Ghostland - Pascal Laugier über Mainstream-Horror und sexlose Pornos

Pascal Laugier
© Capelight Pictures
Pascal Laugier
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Am 05.04.2018 startet der Horrorthriller Ghostland in den deutschen Kinos. Darin erfahren die zwei Schwestern Beth und Vera nach einem Einbruch den absoluten Horror. Viele Jahre nach dem traumatischen Erlebnis ist Beth eine erfolgreiche Schriftstellerin. Als sie sich erneut an den Ort des Schreckens begibt, beginnt der Horror der Vergangenheit sie einzuholen. Zur Premiere von Ghostland in Deutschland haben wir uns mit Regisseur Pascal Laugier zum Interview getroffen und mit ihm über seinen neusten Horrorfilm, das Horrorgenre und das 10-jährige Jubiläum seines Extrem-Schockers Martyrs reden können.

moviepilot: Wie ist die Idee zu Ghostland entstanden?
Pascal Laugier: Man kann nie wissen, wie die Ideen auf einen zukommen. Im Gegensatz zur Auffassung vieler Leute lasse ich mich nicht von Zeitungsartikeln inspirieren. Niemals. Ich beginne meistens mit meiner Obsession zum Leiden und was die Bedeutung davon ist. Ich denke darüber nach, was das Genre Horror ausmacht und was mich daran fasziniert, bis ich eine Geschichte durch meine Figuren finde. Bei Ghostland inspirierte mich die Beziehung zu meinem Bruder, von dem ich mich sehr unterscheide. Er ist ein sehr bodenständiger Typ, der nichts mit Übernatürlichem oder Horror anfangen kann und nicht Teil dieser Subkultur ist wie ich. Unsere Beziehung war sehr schmerzhaft für mich, da wir immer verschiedener Meinung waren. Das war der persönliche Startpunkt für die Geschichte. Und dann überlegte ich mir den Twist, der von der Sichtweise handelt, wer die Geschichte erzählt. Schließlich hatte ich einen neuen und originellen Film vor mir.

Nach meinem vorherigen Film, The Tall Man, habe ich zwei Jahre lang hart an einem Drehbuch gearbeitet. Es sollte eine Mischung aus Spannung und Melodram werden und war eher ein Thriller als ein Horrorfilm. Aber ich konnte einfach keine Finanzierung auftreiben, um den Film zu realisieren. Da ich jedoch die Miete zahlen musste, musste ich schnell einen Weg finden, ein neues Projekt zu beginnen. Vor zwei Jahren habe ich mich also, während meine Familie in den Sommerurlaub gefahren ist, in meiner Wohnung in Paris eingeschlossen und fieberhaft an Ghostland geschrieben. Ich hatte das Glück, ziemlich schnell ein Budget aufzutreiben, in weniger als einem Jahr drehten wir schon in Kanada. Das mag vielleicht so klingen, dass ich nur noch in die Horrorschublade gesteckt werden kann. Aber damit kann ich leben, denn immerhin ist das mein Lieblingsgenre.

Was können Horrorfans von Ghostland erwarten?
Ghostland scheint mehr von einer breiteren Masse angenommen zu werden als meine bisherigen Filme. Das war gar nicht meine Absicht mit diesem Film, aber vielleicht habe ich eine gute Balance gefunden, meine dunkle Seite einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Der Film ist sehr von Spannung getrieben und ein Rätsel in sich. Das ist etwas, was ich gerne umsetzen wollte. Ich wollte das Publikum durch die Spannung und das Mysterium packen, um sie an wirklich seltsame Orte zu führen. Dafür muss ich die Zuschauer aber zuerst mit der Handlung fesseln. Dass man sich fragt, “Was passiert als Nächstes?” oder “Wie kann so etwas Unmögliches überhaupt geschehen?”

Welchen Reiz macht für dich das Horrorgenre aus?
Es ist nicht nur die Angst, die mich zum Horrorgenre hinzieht. Für mich geht es mehr um Melancholie und persönlichen Schmerz. Der Schmerz, den man jeden Tag spürt. Wenn man das Herz von einer Frau gebrochen bekommt, oder das Gefühl eines Sonnenuntergangs an einem Sonntagabend. Oder wenn man ein Kind ist und am nächsten Tag ist Montag. Man muss wieder zur Schule und sich den realen Problemen der realen Welt stellen. Das ist das Gefühl, das mich mit dem Genre verbunden hat. Als Kind war ich ein richtiger Geek. Ich fühlte mich wie ein Monster. Und als ich Frankenstein sah, fühlte ich mich zu diesen Filmmonstern hingezogen. Ich war auf ihrer Seite. Das Horrorgenre hat mir geholfen und mich dabei unterstützt, einzusehen, dass ich gar nicht so scheiße bin. Dass das Gefühl, ein Außenseiter zu sein, mich nicht definieren muss, hat mir das Genre gezeigt und ist dafür verantwortlich, dass ich hier heute noch stehe. Es hat mir den Arsch gerettet.

Ghostland wirkt wie eine Art Gegenentwurf zu alle den Geisten und Heimsuchungen im Mainstream-Horror. Wie siehst du die Entwicklung des Horrorgenres in den letzten Jahren?
Die typischen Horrorfilme aus Hollywood sind für mich zur Zeit nicht wirklich interessant. Zum Beispiel mochte ich Es, da er sehr gut gemacht ist und die Schauspielleistung toll ist. Aber nachdem ich den Film gesehen habe, habe ich nichts gefühlt. Ich habe nicht ein Fünkchen Angst oder Spannung gespürt. Für mich sollten Horrorfilme keine Familienunterhaltung sein. Das ist wie ein Löwe ohne Zähne und Krallen. Für mich müssen beim Horror Grenzen überschritten werden. Das Genre ist eine wundervolle Anomalie. Es ist gefährlich und sollte auch gefährlich bleiben. Ich habe ein Problem mit dem Gedanken des Mainstream-Horrors. Für mich sind diese Filme wie Pornos ohne Sex. Bedeutungslos.

Also ist der Mainstream-Horror zu harmlos geworden?
Das ist die Versuchung in Hollywood. wenn man versucht, etwas für den Mainstream zu machen. Genau deshalb braucht es auch eine möglichst starke Gegenkultur. Ich mag die gegenwärtige Zeit nicht besonders. Ich kann der digitalen Ära nicht viel abgewinnen. Ich passe da nicht rein. Das digitale Zeitalter hat vieles zerstört, was ich geliebt habe. Es hat die kleinen Läden ausgemerzt, in denen ich meine Platten und meine Filme gekauft habe. Ebenso hat es die Idee zerstört, einen Film ohne jegliches Vorwissen gucken zu können, wie ich es als Kind getan habe. Aber es hat auch etwas Gutes, denn es gibt mir die Energie, immer noch einen weiteren Film machen zu wollen. Noch einen weiteren Horrorfilm, der sich nicht dem Druck des Mainstreams unterwirft.

Gibt es denn Horrorfilme, die die in den letzten Jahren beeindruckt haben?
Ich würde sagen, dass es nur drei Horrorfilme in letzter Zeit geschafft haben, mir genug Energie und Vertrauen zu geben, meine eigenen umsetzen zu wollen. Rob Zombies Lords of Salem, It Follows und Bone Tomahawk. Das sind die letzten drei, die meiner Vorstellung eines idealen Horrorfilms und eines idealen Kinofilms nahekommen. Als ich Lords of Salem das erste Mal auf einem Festival in Paris gesehen hab, war es das gleiche Gefühl, wie als ich Suspiria von Dario Argento das erste Mal mit 12 Jahren gesehen habe. Es hat mein Leben komplett verändert und mein Hirn zum Schmelzen gebracht. Das ist genau das Gefühl, das ich in einem Horrorfilm suche. Dieses wundervolle Gefühl, wenn die Welt aus den Fugen gerät und du in die Gedanken des Regisseurs eintauchst. Das Gefühl, etwas Verbotenes zu sehen. Etwas Traumartiges, das deine Wahrnehmung komplett verändert. Eine wirkliche Erfahrung, die jedoch wirklich selten ist.

Martyrs ist nun schon 10 Jahre alt und verursachte damals eine große Kontroverse. Wie siehst du diese Erfahrung im Rückblick?
Es hat ein paar Jahre gebraucht, bis Martyrs akzeptiert und differenzierter verstanden wurde. Bei seiner Veröffentlichung schockierte er und viele Leute hassten mich dafür, diesen Film gemacht zu haben. Ich wurde von der französischen Presse vernichtet, der französischen Mainstream-Presse, und als Faschist und Frauenhasser beschimpft. Das war sehr schmerzhaft für mich. Jedoch gab es international eine kleine Gruppe von Filmfans, die den Film direkt richtig verstanden haben. Als ich Martyrs gemacht habe, dachte ich, das dies mein letzter Film sein würde und mir niemand dafür vergeben würde, diesen Film gedreht zu haben. Ich habe diesen Film bewusst nicht für ein Publikum gemacht, weil ich von Mainstream-Filmen angeekelt war. Ich wollte einen Art Suizid begehen, einen künstlerischen Suizid.

Und tatsächlich hat der Film viel Aufregung erzeugt, wozu natürlich auch viel Negativität und schlechte Kritiken gehören. Aber die ganze Aufregung führte dazu, dass ich leichter eine Finanzierung und ein großes Budget bekam, um einen Thriller mit Jessica Biel drehen zu können. Aber es ist für mich immer noch ein großes Problem, Geld für meine Filmprojekte aufzutreiben. Glaub mir, ich wäre ein viel glücklicherer Mann, wenn ich alle zwei bis drei Jahre einen Film drehen könnte. Aber fünf bis sechs Jahre sind eine große Belastung für meinen Alltag. Ich muss immerhin die Miete zahlen und meine Familie versorgen können.

Gibt es denn schon einen Projekt, welches du als nächstes umsetzen möchtest?
Ich habe einen Haufen Ideen. Was nicht bedeutet, dass ich eine einzelne gute Idee habe, für die im Moment zwei Jahre opfern würde. Ich habe Ghostland gerade mal vor einem Monat fertiggestellt und das war eine sehr erschöpfende Erfahrung. Ich brauche erstmal etwas Ruhe. Ich habe das Gefühl, dass mit diesem Film das Ende eines Zyklus erreicht ist. Ein Zyklus, der mit meinem ersten Film [Saint Ange] begonnen hat. Und nun muss ich mich neuen Thematiken zuwenden. Etwas komplett anderes. Ich muss mich also erstmal etwas erholen und rekalibrieren, um sicher zu sein, wo es für mich als Nächstes hingeht. Ich bin mir noch nicht sicher, aber es wird vermutlich ein Horrorfilm werden. Aber komplett anders. Wenn ich das Geld auftreiben kann. Denn in Frankreich ist es immer noch nervtötend, eine Finanzierung zu finden. Scheiße, ja.

Wie steht ihr zu den Filmen von Pascal Laugier?
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