Mr. Vincent Vega eckt an

Die Verurteilten oder Endstation Lieblingsfilm

Die Verurteilten
© Columbia Pictures
Die Verurteilten
Moviepilot Team
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Meint es gut mit den Menschen.

In zahllosen Umfragen wurde Die Verurteilten zum beliebtesten Film aller Zeiten gewählt, Zeitungs-, Radio- und insbesondere Online-Abstimmungen führen immer wieder zu ähnlichen Ergebnissen. Mit einem Durchschnittswert von 8.5 Punkten rangiert das Kinodebüt von Frank Darabont auch hier auf einem der vorderen Plätze der bestbewerteten Filme, in der IMDb und OFDb ist es allerhöchstens temporär zu entthronen. Woher rührt die gleichermaßen überwältigende wie rätselhafte Beliebtheit dieses seinerzeit erfolglosen Gefängnisfilms nach Stephen King? Ein Versuch, dem Phänomen auf die Spur zu kommen. Und den Film auf seine tatsächlichen Qualitäten zu überprüfen.

Um es vorweg zu nehmen: Die Verurteilten ist ziemlicher Mist, aber es gelingt ihm, dem Zuschauer immer wieder das Gegenteil glauben zu machen. Mit einer Erzählhaltung, die vordergründig (und ausgerechnet) im konventionellen Gefängnisfilm lücken- und reibungslos herzerwärmende Allgemeinplätze besetzt. Autor und Regisseur Frank Darabont versteht es geschickt, die Kingsche Vorlage zu einem Wohlfühlfilm der besonderen Art umzumünzen, nah dran am klassischen US-amerikanischen Erzählkino und seinen attraktiven Geschichten. Die Verurteilten ist so einnehmend in seiner handlungsbestimmten und blicksteuernden Struktur, dass ein Abschweifen der Aufmerksamkeit kaum möglich scheint.

Nach der dynamischen Exposition, die das schicksalhafte Verbrechen (sowie die Verurteilung) der von Tim Robbins gespielten ersten Hauptfigur Andy Dufresne schildert, bewegt sich der Film zu seinem zentralen Schauplatz, dem Shawshank-Gefängnis. Weil Andy Dufresne zunächst ungreifbar wirkt und seine Unschuld nicht geklärt ist (eine Frage, die der Film jedoch zügig und mutlos beantwortet), geht die Figur den Weg der indirekten Charakterisierung. Als Neuankömmling gerät sie unter Beobachtung des alteingesessenen, von Morgan Freeman gespielten Red, dessen Gedanken der Film freundlicherweise stets verbalisiert. Rasch stellt sich ein Vertrauen zu den Protagonisten ein, deren vorsichtige Annäherung durch Erzählerstimme, standardisierte Montage und funktionale Musik von Thomas Newman begünstigt wird.

Mit Freeman landete Darabont einen wahren Besetzungscoup. Er ist womöglich das, was hierzulande Volksschauspieler genannt wird. Eine vertraut wirkende Gestalt voller Gutmütig- und Aufrichtigkeit, starker Präsenz und andächtigem Habitus. Sein Blick, oft in die Nahaufnahme gerückt, ist von Beginn an der des Zuschauers, vorsichtig und zugleich bestimmt. Es war schon damals nur eine Frage der Zeit, bis dieser Mann einmal Gott spielen würde. In Die Verurteilten ist er nichts außer ein Identifikationsangebot auf zwei Beinen, wobei Angebot das falsche Wort ist – die Möglichkeit, es abzulehnen, gibt einem der Film natürlich gar nicht. Er positioniert ein Scheingegenüber: Tim Robbins, dessen Figur sich sukzessive von ihrer Passivität löst und Red zuwendet.

Zuvor jedoch muss er, der gebückt laufende, unschuldige Banker, noch durch die Hölle gehen. Ihm gelten die Publikumssympathien nicht von vornherein, er muss sie sich erst erarbeiten. Dies erreicht der Film durch simple, manipulative Taschenspielertricks. Nicht nur ist Andy (als einziger) wirklich unschuldig, er muss auch die Qualen des Knastalltags stärker durchleiden als jeder andere. Mehrfach wird er vergewaltigt (von den, so werden sie im Film genannt, „sisters“ und „bull queers“), geschlagen und in Einzelhaft gesteckt, ehe sein bildungsbürgerlicher Hintergrund ihm eine privilegierte Stellung innerhalb des Gefängnisses sichert.

Das hohe Identifikationspotenzial der beiden Hauptfiguren ergibt sich aus ihren Unterschieden, die der Film wirksam herausarbeitet. Der weiße Andy, der schwarze Red; der kultivierte Geschäftsmann, der einfache Arbeiter mit gutem Herz und reiner Seele; Intellektualität und Gefühligkeit, ein Traumpaar. Immer wieder betont Frank Darabont, wie sehr die beiden Insassen voneinander profitieren. In einer besonders schmalzigen, jeder Wahrscheinlichkeit enthobenen Szene beschallt Andy das gesamte Gefängnis mit Mozart, um anschließend einen Monolog über die Fähigkeit vergeistigter Musik zu halten, die alle, einschließlich Red, in Staunen versetzt. Es ist eine pure, wahrhaftige Männerfreundschaft, die so tiefgehend vermittelt wird, so universell ist, dass jeder sie mitfühlen mag. Mitfühlen muss.

In der Wahl der Mittel ist der Film entsprechend grobschlächtig, um die Süß- und Lieblichkeit seiner Geschichte nicht durch Ambivalenzen zu gefährden. Die klar abgesteckte Figurenhierarchie umfasst die bösen Wärter und guten Gefangenen, klassische Hassprotagonisten und solche, die besonders lieb gehabt werden wollen. So lassen sich die Knöpfe der Gefühlsduseligkeit besonders leicht drücken, lassen sich kathartische Effekte herbeiführen. Der vom Zuschauer als gerecht empfundene Selbstmord des Direktors (eine Neudichtung des Films), die hingegen besonders tragische Selbsttötung des alten Brooks und das märtyrerhafte Ableben des spät eingeführten jungen Insassen Tommy (als letzte emotionale Kehrtwende der Geschichte) – typische Crowdpleaser-Momente, bei denen die Drehbuchseiten nur so rascheln.

Das alles wird getragen (bzw. verschleppt) von einem grundüberflüssigen Voice-Over, der gemäß des erzählerischen Verdopplungsprinzips alles erzählt, was ohnehin schon im Bild geschrieben steht: Die Gefangenen sitzen auf dem Dach und trinken Bier, was Red noch einmal mit „so saßen wir auf dem Dach und tranken Bier“ kommentiert – damit jeder, auch der letzte Zuschauer ganz hinten im Kino, begreift, was da vor sich geht. (Randnotiz: Morgan Freemans Figur ist die Personifizierung des sogenannten "Magical Negro"-Klischees, übertroffen allenfalls von Frank Darabonts nächster King-Verfilmung The Green Mile)

Es lässt sich wirklich nur darüber spekulieren, warum ausgerechnet ein handelsüblicher Unterhaltungsfilm wie dieser, ein bis ins Mark konventionelles Rührstück und Erbauungsdrama, dessen dramaturgische Erlösungsstrategie für jeden klar ersichtlich ist, nun die Beliebtheitslisten der mehr oder weniger filmaffinen Zuschauer anführt. Vermutlich spielen sowohl die Distributionsverhältnisse des Films als auch dessen gewaltige und, das vielleicht ganz besonders, als übergangen empfundene emotionale Kraft eine Rolle. Im Kino erwies sich Die Verurteilten als gerade so profitabel, bei der Oscarverleihung ging er trotz siebenfacher Nominierung leer aus.

Erst auf VHS entwickelte sich der Film vom Geheimtipp zum Muss, bis heute wird er von vielen als Rohdiamant empfunden, der umso nachhaltiger poliert gehört. Dass die internationale Filmkritik ihm ungleich weniger Aufmerksamkeit einräumt, zeigte nicht zuletzt das kürzlich veröffentlichte Ergebnis des umfassenden Sight and Sound Polls. Über 1000 Filmkritiker nannten dort ihre Lieblinge, weit über 2000 Titel fanden Erwähnung. Nur ein einziges Mal jedoch wurde Die Verurteilten genannt – von der britischen Filmjournalistin Karen Oughton, auf deren Liste sich außerdem A Serbian Film und Der New York Ripper vereinen. Aber was wissen schon die Kritiker.

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