Hauptsache pralle Schecks

Der Absturz des Filmschauspielers Bruce Willis

Anfang vom Ende? Bruce Willis in Stirb Langsam – Ein guter Tag zum Sterben.
© 20th Century Fox
Anfang vom Ende? Bruce Willis in Stirb Langsam – Ein guter Tag zum Sterben.
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Meint es gut mit den Menschen.

Update: Dieser Artikel wurde erstmals am 28.10.2015 veröffentlicht und ist heute, zur Ausstrahlung von Stirb langsam - Ein guter Tag zum Sterben um 22.20 Uhr bei ProSieben aktueller denn je. Wir haben ihn für euch noch einmal hochgestellt.

Schauspieler können nicht unbedingt etwas für die Filme, in denen sie zu sehen sind. Und Schauspieler müssen Geld verdienen, zur Not auch mit schlechten Rollen. Wenn die dank ewiger Hits wie Stirb langsam oder The Sixth Sense lange Zeit sehr erfolgreiche Karriere des Hollywoodgesichts Bruce Willis plötzlich nicht mehr ganz so erfolgreich läuft, ist das erst einmal nichts, was irgendeine Häme verdient hätte: Wenigstens dreht er überhaupt noch regelmäßig – und zumindest versteht er es, aus seinem Namen weiterhin Kapital zu schlagen. Überhaupt kann der Videosektor, in dem Bruce Willis seit nunmehr fünf Jahren einigermaßen fest beheimatet ist, ein sprudelnder Quell nicht zwangsläufig weniger interessanter Filme und Rollen sein. Zwar ist er genauso oder vielleicht sogar noch mehr von der Diskontfähigkeit eines Schauspielers abhängig, doch eröffnet ihm dieser Sektor zugleich andere Möglichkeiten, macht ihn bestenfalls freier und unabhängiger.

Wer sich also dem Performance-Wahn des großen Hollywoodgeschäfts entzieht, muss seinem Job deshalb nicht gleich ohne Lust nachgehen. Nicolas Cage etwa, der einst ein Star des Kinos war und jetzt eben einer des Heimkinos ist, findet offenbar auch auf dem Video- und Streamingmarkt ganz zu sich. Regelmäßig betont er in Interviews, dass er wie seine Vorbilder Vincent Price und Christopher Lee eine bestimmte Bandbreite unterschiedlichster Rollen (sprich: unterschiedlichster Gesichter und Fratzen) bedienen wolle. Immer wieder legen auch dessen schwachbrüstige Produktionen Zeugnis dieser schauspielerischen Neugier ab: Selbst einen generischen Actionfilm veredelt Nicolas Cage mit durchgeknallter Grandezza, statt nur gelangweilt Dienst nach Vorschrift zu leisten. Jederzeit darf man damit rechnen, dass einem ausgemachten Stinker wieder ein relativer Knüller, zumindest aber ein wenigstens interessant gescheiterter Film folgt. Weil Nicolas Cage sich auch in Blödsinn mit aller Kraft reinhängt.

Bei den mittlerweile weitgehend direct to DVD ausgewerteten Abschreibungsprojekten von Bruce Willis ist diese Hoffnung jedoch ziemlich vergebens. Seit er den Nebenstrang seiner Spätkarriere, parallel zu großen Kinofilmen wie Stirb langsam - Ein guter Tag zum Sterben auch sehr dürftige kleine Videofilme wie Catch .44 - Der ganz große Coup oder Set Up - Freunde für's Leben, Feinde für die Ewigkeit zu drehen, als Vollzeitbeschäftigung betreibt, ist mit ihm nicht mehr viel los. Er scheint kein Interesse daran zu haben, sein schauspielerisches Repertoire um spannende Rollen in vielleicht nicht mehr ganz so spannenden Filmen zu erweitern. Und scheint andererseits auch gar nicht erst kaschieren zu wollen, dass es ihm längst nur noch um schnell verdientes Geld geht: Wo Bruce Willis draufsteht, ist schon rein mengenmäßig selten Bruce Willis drin – er begnügt sich nämlich mit besseren Gastauftritten, die in der Vermarktung der Filme fälschlicherweise als Hauptrollen deklariert sind.

Besonders unsympathische Beispiele dieser allenfalls ökonomisch logischen Karrierestrategie nahmen ihren Anfang noch im Kino. The Cold Light of Day versprach auf dem Filmposter einen Bruce Willis in zweiter Hauptrolle, warf den Star aber bereits nach wenigen Minuten aus der Handlung. Beim nicht minder irreführend beworbenen G.I. Joe: Die Abrechnung wiederum konnte man sogar die Sekunden mitzählen, in denen Bruce Willis auch tatsächlich zu sehen war. Seine hauptsächlich über ihn vermarkteten Videoproduktionen leiteten daraus folglich ein (altbekanntes, aber deshalb ja nichtsdestotrotz ärgerliches) Geschäftsmodell ab. So zeigt Fire with Fire - Rache folgt eigenen Regeln Bruce Willis als einen der Handlung fast vollständig enthobenen Police Detective, der dem eigentlichen Hauptdarsteller vom Schreibtisch aus Deckung verschafft. Und seine Handvoll ebenso gelangweilt absolvierter Szenen für The Prince - Only God Forgives und Vice hat der Star an wenigen Tagen gleich in einem Rutsch gedreht.

Solange offenbar der Paycheck stimmt, dürfen Produzenten mit dem Namen Bruce Willis machen, was sie wollen. Verübeln kann man ihnen das nicht, der Schauspieler lässt ihnen schließlich gar keine andere Wahl: Bis zu einer Million US-Dollar soll er pro Drehtag an solchen Mogelpackungen verdienen, nur sehr eingeschränkt kann man ihn sich daher überhaupt leisten. Sylvester Stallone, sein alter Kollege und Freund aus den blühenden Zeiten des Planet Hollywood, nannte Bruce Willis gierig und faul, nachdem dieser statt der vereinbarten drei plötzlich vier Millionen Dollar Gage für wenige Tage Arbeit an The Expendables 3 forderte (und daraufhin durch Harrison Ford ersetzt wurde). Regisseur Woody Allen hingegen soll ihn kurz nach Drehstart seines neuen Films gefeuert (und mit Steve Carrell neu besetzt) haben, weil der Star Gerüchten zufolge unfähig gewesen sei, sich seinen Text zu merken.

Mit Filmen, in denen Bruce Willis auf mutmaßlich eigenen Wunsch nur noch wenig zu tun bekommt, geht es deshalb munter weiter. Sie tragen Titel wie City of Mist oder Going Under, Marauders oder Extraction – und ihre Produzenten werden darauf hoffen, einen letztlich in wenigen Szenen auftretenden Bruce Willis gewinnbringend auf Video-on-Demand-Plattformen platzieren zu können. Auch in Hollywoods wichtigem Auslandsfilmmarkt China hat man sich mit Bruce Willis nach Adrien Brody und John Cusack einen weiteren bekannten Namen des US-Kinos ausgeliehen, der kein Problem hat, sein Gesicht für international vermarktbare Geschichtsfilme herzugeben. Dass das Kriegsdrama The Bombing den staatskünstlerischen Trend revisionistischer Kaiserreich- und Weltkriegserzählungen dabei unverblümt fortsetzen wird, steht eigentlich außer Frage.

Das Problem ist natürlich nicht ein Bruce Willis, der seinen Karriereschwerpunkt vom Kino ins Heimkino verlagert. Viele Schauspieler machen das (oder müssen es machen), vor allem männliche Stars aus Genrekinokontexten, denen die Filmindustrie ein solches Privileg immerhin überhaupt gewährt (wenn Schauspielerinnen, die nicht Meryl Streep heißen, sichtbar altern oder an kommerzieller Zugkraft einbüßen, wandern sie ins Qualitätsfernsehen ab oder bekommen oft genug auch gar nichts mehr zu tun). Das Problem also ist nicht ein Bruce Willis, der jetzt eben einfach mal ganz undramatisch internationale Videomärkte bedient, sondern ein Bruce Willis, der diese späten Karrierepfade mit einer künstlerischen Ambitionslosigkeit beschreitet, die an Zuschauerverachtung grenzt.

Vielleicht kann man es auf eine zynische Art super finden, wie und vor allem womit der immer noch beliebte, zumindest aber profitable Schauspieler nunmehr seine Millionen verdient. Und vielleicht kann man seinen ausgestreckten Mittelfinger in Richtung Publikum sogar für einen beeindruckenden Stunt halten, mit dem er unmissverständlich deutlich macht, dass gerade Einwände wie diese ihm komplett egal sind. Aber dann bliebe immer noch die Frage: Was außer pralle Schecks bringen dem um seine Karriere ja schlussendlich doch immer sehr bemühten Bruce Willis solche lustlosen Auftritte in gezielt irreführend an seine Fans gebrachten Schrottproduktionen? Bruce Willis – Warum die Legende niemals stirbt hieß eine 2013 vom deutschen TV-Sender VOX mitproduzierte Dokumentation über den Actionstar aus Idar-Oberstein. Wenn er weitermacht wie bisher, wird das Ansehen dieser Legende vielleicht doch schneller sterben, als einem lieb sein kann.

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