Carlos - Der Director's Cut auf DVD

Die Eier des Terroristen

Carlos - Der Schakal
© nfp
Carlos - Der Schakal

Er hat Carlos (Édgar Ramírez) ordentlich an den Eiern – er braucht nur zuzudrücken und schon windet sich der meistgesuchte Terrorist der 70er und 80er Jahre vor Schmerzen. Allerdings ist er nur ein Arzt im Sudan, der den hier untergetauchten Carlos – eigentlich Ilich Ramírez Sánchez – wegen arger Schmerzen im Hodensack untersucht. Es ist der Endpunkt eines bewegten Lebens und Regisseur Olivier Assayas räumt diesem Bild schon aus symbolischen Gründen viel Raum ein: Carlos ist zu diesem Zeitpunkt längst zur Impotenz verdonnert, wenig später wird er von den französischen Behörden aufgegriffen – der virile Lebemann und Playboy hat Krampfadern im Sack.

Ein 5-Stunden-Epos

Frühzeitig von Assayas’ Terroristenepos Carlos – Der Schakal rückt der Schwanz des Terroristen noch ganz locker ins Bild – und klar ist dabei, was der Regisseur von dem Mann hält: Ein impulsiver, triebgesteuerter Kerl, der von der Revolution redet, daraus aber bald schon eine Art mafiöses Geschäft macht und einer längst schon entleerten Che-Guevara-Ikonographie hinterher rennt: Kuschlige Revolutionsfolklore, wie sie vielen Retro-Pictures – man denke an den 68er-Kitsch in Die Träumer – eigen ist, fehlt in Assayas’ kühl gehaltenem Portrait völlig.

Bereits drei Stunden dauerte die Kinofassung, die im vergangenen Jahr in Deutschland zu sehen war, nun liegt auch die ursprüngliche, fünfstündige Fassung, entstanden für das französische Fernsehen, auf DVD vor: Und sie ist es allemal wert, als definitive Fassung des Films angesehen zu werden: Mit langem Atem und zugleich atemlos episodisch schildert Olivier Assayas in drei Filmetappen Aufstieg, Glanzzeit und Fall des Mannes, der durch eine Vielzahl terroristischer Anschläge in den 70ern den Status eines linken Pop- und Medienstars erreichte. Dabei geht es selten um Identifizierung oder Dämonisierung – eher ist der Effekt dieser dicht vermaschten History-Kolportage ein Art beiläufig sich einstellendes Gespür für den Verlauf der Geschichte: Vieles von dem, was angesprochen und angerissen wird, ist noch heute brandaktuell, lag damals aber noch in den Kinderschuhen, anderes lässt einen fast schon stirnrunzelnd zurück: Wie einfach es damals doch noch gewesen sein muss, sich den Sicherheitskräften zu entziehen, und wie vergleichsweise überschaubar Terroristen damals operierten.

Assayas’ jedenfalls ist ein faszinierendes Crime-Drama gelungen, das umso bemerkenswerter ist, da es nicht blindlings seinen Gegenstand faszinierend gestaltet oder sich unbedacht einer nostalgischen Patina zuwendet. Eher ist es spannend zu beobachten, welches Verhältnis Assayas’ dazu findet – die Figur des Carlos mag hier vom Machismo, vom Schwanz her gedacht sein, der Film Carlos – Der Schakal aber ist es ganz und gar nicht.

Schmale Bonuslage

Wenn man so will, ist die der Kinofassung beiliegende 5-Stunden-Fassung in der gerade veröffentlichten DVD natürlich schon so etwas wie Bonusmaterial. Dafür mangelt es aber etwas an ‘klassischem’ Zusatzmaterial: Lediglich auf einer DVD finden sich Interviews mit Produktionsbeteiligten. Darin sprechen sie zwar schon über ihre Arbeit, wirklich interessant oder tiefschürfend sind die Gespräche allerdings nicht. Etwas schade ist das schon, denn gerade in diesem Fall hätten sich z.B. historische Dreingaben natürlich sehr gelohnt.

Hier noch der Trailer…

Die Extended Cut Edition von Carlos – Der Schakal ist bei Amazon für 24,99€ erhältlich. Wer auf den fünfstündigen Director’s Cut verzichten kann, greift zur dreistündigen Standardvariante, die es für 14,99€ gibt.

… und ein kurzer Abschied

Und dann noch ein paar persönliche Worte: Mit diesem Text findet meine wöchentliche DVD-Kolumne leider ihren Abschluss, vor wenigen Wochen wurde mir das Aus signalisiert. Mir hat es viel Freude gemacht, hier wöchentlich DVDs auszuwählen und vorzustellen, und ich hätte das sehr gerne noch weiter gemacht (und dabei gerne auch häufiger einen Blick über deutsche Grenzen hinaus geworfen). Eventuell wird es anderer Stelle eine Art Fortsetzung der Reihe mit etwas anderer Ausrichtung geben, genaueres gebe ich beizeiten dann in meinem Blog bekannt.

Ich hoffe, euch hat die Reihe ebenso viel Freude bereitet wie mir – und wenn ihr den einen oder anderen guten Filmtipp daraus mitgenommen habt, würde mich das noch ganz besonders freuen. Schreibt mir einfach in einem Kommentar, welche Entdeckungen ihr gemacht habt!

Deine Meinung zum Artikel Die Eier des Terroristen