Chernobyl - So spannend und schockierend war schon lange keine Serie mehr

Chernobyl mit Jared Harris
© Sky/HBO
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Volontär bei moviepilot. Berichtet am liebsten über Gangsterstreifen und Werke, in denen sich Literatur und Filmkunst vereinen. Weiß, wo Leute hinkommen, die guten Scotch verschwenden.

Sky hat zuletzt Serien im historischen Setting für sich entdeckt, angefangen bei Erfolgen wie Babylon Berlin und Das Boot bis hin zu kommenden Projekten wie Der Name der Rose. Die neue Miniserie Chernobyl, entstanden in Kooperation mit HBO, fällt dabei etwas aus der Reihe, da es hier um tatsächliche historische Ereignisse geht.

Dennoch geht die Serie weit über die bloße geschichtliche (und größtenteils korrekte) Erzählung hinaus: Sie handelt von Lügen und Vertuschung - also Themen, die aktueller nicht sein könnten. Und sie zeigt in dramatischen, teils verstörenden Bildern, wozu diese Lügen führen können, nämlich zum grausigen Tod unschuldiger Menschen. Chernobyl ist wirklich nichts für schwache Nerven, das sollte von Anfang an gesagt sein.

Chernobyl erzählt von einer Nuklearkatastrophe

Die fünfteilige Miniserie Chernobyl handelt von den realen Ereignissen der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl im April 1986. Damals kam es durch einen unfachmännisch durchgeführten Test und technische Mängel des Kernreaktors zu einer Reaktorexplosion, die radioaktive Stoffe freisetzte. Diese waren um ein vielfaches stärker als die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki.

Die Katastrophe hatte unglaubliche ökonomische, politische und moralische Folgen für die Sowjetunion - und darüber ökologische für ganz Europa. Bis zum heutigen Tag ist nicht vollständig geklärt, wie viele Menschen aufgrund des Unfalls ihr Leben ließen.

Die Retter stehen zu Recht im Vordergrund

Die Serie fokussiert sich auf die verzweifelten Rettungsmaßnahmen, die von einzelnen Helfern gegen den bürokratischen Widerstand der sowjetischen Regierung ausgeführt wurden, um Schlimmeres für das Land und den Kontinent zu verhindern. Diese Helfer, vom Reaktormitarbeiter über den Wissenschaftler bis zum Feuerwehrmann, setzten sich dabei der Gefahr einer erhöhten Strahlendosis aus und opferten vielfach ihr Leben.

Die Darstellung berührt und ist im Großen und Ganzen gelungen, auch wenn vielleicht einmal zu viel auf das alte sowjetische Klischee gutes, reines Volk vs. böse Regierung und auf stoischen Heldenpathos verwiesen wird. Abgesehen davon hilft die Fokussierung auf den Rettungseinsatz, um die Katastrophe zu vermenschlichen und sie jenseits der Zahlen begreifbar zu machen und ins Gedächtnis zurückzuholen.

So ganz kann sich die Serie dadurch jedoch nicht entscheiden, was ihr wichtig ist.

Chernobyl besitzt eine eigenwillige Struktur

Denn die einzelnen Episoden wirken merkwürdig unverbunden und stehen meist für sich. Mal werden sehr unpersönlich Taucher eingeführt, die das Löschwasser ablassen sollen, mal Bergleute, die einen Tunnel graben müssen, mal ein Jagdtrupp für verstrahlte Tiere. Teilweise dröppelt die Handlung daher vor sich her wie die langsamen Mühlen der sowjetischen Bürokratie, gegen die die Hauptfiguren passenderweise ankommen müssen.

Chernobyl beginnt in medias res mit der Explosion des Kernkraftwerks. Das sorgt zwar für einen spannenden Auftakt, jedoch auch dafür, dass wir die Figuren, deren Schicksal wir nach dem Unfall verfolgen, nicht wirklich kennen. So ist es nicht einfach, mit dem Feuerwehrpärchen mitzufühlen, das besonders von der Katastrophe betroffen ist. Eine einführende Szene vor den Ereignissen - wie es sie später auch gibt - hätte hier geholfen.

Besser funktioniert diese nonlineare Erzählweise am Schluss bei der Aufklärung des Reaktorunfalls. Hier sind in sehr spannender Manier die Szenen vor dem sowjetischen Gericht mit der tatsächlichen Katastrophe verwoben. Am stärksten ist die Serie folglich, wenn es um die Katastrophe selbst, ihre Auswirkungen auf die Menschen und ihre Aufklärung geht.

Stellan Skarsgård glänzt in Chernobyl

Drei Hauptfiguren sollen die lose Erzählung von Chernobyl zusammenhalten. Unter ihnen sticht vor allem Stellan Skarsgård hervor, der eine beeindruckende Vorstellung als Boris Shcherbina abliefert.

Seine Figur ist komplex und als Apparatschik hin- und her gerissen zwischen der Loyalität zur Partei, an deren Sache er glaubt, und der realen Katastrophe, in welcher die Bürokratie des Einparteienstaats versagt. Besonders bewegend sind die Szenen, in denen er realisiert, dass er durch die Strahlung bereits ein toter Mann ist.

Im Gegensatz dazu bleibt Jared Harris als Valery Legasov blass und unnahbar, was aber durchaus im Sinne der Figur ist. Emily Watson, deren Rolle für die Serie als Anagramm mehrer Wissenschaftler erfunden wurde, wirkt teilweise künstlich übertrieben.

Grausige Bilder regen zum Nachdenken an

Trotz aller struktureller Mängel punktet Chernobyl mit drastischen und deutlichen Bildern, die auf jeden Fall im Gedächtnis bleiben und die große Stärke der Serie sind. Als Zuschauer kann man nur den Kopf schütteln, wenn die sowjetische Regierung aufgrund des internationalen Gesichtsverlusts versucht, die Katastrophe zu vertuschen und kleinzureden.

Der Zuschauer bekommt Angst, wenn er sieht, wie die Menschen die radioaktive Luft einatmen und er fühlt mit den Reaktorarbeitern, die vom Unfall komplett überrascht werden. Besonders bewegende Bilder liefert die Evakuierung der Stadt, die nicht alle Einwohner begreifen können und wollen.

Außerdem werden die Auswirkungen der Strahlenkrankheit ungeschönt dargestellt, was einige Zuschauer schockieren wird. Chernobyl regt durch diese Darstellung jedoch zum Nachdenken an - nicht nur über die Gefahren der Atomkraft, sondern vor allem darüber, wie auch heute noch mit der Wahrheit umgegangen wird und wie folgenreich politische Vertuschungen sein können. Chernobyl legt den Finger in eine offene Wunde.

Die Miniserie Chernobyl umfasst 5 Episoden, die ab dem 14.05.2019 bei Sky veröffentlicht werden. Als Grundlage für diesen Seriencheck dienten alle 5 Episoden.

Werdet ihr Chernobyl auf Sky anschauen?

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