Fargo - Staffel 3, Episode 9: Die Abrechnung kommt zum Schluss

Fargo
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Fargo
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the gaffer Jenny Jecke
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"It's true we had a gentleman's agreement, but unfortunately, I am no gentleman."

Als Nikki und Mr. Wrench seelenruhig mit dem rollenden Hauptquartier von Varga davon fahren, habe ich einen Freudenschrei ausgestoßen. Was man eben so tut, wenn man allein zu Hause seinen Kaffee schlürft und eine Serie guckt... Die angehende Bridge-Meisterin gedenkt, das infernalische Schandmaul mit Trenchcoat-Faible auszunehmen und meine Kickstarter-Unterstützung kriegt sie für einen Lebensvorrat an Briefbeschwerern im Granaten-Look. Ausgehend von Aporia (S03E09) und dem Aufwärtstrend der hinteren Staffelhälfte wartet ein großes Finale auf uns. Dass die Autoren von Fargo liefern können, haben sie ein ums andere Mal bewiesen, besonders in dieser Folge, die lang erwartete Konfrontationen und Geständnisse bereithält. Fargo kann brutal sein (fragt nur den kopflosen DJ Qualls), die Serie kann dank ihrer schicksalhaften Zufallsketten kaltblütig wirken (fragt jeden einzelnen Stussy), doch Fargo wäre nur selbstverliebtes Coen-Posing ohne die pochende Güte im Zentrum der Serie. Die 3. Staffel schien sich in dieser Hinsicht bisweilen in einem Winterschlaf zu befinden. Ohne dieses ausgedehnte Nickerchen wäre die Umarmung von Winnie und Gloria aber wohl nur halb so ergreifend. Ich glaube ich war noch nie so froh zu sehen, wie sich jemand nach dem Klogang die Hände wäscht.

Apropos Klo: Es gibt kaum etwas, das ich abstoßender finde, als die Vorstellung, dass jemand auf der (öffentlichen) Toilette sitzt und genüsslich isst. Insofern erscheint mir die Szene, in der Varga (David Thewlis) die Schoko-Eiscreme in sich hineinstopft und die Kamera einen weiteren Gammel-Zahn-Close-up androht, um ein vielfaches ekliger als ausgedrückte Matscheaugen in Game of Thrones. Wurde Emmit (Ewan McGregor) in der letzten Folge von der psychologischen Kriegsführung mit Hilfe von alten Karren und Briefmarkenpostern tormentiert, ist nun Varga an der Reihe. Nikki (Mary Elizabeth Winstead) und Mr. Wrench (Russell Harvard) stehlen wichtige Daten aus seinem Lastwagen, die zunächst einmal zur Erpressung dienen.


Was Thewlis die Gelegenheit gibt, dem Internet ein paar memewürdige Gesichtsausdrücke zwischen Überraschung, Missbilligung und entzücktem Lächeln zu schenken, die alle aussehen, als würden unsichtbare Finger an seinen Mundwinkel herumziehen. Varga bleibt mehr Maske als Charakter in dieser Staffel von Fargo. Verkörperte Lorne Malvo das Böse, ist Varga die Gier und zwar eine Gier ohne Grund, ohne Befriedigung oder Sättigungsgrad. Seinen Opfern streut er monologischen Sand in die Augen, Plattitüden, die sich facehuggergleich festsaugen und die Wahrnehmung der Realität verzerren. "A lie is not a lie, if you believe it's true." Oder: "The problem is not that there is evil in the world. The problem is that there is good. Because otherwise: Who would care?" Nach acht Folgen wirkt Varga ein wenig wie der Mittzwanziger-Kumpel, der nicht aufhören kann, das maskuline Krisengelaber aus Fight Club zu rezitieren, als wäre ihm unter einem Bodhi-Baum die Erleuchtung widerfahren. Der Abnutzungseffekt seiner Reden hatte (frustrierend) Methode, das zeigte sich bereits in der letzten Episode durch Emmits Rebellion.

Nikkis Abrechnung kommt also gerade recht. "I wanna hurt you, and not be your pet", stellt sie in einer der vier großen Dialogszenen dieser Folge fest. In der Hotellobby sitzt sie Varga gegenüber. Eingeführt wird der Ort per Vogelperspektive, Meemo (Andy Yu) guckt schließlich durch sein Zielfernrohr zu. Danach hat es etwas von einer Duellsituation, wie sich Varga und Nikki gegenübersitzen, er ihr einen Tee nach Mutters Rezept anbietet, im Hintergrund sich ein weiterer Trenchcoat tragender Herr niederlässt, usw. Strategin Nikki ist ihm aber stets einen Schritt voraus. Ihre Cleverness in diesem etwas anderen Bridge-Turnier um Leben und Tod untermalt die qualitative Dominanz der Frauenfiguren in dieser Staffel von Fargo, gerade jetzt wo Sy und Ray aus dem Spiel genommen wurden und nur noch Fratze Varga und Emmit unter den Hauptfiguren verbleiben. "I'm starting to really dislike you", meint Varga und auch hier ist nach allem, was Nikki durchmachen musste, ein kleines bisschen Jubel angebracht.

Nachdem in der letzten Folge mit ihrer zwischenweltlichen Bowling-Sequenz die Grenzen der Realität bröckelten, zeigt Aporia Fargo von seiner handfesten Krimiseite, nämlich im besten Sinne plot- und charakterorientiert. Das Doppelgängermotiv aus der Varga-Nikki-Szene findet sich in abgewandelter Form im Polizeirevier, wenn Gloria (Carrie Coon) und Emmit sich in zwei Szenen ihre Geschichten erzählen. Per endloser Spiegelung verfielfältigen sie sich im Raum. Einerseits trägt das auch diese Bilder ins Surreale, erscheinen sie doch wie eine Mise en abyme, ein Bild im Bild im Bild oder: eine Geschichte innerhalb einer Geschichte innerhalb einer Geschichte. Andererseits werden die Figuren in der zweiten Szene, in der Gloria Emmit freilassen muss, auf diese Weise visuell isoliert. Emmit will sich stellen, Varga aber liefert er aus Furcht nicht ans Messer.

Es gibt ungefähr 2468 verschiedene Möglichkeiten eine Dialogszene zwischen zwei Figuren zu inszenieren und die vier zentralen in dieser Episode von Fargo könnten als Studienbeispiel dienen. Jenseits der skurrilen Twists und zitierfähigen Zeilen bietet Fargo Handwerk allererster Güte. In der Bussequenz aus der letzten Folge war das zu bestaunen und diesmal in der Art, wie die unterschiedlichen Figurendynamiken und Kräfteverhältnisse in Einstellungsgrößen und Schnittfolgen suggeriert werden. Wie beispielsweise in der Geständnisszene von Emmit Carrie Coons fragendes Profil sich mit Ewan McGregors Gesicht abwechselt, das sich halb ihr, halb uns zuzuwenden scheint. Es braucht einen Schauspieler wie McGregor, um Emmits Erzählung über den plötzlichen Tod seines Vaters und die Manipulation seines jüngeren Bruders uns vor Augen zu führen, es braucht aber auch eine Inszenierung, die dem gewachsen ist. Hier zeigen Regisseur Keith Gordon (der auch das Finale verantwortet) und seine Kollegen in Kamera und Schnitt ihr Können. Fargo fällt gern und wiederholt durch formale Spielereien auf, in den entscheidenden emotionalen Szenen aber wissen die Macher sich dem Stoff unterzuordnen.

So erzählen sie ihre Geschichten, Emmit und Gloria, Varga und Nikki, während der New-Chief (Shea Wigham) die neu auftauchenden Leichen und Beweise im Stussy-Fall verschlingt wie Varga seine Eiscreme. So viel geredet wird in Aporia, dass man fast übersieht, wie weit doch die Gesprächspartner voneinander entfernt sind. "I got a whole speech I could make", droht Polizistin Winnie gegen Ende an der Bar, als Gloria ihr von ihrer niederschmetternden Vorstellung erzählt, dass sie vielleicht nicht existiert, dass Sensoren und Telefonleitungen und Ehemänner und Kollegen sie deswegen nicht registrieren. In einer Staffel, in der die Fakten so massiv dekonstruiert und nach Belieben wieder zusammengesetzt wurden, teilen die beiden Freundinnen einen seltenen Moment der Wahrheit. Glorias befreiende Antwort in dieser, einer der besten Szenen der ganzen Serie: "Please don't."


Zitat der Folge: "30 years I've been killing him. That was just when he fell."

Anmerkungen am Rande:

  • Ein Ablenkungsmanöver aus dem Repertoire professioneller Killer: Der Rasensprenger im Winter.
  • Was für eine Ironie es wäre, wenn ausgerechnet der zwangsgestörte Steuertyp Larue Dollard (Hamish Linklater) dem ekligen Klofresser Varga in die Quere kommt.
  • Zwischen den Tony Awards und Fargo markierte diese Woche ein regelrechtes Keyser Söze-Revival.
  • Die 10. Stunde dieser Fargo-Staffel könnte die letzte sein, meinte Noah Hawley kürzlich. Eine Absage an Staffel 4 ist das allerdings noch nicht.


Fargo Recap 1: Staffel 3, Episode 1: The Law of Vacant Places
Fargo Recap 2: Staffel 3, Episode 2: The Principle of Restricted Choice
Fargo Recap 3: Staffel 3, Episode 3: The Law of Non-Contradiction
Fargo Recap 4: Staffel 3, Episode 4: The Narrow Escape Problem
Fargo Recap 5: Staffel 3, Episode 5: The House of Special Purpose
Fargo Recap 6: Staffel 3, Episode 6: The Lord of No Mercy
Fargo Recap 7: Staffel 3, Episode 7: The Law of Inevitability
Fargo Recap 8: Staffel 3, Episode 8: Who Rules the Land of Denial?

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