Game of Thrones und das blendende Spektakel

Game of Thrones: Battle of the Bastards
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Game of Thrones: Battle of the Bastards
moviepilot Team
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Meint es gut mit den Menschen.

Spätestens seit der dritten Staffel gehört eine gewisse Hysterie zu Game of Thrones wie Drachen zu Daenerys Targaryen. Die wahlweise empörte oder enthusiastische, also höchst indifferente Rezeption der Serie ist vielleicht ihr Erfolgsgeheimnis – himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt, darunter (oder eher: dazwischen) scheint das Publikum ihr mittlerweile verselbständigtes "Lied von Eis und Feuer" nicht mehr anstimmen zu wollen. Dass Fans sich offenbar schwer damit tun, eine gesunde Distanz zu jenen Figuren und Ereignissen zu wahren, für die die Serie aus gutem Grund keine vorbehaltlosen Identifikationsangebote macht, hat mich bereits an anderer Stelle gewundert. Die aktuelle sechste Staffel aber offenbart ein weiteres Phänomen: Lautstark geäußerte Kritik an vermeintlich ungelenken Drehbuchmanövern und dramaturgisch ereignislosen Durststrecken kann auf einen Schlag von Actionszenen pulverisiert werden, die angeblich alles übertreffen, was es jemals an Schlachten im Kino und erst recht im Fernsehen zu sehen gab.

Das serienaffine Internet jedenfalls befindet sich seit Ausstrahlung der Battle of the Bastards getauften letzten Folge Game of Thrones im Ausnahmezustand. Dort, wo man sich noch eine Woche zuvor auf suboptimale Nebenschauplätze der Serie einigte (die ausgewalzte Flucht von Arya Stark aus Braavos, der isolierte Handlungsstrang um den "Hund" Sandor Clegane, das eingeschoben wirkende Ringen um die vom Blackfish besetzte Burg Riverrun), liefern sich Fans jetzt einen Wettbewerb der Superlative. Das zweifellos beeindruckende Zusammentreffen von Jon Snow und Ramsay Bolton setzt die Tradition der besonders dramatischen neunten Folge einer jeden Staffel Game of Thrones zwar absehbar, doch mit hohem Aufwand fort. Vergleiche zur immersiven Kriegsfilmästhetik von Spielbergs Der Soldat James Ryan werden gezogen, zu den Schlachtgemälden aus Braveheart und – wohl unvermeidlich – auch zu Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs, dem Höhepunkt der Fantasy-Trilogie von Peter Jackson.

Solche Vergleiche sind legitim, wenn nicht sogar zwingend, solange Game of Thrones einerseits von historischen Kriegen inspiriert ist (der Battle of the Bastards nahm sich, wie man beim Time Magazine lesen kann, die Schlacht von Cannae zum Vorbild), andererseits aber natürlich bestimmte Überbewältigungsspektakel des Kinos emuliert: Der Shutter-Effekt, den Spielbergs Nachstellung des D-Day salonfähig machte, kommt auch in den Schlachtszenen von Game of Thrones zum Einsatz (wenngleich nicht so inflationär wie bei Ridley Scott), und scheinbar schnittlose Kamerabewegungen über und durch barbarisches Kampfgetümmel sah man zuletzt in The Revenant - Der Rückkehrer. Bei einfachen Vergleichen aber wollen es viele Fans nicht belassen. Sie kürten die jüngste Episode Game of Thrones zur besten Serienfolge der Fernsehgeschichte und behaupten, die Schlacht um Winterfell suche ihresgleichen: So intensiv und aufwändig seien Kampfszenen noch nie gefilmt worden, heißt es an nicht wenigen Stellen.

Es braucht also offenbar ein an Kinoästhetik geschultes TV-Spektakel, um das ausgeleierte "Fernsehen ist das bessere Kino"-Narrativ zu erneuern. Vergessen scheinen die "Rote Hochzeit" (Staffel 3), deren Konsequenz massenhaft gekündigte HBO-Abonnements waren, oder der sadistische Umgang mit Frauenfiguren (Staffel 5), bei dem die Wellen der Empörung noch vor einem Jahr hochschlugen. Dieses Wechselbad der Gefühle ist eigentlich sympathisch, zumindest aber konsequent: So sehr möglicherweise schwächere Elemente der Serie für Entrüstung sorgen, so sehr begeistern sich Fans wiederum für ihre Stärken. Als jemand, der Game of Thrones seit Beginn schätzt, aber ein vergleichsweise entspanntes Verhältnis zu den Höhen und Tiefen der Serie pflegt, kommen mir diese Reaktionen nichtsdestotrotz etwas albern vor. Denn obwohl es gerade Fans sind, die ihrem Lieblingsgegenstand mit besonderer analytischer Schärfe entgegentreten, scheinen sie sich vom emotionalen Diktat dieses Gegenstandes völlig vereinnahmen zu lassen.

Natürlich reicht der Battle of the Bastards nicht an die großen Schlachtinszenierungen des Kinos heran. Eine Serie, die mit 100 Millionen Dollar Produktionskosten pro Staffel zwar teuer ist, aber sich nicht den logistischen Aufwand von Klassikern wie Lawrence von Arabien oder Spartacus leisten kann, muss das auch gar nicht. Diese Filme bleiben schon deshalb unerreicht, weil sie epische Kämpfe ohne Zuhilfenahme computergenerierter Spezialeffekte simulierten. Ich habe kein Problem mit digitalen Massenszenen oder Filmen, die ihre Künstlichkeit sogar bewusst ausstellen (wie zuletzt etwa Bahubali: The Beginning oder der CGI-Camp von Paul W.S. Anderson). Doch es erstaunt mich, wie leichtfertig im Kino Urteile gefällt werden über etwas, das gut oder schlecht getrickst sein soll (als ob es ein ungeschriebenes Gesetz über rechtmäßige Spezialeffekte gebe), während bei einer Serie wie Game of Thrones von derartiger Kritik abgesehen wird – obwohl Daenerys Targaryen auf ihren Drachen eine mindestens so steife Figur wie Eragon macht und Computer-Män­ne­ken nun mal keine Statisten sind.

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