Hellsing und die Sehnsucht nach klassischen Vampiren

Hellsing Ultimate
© OVA Films
Hellsing Ultimate

Mit dem Begriff des Vampirs hängen unweigerlich gewisse visuelle und thematische Assoziationen zusammen: Einzelgänger in großen Schlössern, gekleidet in aufwändige Trachten, ebenso mysteriös und einschüchternd wie imposant und anziehend. Übernatürliche Fähigkeiten, Vorliebe für menschliches Blut, Kreuzen, Knoblauch und Sonnenlicht dafür abgeneigt. Nach einem langen Dasein in Sagen und Romanen hat dieses Bild die Welt der Horrorfilme geprägt und sich seitdem lange gehalten, und das, obwohl es in den letzten Jahren kaum noch Anwendung fand. Opulente Kostümdramen wichen modernen Schauplätzen, tragische, seit Jahrzehnten nicht alternde Aristokraten wurden zu gewöhnlichen Menschen mit wenigen Wochen Erfahrung unter ihren neuen Umständen. Zum einen bot sich damit die Gelegenheit, den Mythos in einem neuen Kontext zu untersuchen, zum anderen ist das Budget für etwas Make-Up und Fangzähne wesentlich schneller gefunden als für gothische Sets und ausgefallene Gewänder. Diese Neuinterpretationen sind mit einer Entmystifizierung ihrer Vorbilder verbunden, die in den Animes Hellsing und der späteren Neuadaption Hellsing Ultimate OVA ausführlich beklagt wurden, noch Jahre bevor Twilight für das neue Vampir-Image verantwortlich gemacht wurde.

Hellsing wartete mehr als die Hälfte seiner Laufzeit mit der Offenbarung seiner Antagonisten, während Ultimate schon in seiner zweiten Episode auf den Punkt kommt (der Punkt sind Nazis). Aber selbst bevor diese Bedrohungen Form annehmen, ist der zentrale Konflikt abstrakter und nimmt direkten Bezug auf Hellsings Hauptcharakter. Die Anfänge drehen sich zumeist um Neulinge mit künstlich eingebauten Attributen eines Nachtwandlers, in denen entweder durch Verwirrung dank des plötzlichen Blutdurstes oder einen schon vorher tiefsitzenden Instinkt der Drang nach Mord und Zerstörung geweckt wird. Und die Aufgabe, sie zu stoppen, fällt einem alteingesessenen und konservativen Obervampir zu.

Neue Kleider nach altem Vorbild
Alucards Design ist immer noch zu Teilen an seine Gegenwart angepasst, ein klassischeres Outfit wäre für seine Tätigkeit einfach zu unpraktisch, aber die Ähnlichkeit zu seinen edlen Vorbildern ist ihm anzusehen. Mit Weste, Krawatte, Mantel und Hut strahlt er eine andersartige Eleganz aus, die sich selbst in seinen animalischen Episoden nicht vollständig abschütteln lässt. Dies steht im starken Kontrast zu den kleinen Fischen, derer er sich mit wenigen Handgriffen und langgezogenem Bravado entledigt. Punks und Kleinkriminelle in ihrer Alltagskleidung, billige Imitationen ohne Wertschätzung für ihre Ursprünge.

Sein Vorrat an Beschimpfungen für sie ist in Hellsing unerlässlich und dient ihrer Verspottung, dazu, sie anhand ihrer eigenen Unzulänglichkeit zu verunsichern. Gleichzeitig zeichnet sich damit seine Enttäuschung im Anblick ihrer Hingabe zu niederen Instinkten und der Anwendung hinterhältiger Taktiken ab. Mit ihren unkultivierten Raubzügen und dem exzessiven Gebrauch von Schusswaffen statt der eigenen übermenschlichen Kräfte unterscheiden sie sich nur geringfügig von den hirnlosen Ghoulen in ihrem Gefolge. Sie werfen ein schlechtes Licht auf ihre gesamte Art, ohne Differenzierung zwischen einer (über-)natürlichen oder einer maschinellen Entstehung.

Monster mit Anstand
Selbst Alucards Vorgesetzte Lady Integra zeigt sich diesen Entwicklungen gegenüber betrübt. Als Oberhaupt einer Organisation zur völligen Auslöschung von Monstern ist ihr Respekt gegenüber jedwedem Vampir von vornherein begrenzt. Dennoch scheint sie sich nach den Zeiten typischerer Vampire zu sehnen, die zwar mächtiger und gefährlicher waren, dafür aber zumindest Würde und Selbstachtung zeigten. "Gefällt es dir, in diesen Zeiten zu leben?" fragt sie Alucard in einem Tonfall, der sonst für das Sinnieren über vergangene Verhältnisse dient.

Alucard versucht zumindest, über seinen Schützling Seras Victoria einen Teil der alten Werte aufrecht zu erhalten und unterrichtet sie in den Vorzügen, die die sogenannten Freaks nicht nutzen können oder nicht nutzen wollen. Er selbst sucht unterdessen nach Widersachern, die seine Ansichten und Sinn für Tradition teilen. Die Lamentation über den Verfall seiner Art weicht dem Enthusiasmus, wenn er dazu bewegt wird, das Ausmaß seiner Kräfte auszuschöpfen. Doch seine Gegner verfügen in Hellsing in den besten Fällen über einen Bruchteil dieser Kräfte, und nach den Kämpfen wurde er schon mehrmals enttäuscht zurückgelassen.

Unter all dem Flair, dem Style und dem Splatter befasst sich Hellsing mit der Schwierigkeit, das klassische Bild des Vampirs in modernen Verhältnissen aufrechtzuerhalten. Ihr veraltetes Image ist nicht mit der Neuzeit vereinbar, ihr kennzeichnendes Mysterium und Geheimhaltung kann in Zeiten der Informationsgesellschaft nicht weiter bestehen. Sie mögen weiter als lebende Kadaver durch die Welt wandern, aber ihr Mythos ist im Begriff auszusterben.

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