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Mein Herz für Klassiker

Die Nacht des Jägers und moralische Abgründe

Die Nacht des Jägers
© MGM/moviepilot
Die Nacht des Jägers
16.07.2018 - 19:00 UhrVor 2 Jahren aktualisiert
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Gänsehaut, Wut und Tränen der Rührung – all das liefert Die Nacht des Jägers. Deshalb bekommt der Film von Charles Laughton unser Herz für Klassiker.

Die Nacht des Jägers war der zweite und letzte Film, bei dem Charles Laughton Regie führte. Die gleichermaßen negative Reaktion von Zuschauern und Kritikern hatte ihn vollends entmutigt. Aus heutiger Perspektive erscheint das wie eine Schande, denn der Film ist auf ganzer Linie ein gelungener Streifen, mit grandiosen Bildkompositionen, einer packenden Story und viel moralischem Input. Vielleicht war 1955 die Zeit einfach noch nicht reif für einen solchen Film. Heute ist sie es jedoch und daher schenkten wir dem Film schon vor etwas längerem einen Artikel in unserer Rubrick Mein Herz für Klassiker. Wer sich selbst ein Bild machen will, hat heute die Möglichkeit dazu: Die Nacht des Jägers läuft um 20:15 Uhr auf Arte.

Die Nacht des Jägers - Scheinheilige Moral und Grausamkeit

Robert Mitchum spielt in diesem Film den Heiratsschwindler Harry Powell, der sich als Priester ausgibt und tatsächlich glaubt, sein Weg werde von Gott begleitet. Da es in der Bibel ja auch viele Morde gäbe, so seine Logik, habe Gott sicher nichts dagegen, dass er sich auf diese Weise Geld verschaffe. Seine scheinheilige Moral und Grausamkeit, mit der er die Familie von Willa Harper (Shelley Winters) zerstört, lässt einem die Haare zu Berge stehen. Fassungslos müssen wir mit ansehen, wie er erst die Mutter umbringt und dann nach dem Leben der Kinder trachtet. Das alles ist schaurig und unheimlich spannend erzählt, wir können nicht aufhören, um das Schicksal der Kleinen zu bangen. Gleichzeitig scheint der Film ein vernichtendes Urteil über Frauen zu sprechen, denn diese sind es, die scheinbar willenlos dem charmanten Schwindler verfallen. Spätestens aber als die pubertäre Ruby (Gloria Castillo) den Mörder auch nach seiner Verurteilung vergöttert, wird die ironische Brechung offensichtlich. Die Nacht des Jägers will Frauen nicht verurteilen, sondern ihnen insbesondere durch die Figur der Rachel Cooper (Lillian Gish), die die Kinder rettet und den Mörder zur Strecke bringt, Handlungsmöglichkeiten aufzeigen.
Die Nacht des Jägers

Die Nacht des Jägers - Dem Bösen Hoffnung entgegensetzen

Große Teile des Films sind für den Zuschauer schwer zu ertragen, weil er um das Schicksal der Kinder John (Billy Chapin) und Pearl Harper (Sally Jane Bruce) bangt und es kaum mit ansehen kann, wie eine ganze Kleinstadt den Lügen und Intrigen von Harry Powell erliegt. Wir entwickeln einen derartigen Hass auf den Bösewicht, dass wir uns dem Mob, der sich am Ende des Films gegen ihn bildet, am liebsten anschließen wollen. Doch neben all diesen negativen Gefühlen schafft es Die Nacht des Jägers auch, eine Hoffnungsperspektive zu verleihen. Es ist die Figur der Rachel Cooper, die uns zeigt, dass es neben all dem Böse auch das Gute in der Welt gibt. Sie ist es, die nicht nur John und Pearl, sondern weitere Waisenkinder bei sich aufnimmt und sie nicht nur mit Nahrung, sondern vor allem mit Liebe versorgt. Denn – wie sie an einer Stelle sagt – wir alle brauchen Liebe. Sie ist der Inbegriff der Mütterlichkeit und die Güte den Kindern gegenüber rührt mich stets unweigerlich zu Tränen.

Die Nacht des Jägers - Bemerkenswerter Stil

Neben seiner packenden Story verfügt Die Nacht des Jägers auch über einen bemerkenswerten Stil, der sich von anderen Werken seiner Epoche abgrenzt und ihn in die Nähe des deutschen filmischen Expressionismus der 1920er Jahre rückt. In schwarz-weiß gedreht kreiert der Film eindrucksvolle Schattenspiele, die insbesondere Harry Powell als teuflischen Bösewicht in Szene setzen. Spitze Winkel und verzerrte Perspektiven lassen das Haus von Willa Harper wie ein Gruselkabinett erscheinen und verdeutlichen, in welchem Albtraum sich die Kinder befinden. In einer eindrucksvollen Bildkomposition sehen wir Willa Harper nach ihrem Tod mit wehendem Haar am Boden des Flusses. Auch die Naturaufnahmen, die kleine Tiere groß in Szene setzen, scheinen die Kinder in ein fremdartiges, geradezu fantastisches Setting zu transportieren, obwohl sie eigentlich nur eine Bootsfahrt unternehmen. Und wer bei all dem noch immer nicht geschnallt hat, worauf Regisseur Charles Laughton hier anspielt, der wird spätestens in der Mitte des Films wachgerüttelt: In einer Szene, in der Robert Mitchum mit ausgestreckten Armen den Kindern hinterherjagt, ist die Parallele zu Nosferatu, eine Symphonie des Grauens einfach unübersichtlich.

Die Nacht des Jägers

Warum Die Nacht des Jägers die Jahrzehnte überdauert

Harry Powell hat auf die Finger seiner linken Hand die Buchstaben des Wortes „hate“ tätowiert, auf die der rechten „love“ und beginnt seine Täuschungspredigten gerne damit, dass er mit dem Einsatz seiner Hände anschaulich die Geschichte vom Kampf des Guten gegen das Böse darstellt. Und genau darum geht es im Grunde auch in Die Nacht des Jägers. Der Film stellt die Frage, wer denn eigentlich entscheiden darf, was gut oder schlecht ist. Ist Willa Harpers erster Ehemann gut, weil er sein Verbrechen – einen Bankraub und zwei Morde – begangen hat, um seine Familie zu ernähren? Was genau unterscheidet ihn von Harry Powell, der das Gefühl hat, Gott würde würde ihm den Weg ebnen? Letztendlich ist nicht die Lust die größte Sünde, so wie Powell es gerne predigt, sondern seine Anmaßung eben genau diese Unterscheidung zwischen gut und böse zu treffen. Diese Entscheidung, so sagt uns der Film, liegt nicht bei den Menschen. In dem Moment, in dem wir uns anmaßen, über andere ein Urteil fällen zu können, kann das Böse erst seinen Einzug halten.

Was haltet ihr von Die Nacht des Jägers?

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