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Norwegische Postmoderne

Eine Reise in Jens Liens dystopisches Anderland

16.09.2014 - 13:00 UhrVor 5 Jahren aktualisiert
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© Sandrew Metronome Norge A/S
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Dieser Text enthält Spoiler zu folgenden Filmen: Anderland.

Utopie und Dystopie im Film

Die Idee von einer fiktiven Gesellschaftsordnung, die zwar nicht in der Wirklichkeit existiert, wohl aber denkbar und möglicherweise sogar erstrebenswert ist, also die Utopie, ist natürlich nicht nur als reines politisches Gedankenexperiment, als eine bloße Vision einer alternativen, besseren Gesellschaft, sondern auch bereits seit mehreren Jahrhunderten als literarische Gattung etabliert. Der Begriff der Utopie lässt sich dabei auf Thomas Morus' Roman Utopia zurückführen. Der titelgebende fiktive Inselstaat, den Morus darin als Gesellschaftsentwurf zeichnet, ist der Ausgangspunkt für eine Gattungsbezeichnung, die mittlerweile längst nicht mehr nur auf die Literatur beschränkt ist, sondern auch in anderen Medien wie dem Film oder – in jüngerer Vergangenheit – dem Videospiel Einzug gehalten hat.

Ein Blick auf die bedeutenden Gesellschaftsvisionen der Filmgeschichte offenbart allerdings, dass der utopische Film eine eindeutige Minderheit darstellt und dass das Genre klar von der Dystopie, dem Gegenentwurf zur Utopie dominiert wird. Die utopischen Gesellschaften des Films sind in der Regel dystopische. In Schon im Jahr 1927 schuf Fritz Lang in der frühen Geschichte des Mediums mit Metropolis eine beispielhafte Dystopie vor einer futuristischen und selbst heute noch beeindruckenden Kulisse. Dass die filmischen Zukunftsvisionen generell eher dystopisch als utopisch angelegt sind, verwundert nicht, sorgt doch schließlich das Konfliktpotential einer Gesellschaft, die – wenn überhaupt - nur dem ersten Anschein nach als gut empfunden werden kann, für eine möglicherweise spannende Filmhandlung. Es gibt sie natürlich auch, die utopischen Filme, die gänzlich ohne dystopische Elemente auskommen. Ein Beispiel hierfür ist Into the Wild (Sean Penn, 2007). Das Drama erzählt die Geschichte eines Mannes, der sich von unserer Gesellschaft abwendet und ein naturverbundenes, besseres Leben in der Wildnis anstrebt. Doch sind es gerade die dystopischen Filme, aus denen zahlreiche Klassiker der Filmgeschichte und speziell des Science-Fiction-Genres hervorgegangen sind wie unter anderem Flucht ins 23. Jahrhundert (Michael Anderson, 1976), Blade Runner (Ridley Scott, 1982), Brazil (Terry Gilliam, 1985) und The Matrix (Andy u. Lana Wachowski, 1999).

Durch die filmischen Möglichkeiten sind Dystopien neben der inhaltlichen Ebene auch in der formalen Gestaltung eine distinkte Gattung. Im Laufe der Zeit haben sich ästhetische Konventionen herausgebildet, die vom Setdesign bis hin zu den Kostümen reichen; von gigantischen Häuserschluchten in dicht bevölkerten Megastädten bis hin zu den streng geschnittenen, farbarmen Uniformen der vollziehenden Staatsgewalt. In der letzten Dekade lässt sich jedoch ein Aufkommen postmoderner Dystopien beobachten, bei denen sich die Fokussierung ihres Gesellschaftsentwurfs weg von der ausschließlichen Regulierung durch die Obrigkeit und hin zu innergesellschaftlichen Konflikten bewegt, deren Ursprünge viel stärker bei den Individuen und ihren Umständen liegen. Zwar spielt der Staat hier nicht zwingend eine untergeordnete, aber zumindest eine passivere, eine indirekte Rolle. Filme dieser Art zeichnen sich in visueller Hinsicht oft durch eine wirklichkeitsnahe Inszenierung und einer nur geringfügig futuristischen Ästhetik aus. Beispiele dafür sind Children of Men (Alfonso Cuarón, 2006) und Jens Liens im selben Jahr erschienener Anderland, auf dessen dystopische Elemente im folgenden genauer eingehen möchte.

Anderland wurde 2006 auf den Filmfestspielen von Cannes uraufgeführt und gewann dort den ACID-Award. Außerdem wurde der Film mit dem norwegischen Filmpreis Amanda für die Regie, das Drehbuch und die Darstellung Trond Fausa Aurvaags als Protagonist Andreas ausgezeichnet. Der Originalitel des Films, "Den brysomme mannen" lässt sich mit „Der lästige Mann“ übersetzen und erweist sich im Nachhinein als ziemlich passend zur Handlung, geht es doch schließlich um einen Mann in einer gefühlskalten, oberflächlichen Gesellschaft, der sich für das vorherrschende System als Störfaktor entpuppt. In den folgenden Textabschnitten werde ich darlegen, inwiefern sich Anderland sowohl inhaltlich, als auch visuell als Dystopie präsentiert, an welchen Stellen das Bild des typischen dystopischen Films dekonstruiert wird und warum Jens Lien diese Entscheidungen traf. Dieser Text soll die dystopischen Elemente des Films herausstellen, zugleich aber ebenfalls aufzeigen, ob und in welcher Form sich auch utopische Elemente finden lassen.

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