saeed Hanaei tötete mindestens 16 Prostituierte  und gab seine religiösen Überzeugungen als Motiv an. Er habe dem angeblichen Sittenverfall in der wichtigen Pilgerstätte des schiitischen Islams nicht weiter zusehen wollen.

Guckt hier den Trailer zum Serienmörder-Thriller Holy Spider:

Holy Spider - Trailer (englische UT) HD
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Der Fall wurde bereits 2003 in der Dokumentation And Along Came a Spider filmisch aufgerollt. 2017 folgte die Graphic Novel Die Spinne von Maschhad* . Doch die Brutalität und das Ausmaß der Taten sind nicht der einzige Grund dafür, dass die Morde um die Welt gingen. Der sogenannte "Spinnenmörder" hatte nämlich Fans. Extrem konservative Iraner:innen feierten ihn offen für seine "Beseitigung" angeblich gottloser Frauen, es soll sogar Nachahmungstäter gegeben haben. Genau hier setzt Abbasis Film an.

Der Thriller um einen gottesfürchtigen Serienmörder ist ein echter Skandal – in mehr als einer Hinsicht

Emotionales Herzstück des Films ist die Journalistin Rahimi (Zahra Amir Ebrahimi), die nach Maschhad kommt, um Licht ins Dunkel der Spinnenmorde zu bringen. Denn die Polizei ermittelt zwar, hat bisher aber noch nichts Brauchbares herausgefunden. Rahimi glaubt, dass das Absicht ist. Schließlich gelten die Sexarbeiterinnen in den Augen vieler als wertlos und unrein. Wie tief die frauenfeindlichen Strukturen in Maschhad wirklich reichen, wird allerdings erst klar, als der Mörder Saeed (Mehdi Bajestani) mit Rahimis Hilfe gefasst wird.

Zahra Amir Ebrahimi in Holy Spider

Border-Regisseur Ali Abbasi scheut sich nicht davor, die Kamera draufzuhalten, wenn der Spinnenmörder seine Opfer in vermeintlich heiliger Mission erwürgt. Doch das Unerträglichste von Holy Spider liegt in dem, was nach den Morden passiert. Den lächelnden Gesichtern, die Saeed zu seinen Taten gratulieren. Der Sohn, der stolz erzählt, dass sein Vater ein Held ist. Dem stillen Schmerz im Gesicht Rahimis, die nicht einmal mehr überrascht scheint. Holy Spider ist düster, brutal und nur schwer zu ertragen. Aber es lohnt sich.

Abbasi sprach bei der Weltpremiere von einem "großen Tag für den iranischen Film. Jetzt gibt es zumindest einen Film, in dem Frauen Körper besitzen. In dem sie nicht mit ihrem Kopftuch zu Bett gehen müssen". Für den Regisseur ist Holy Spider ein wichtiges politisches Statement, das nicht nur im Iran für heftige Diskussionen sorgen dürfte. Denn das reaktionäre, menschenfeindliche Gedankengut, die im Film gezeigte offene Frauenfeindlichkeit, existiert auch 20 Jahre nach den Spinnenmorden noch – und zwar weltweit.

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Was findet ihr verstörender: fiktive oder reale Serienmörder-Filme?

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