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Textgeschenke zum Geburtstag #10

Eine Spezial-Geburtstagslieferung für Wes Anderson

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"Ich trage meine Persönlichkeit mit dem Pinsel auf."

Für Mai wählte der Schreibzusammenschluss Textgeschenke zum Geburtstag einen Star aus, der sich mit seinen kunterbunten, geometrisch bis ins letzte Detail genau komponierten Bildern in unser Herz manövriert hat. Nach Stars wie Al Pacino, Kevin Spacey, Kate Winslet und zuletzt auch Jack Nicholson haben wir diesmal Independent-Regisseur Wes Anderson als unser Geburtstagskind auserkoren.


colorandi_causa über Rushmore (1998)

I saved Latin. What did you ever do?

Zarte 48 Jahre wird Wesley 'Wes' Anderson heute und schaut trotzdem bereits auf über 20 Jahre des Filmschaffens zurück. Großartig verändert, hat er sich in der Zeit sowohl äußerlich als auch thematisch in seinen Filmen wenig bis gar nicht. Seinem Stil ist er bis heute treu geblieben und kaum einen anderen Regisseur erkennt man so deutlich in seiner Signatur, was ihn - wie so viele in der Kunst - zu einer nicht unumstrittenen Persönlichkeit macht. Denn eines sollte man bei seinen Filmen nicht erwarten: Dass sie freidrehen, Raum für Improvisation bieten oder Pfade verlassen bzw. sich zwischenzeitlich neu erfinden. Seine klaren Strukturen hält Anderson stets bei, bei dem von Szene zu Szene alles drapiert und genau geplant ist und die Finesse eines Automatikuhrwerks aufweist, in der jedes Zahnrad in das nächste greift und nichts dem Zufall überlassen wird. Auf diese Weise behält er sich eine Menge der Magie eines Theaterstücks bei. Die Kamera setzt vor allem auf das, was sie fotografiert und wird nie hektisch oder verliert sein Bild aus den Augen. Deswegen sind Schwenks und das Spiel mit der Schärfentiefe wohl temperiert und mehr Mittel zum Zweck, um zum heiligen, perfekt geframeten, Bild zurückzukommen.

Bottle Rocket mag zwar sein erster richtiger Film gewesen sein, aber mit Rushmore hat er meiner Meinung nach den wirklichen Durchbruch geschafft und das Filmherz seiner Fans erobert. Hier legt er auch stilistisch den Grundstein für sein weiteres Œuvre und den tonalen Grund auf den sie fußen. Die Geschichten seiner Ergüsse sind - wie auch Rushmore - dabei generell überhöht (man könnte gar "verschroben" sagen), spielen mit dem Surrealen ebenso wie mit märchenhaften Zügen, wollen dabei aber überhaupt kein Abbild realer Zustände darstellen, selbst wenn sich gesellschaftskritische Spitzen auftun. Denn bei aller Tragik und Komödie sind Andersons Filme natürlich durch sein kunsthandwerkliches Geschick verzerrt und spielen in ihrer eigenen Welt.

Aber auch wie in Märchen gibt es hier immer eine Aussage, die „Moral von der Geschicht'“, wenn man denn so will. Im Speziellen bezieht sich das im Fall Rushmore, auf die Selbstfindung seiner Protagonisten. Max (Jason Schwartzman) versucht zwanghaft ein Bild von sich zu erschaffen, welches seiner Natur widerspricht, mehr auf Eindruck schinden aufbaut, als auf die individuelle Entfaltung seines Charakters. Er würde gerne älter sein, aus anderem Hause kommen und die Realität nach Belieben ändern, vergisst dabei jedoch, dass er immer noch ein Jugendlicher ist, was Freundschaft ausmacht und welchen Wert sie ausmacht oder, das Erfolg aus eigenem Talent und Fleiß besteht.

Herman (Bill 'fucking' Murray) hingegen blickt missmutig und deprimiert auf seinen "Erfolg" zurück. Er ist unzufrieden mit dem Status Quo, angewidert von dem, was sein Leben scheinbar noch zu bieten hat und sieht in Max die Möglichkeit aus diesem Trott auszusteigen und die jugendliche Beschwingtheit einmal mehr zu erfahren und ein Kapitel seines Lebens neu zu schreiben. Was er dabei vergisst, ist, dass er als Erwachsener mehr Verantwortung für sein Handeln trägt und diese dadurch auch weitreichender ist. Es geht also nicht nur darum, alles auf den Kopf zu stellen und Dinge zu verleugnen, sondern sich auch mit den Gegebenheiten auseinanderzusetzen.

Man muss für diese Art von Film vielleicht einen kleinen Fetisch haben. Zugegeben, dieser Stil ist nichts für Jedermann und der Humor ist durch sein etwas Spitzbübisches, lakonisch-schwarzen Höhen sehr eigen, aber wenn man einmal gefangen wurde, dann lassen sie einen nicht mehr los. Deshalb darf Wes Anderson gerne so bleiben wie er ist und seine Filme dürfen weiterhin seinem stilistischen Duktus folgen. Ich fahr' voll drauf ab.

In diesem Sinne: Alles Gute und auf viele weiter Jahre und Filme!



Amarawish über Darjeeling Limited (2007)

I wonder if the three of us would've been friends in real life. Not as brothers, but as people.

Die Zusammenkunft von drei ungleichen Brüdern, die gezwungenermaßen eine Selbstfindungsreise durch Indien für ihr Seelenwohl beginnen, scheint schon zu Anfang unter keinem guten Stern zu stehen, denn nicht nur ist jeder von ihnen in seiner Trauer um ihren verunglückten Vater gefangen, sondern um das verlorene Vertrauen gegenüber seinen Geschwistern hilflos der aktuellen Situation der Neulokalisierung ihrer Leben ausgeliefert.

Die Mutter auf der Flucht vor ihrem alten Leben und Wunden ist nicht anders wie ihre Söhne unter Zugzwang, denn was könnte eine Familie mehr auseinander reißen als ein Unglücksfall der tragischen Art. Und auch wenn jeder auf seine Weise trauert, so ist der Tapetenwechsel zwar nicht zwangsläufig immer gut, jedoch eine besinnliche Achtsamkeitsübung und aus der Notwendigkeit geborene Zukunftsschmiede.

Rituale werden neu geboren, abgebrochene anders weitergelebt oder fortgesetzt. In ihrer Absurdität und Komik nicht um die Trauerarbeit herumzukommen, sind es die spontanen Situationen auf ihrer zuerst unfreiwilligen Reise, die sie zusammenschweißen, neuen Lebensmut schöpfen lassen und die Zukunft ein klein wenig offener entgegenzutreten.

Manches lässt sich nicht umgehen, anderes muss seine Wiederholung finden und oft ist es die spontan gefundene Erkenntnis, dass manchmal das Zurücklassen von emotionsbehafteten Gespäckstücken schon eine Erlösung und auch der Beginn die Vergangenheit hinter sich zu lassen sein kann.

….

Wie so oft schickt uns Wes Anderson wie auch in Darjeeling Limited auf eine leichtfüßige Reise durch mehr als ansehnliche, passgenaue, meist sehr zentral ausgerichtete Einstellungen, die sowohl farblich als auch geometrisch gesehen perfekt aufeinander abgestimmt sind.

So manche Stimmen mögen behaupten Andersons stets deutlich erkennbarer Stil sei nur rein optisch betrachtet eine Augenweide und ohne jegliche Substanz, doch lässt man sich durch seine Welt mit seinem doch sehr einzigartigen Blick führen, so erkennt man, dass doch mehr dahinter steckt.

Sein Konzept ist zweifelsohne schlicht, aber genau durch seine Leichtigkeit immer ein voller Genuss. Als jemand, der für jedes kleinste Detail einen Sinn in seinem Kopf ersehen hat, hat Anderson für den Zuschauer die Lösung schon parat. Nicht wie bei einem abstrakten Gemälde soll frei interpretiert, sondern vielmehr bewusst der dargelegten Bedeutung gefolgt werden, die vielleicht sogar noch mit eindeutig, leicht trockenem, teils schwarzem Humor versehenen Sätzen untermauert wird.

Für mich ist der stets unterhaltsame, kindliche Blick auf seine Welt, wo man Realität und Surrealität fusioniert vorfindet und die durch exzentrisch, sympathische Figuren und dessen, oft sehr skurrilen Beziehungsgeflechten angereichert sind, als Form- und Farbenerzählstruktur bis jetzt unerreicht.

Anderson erschafft für mich immer das wohlige Gefühl, dass selbst die surrealistischen Momente in seiner Märchenrealität ihre eigene Wirklichkeit und somit Klarheit erzeugen können. Seine Weltsicht ist zwar manchmal durchaus realistisch, aber immer von einer Magie angereichert, die Absurditäten einbindet und so eine träumerische Sicht offenbart. Eine Verführung, die vielleicht als naiv erachtet wird, aber dafür umso angenehmer begutachtet werden kann und selbst, wenn doch ernste Themen aufkommen hat man nie das Gefühl angestrengt der Handlung folgen zu müssen, sondern lediglich die Sichtweise eines Kindes angenommen zu haben.

Das ist sicherlich ein großer Teil davon, warum seine Filme so eine Faszination auf mich ausüben. Vielleicht mögen sie keine allseits beliebten Meisterwerke oder Meilensteine der Filmgeschichte sein oder werden, jedoch haben sie in ihrer Einzigartigkeit das Bewusstsein geschaffen, dass dieser Indie-Regisseur für so manchen doch ein kleines Genie ist und hoffentlich noch weitere, so akribisch durchdachte Werke wie auch Darjeeling Limited oder Grand Budapest Hotel erschaffen wird.

Alles Gute zum Geburtstag, Wes Anderson!

Den Kommentar zum Film findet ihr auch
hier.



ElsaWaltz über Moonrise Kingdom (2012)

I love you, but you don't know what you're talking about.
I love you, too.

Wes Anderson ist wohl einer der spannendsten Regisseure unserer Zeit. Mit so viel Herzblut geht er an seine (oftmals verrückten) Ideen heran. Allein von den Kostümen, der Maske und der Ausstattung sind seine Filmwerke kleine Kunstwerke.

Ich muss zugeben, ich hatte was anderes von Moonrise Kingdom erwartet. Ich kann nicht in Worte fassen, was genau das war, aber ganz bestimmt nicht die Geschichte, die der Film letztendlich erzählt. Aber sie gefällt mir trotzdem. Oder vielleicht gerade deswegen?

Wie sehr zwei verliebte Kinder doch eine ganze Gemeinde in Aufruhr bringen kann. Hier bleibt keinem der Beteiligten das Drama erspart. Aber ist es wirklich ein Drama? Irgendwie schon. Es ist aber auch eine Komödie und eine verdammt ehrliche Liebesgeschichte über zwei Außenseiter.

Irgendwie macht es glücklich zu sehen, wie hilflos plötzlich Erwachsene gegenüber einer solchen Liebe sind, die Freundschaften entstehen lässt. Zwei Liebende sind nicht leicht voneinander zu trennen und seinen sie noch so jung.

Die zwei Außenseiter werden wundervoll von Jared Gilman und Kara Hayward gespielt, die Namen des restlichen Casts sprechen für sich. Bruce Willis, Bill Murray, Edward Norton, Jason Schwartzman und Tilda Swinton. So ein Aufgebot von Darstellern vermag fast nur Wes Anderson um sich versammeln zu können. Und er schafft es immer wieder. Sehr überrascht hat mich Bruce Willis, den ich sonst nur in Actionfilmen gesehen habe. Überrascht natürlich nur im positiven Sinne.

Wie in jedem meiner Kommentare möchte ich auch hier nochmal auf die Filmmusik aufmerksam machen. Alexandre Desplat ist auch für diesen Film von Anderson gebeten worden die Musik zu komponieren und man fragt sich nicht, warum. Neben eigenen Kompositionen hat er auch Lieder von anderen Musikern verwendet. „The Young Person’s Guide to the Orchestra” von Benjamin Britten spielt hier eine zentrale Rolle.

Moonrise Kingdom ist einer dieser typisch skurrilen Filme, die nur Wes Anderson zu drehen vermag. Jedes kleinste Detail, das von der Kamera eingefangen wird, ist mit solch einer Hingabe arrangiert. Ich selbst würde gerne mal in eine der vielen Welten von Wes Anderson eintauchen. Es wäre wahrscheinlich nicht die Welt von Moonrise Kingdom, die auf Platz eins meiner Liste steht, aber für ein paar Tage würde ich die Inseln bestimmt erkunden wollen.

Ich danke dir für diesen schönen Film, liebes Geburtstagskind.
Ich wünsche dir alles Gute zu deinem 48. Geburtstag, Herr Anderson und freue mich auf die vielen weiteren verrückten Welten, die du für mich und viele andere auf die Kinoleinwand zaubern wirst!

Den Kommentar zum Film findet ihr auch hier.


(VincentVega) über Grand Budapest Hotel (2014)

Rudeness is merely an expression of fear. People fear they won't get what they want. The most dreadful and unattractive person only needs to be loved, and they will open up like a flower.

Wes Anderson hat es. Dieses gewisse Etwas. Das gewisse Etwas um als Künstler komplett unnachahmbar zu sein.

Mit jedem Frame sieht man seine Liebe zum Medium Film, seine explosive Kreativität, spürbar in seinen skurrilen Drehbüchern und den Aufbauten seiner Settings. Kein Wunder, dass sich so viele Größen der Darstellerriege regelmäßig zusammenfinden um mit ihm zusammenzuarbeiten.

Hier nimmt er den Zuschauer mit in die fiktive Republik Zubrowka und erzählt die absurde aber auch herzerwärmende Geschichte des Hotelconcierges Gustave H. (Ralph Fiennes) und seines Lobbyboys Zero Moustafa (Tony Revolori).

Die verzwickte Liebesgeschichte zwischen Moustafa und seiner geliebten Agatha, welche den Kern des Filmes ausmacht, wird in mehreren Kapiteln und in verschiedenen Zeitebenen dargestellt, gleichzeitig jedoch findet man sich in einer Irrfahrt wieder, aus den kleinen Geschichten die ein Hotel wie das "Grand Budapest" hergibt.

Der Concierge und sein Lobbyboy werden in eine unterhaltsame Geschichte rund um ein verschwundenes Renaissancegemälde und ein Familienvermögen verstrickt, auf das mehrere Parteien ihren Anspruch erheben.

Dass dies in schwierigen politischen Zeiten geschieht, in denen sich das Krebsgeschwür Faschismus weiter ausbreitet und einen Kontinent in ein dunkles Zeitalter führen wird, macht das ganze Unterfangen nicht unbedingt einfacher.

Anderson wehrt sich dagegen mit voller Farbenpracht und Extravaganz, sodass die ganze Zeit über ein Optimismus herrscht, trotz der, nüchtern betrachtet, schrecklichen Ereignisse die sich im Staate Zubrowka anbahnen.

All dies verwebt Anderson zu einem kunterbunten Potpourri der Verspieltheit und Tragik. Wie kein Zweiter kann er solche Geschichten erzählen und dabei nicht in Kitsch abrutschen, so dass man der Geschichte mit einem gewissen Ernst folgen, sich aber trotzdem von den märchenhaften Schauwerten und Klängen des famosen Soundtracks einlassen kann.

Die Kulisse des Hotels ist so schön gezeichnet, dass ich als Zuschauer, mich freuen würde über mehr famose Geschichten aus dem altehrwürdigen "Grand Budapest" und seinen schrulligen Mitarbeitern und Gästen. Es wirkt gar nicht wie eine Kulisse, sonder ein wahrhaftiger Ort, voller Reminiszenzen und Details, der glorreiche Zeiten hatte und voller Geschichte steckt.

Ich hoffe, dass Wes Anderson auch in den nächsten 48 Jahren nicht seine Kunstfertigkeit verliert und weiterhin Filme dreht, wie diese.

Daher, Alles Gute Mr. Anderson.

Den Kommentar zum Film findet ihr auch hier.



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Lest mehr von uns im Juni:

Im kommenden Monat beschenken wir Tony Leung.

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Was haltet ihr von unserem Geburtstagskind Wes Anderson?

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