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Ordnungsmuster im Filmgeschäft

Im Angesicht der Film-Lieblinge

09.09.2014 - 08:50 UhrVor 6 Jahren aktualisiert
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Zettelkasten aus der Doku Vom Ordnen der Dinge
© Movienet/24 Bilder
Zettelkasten aus der Doku Vom Ordnen der Dinge
Bei der Vielzahl unterschiedlicher Spielfilme, die jährlich produziert werden, wird es immer wichtiger, schon frühzeitig herauszufinden, an welches Publikum sich ein Film richtet bzw. wer ihn ganz besonders mögen könnte - Schublade auf, Schublade zu!

Ordnung ist das halbe Leben, heißt es gerne und nirgendwo sonst scheint dieser Satz mehr zu stimmen als in der Welt des Kinos. Seit einiger Zeit schon nimmt die Anzahl der Filmstarts in Deutschland immer weiter zu. In Berlin waren es im letzten Jahr rund 560. Dazu kommen tägliche DVD-, Blu-ray- und VoD-Veröffentlichungen sowie eine unüberschaubare Masse an Filmklassikern, Must-Sees und Geheimtipps aus über hundert Jahren Filmgeschichte. Bei diesem Überangebot an bewegten Kino-Bildern, mit dem wir es heutzutage zu tun haben, ist es wahrlich kein leichtes Unterfangen, sich einen gewissen Überblick zu bewahren. Zum Glück greifen uns diesbezüglich eine stattliche Anzahl von Filmverleihern und -kritikern, Film-PR- und Presseagenturen unter die Arme. Sie bemühen sich allesamt darum, Filme für uns in alle möglichen Schubladen zu stecken, damit wir nicht mit Überdruss oder Orientierungslosigkeit auf die unzähligen Sichtungs-Angebote reagieren. 

Üblicherweise werden Filme - unabhängig davon, ob sie unter Berufung auf ihr Budget als Blockbuster-, Arthouse- oder Independent-Produktionen gekennzeichnet werden - nach ihrer Gattung, ihrem Genre oder auch im Hinblick auf gewisse Kino-Traditionen kategorisiert. Auch ihr Produktionsland und ihre vermeintliche Zielgruppe sind im Filmgeschäft wichtige Unterscheidungsmerkmale. Ein weiteres, vielleicht subtileres Mittel ist, Filme nach ihrem jeweiligen Lieblings-Status zu ordnen. Vielerorts wird oft von Publikums- und Kritikerlieblingen sowie Filmpreis- und Festivallieblingen gesprochen, was dazu führt, dass Filmen meist schon vor ihrem Erscheinen ein bestimmter Ruf vorauseilt. Von manchen heißt es, dass sie bereits ein ausgewähltes Festival-Publikum begeistert haben. Von anderen wiederum, dass sie insbesondere den hohen Ansprüchen der Kritiker genügen. Schnell gilt ein Film somit als vermeintlicher Publikums- oder Kritikerliebling, Festival- oder Filmpreisliebling, und dieses jeweilige Siegel spielt keine unbedeutende Rolle dabei, auf welchem Weg ein Film schließlich "sein" Publikum findet. 

Die Publikumslieblinge 

Die simpelste Form der Lieblings-Zuschreibung vermitteln die nackten Zahlen an den Kinokassen. Ein Film, den viele Menschen sehen, ist ohne Frage ein Publikumserfolg und damit in gewisser Hinsicht ein Publikumsliebling. Im Fall des weltweit erfolgreichsten Films 2014 Transformers 4: Ära des Untergangs ist diese Schlussfolgerung jedoch fraglich. Denn ob die Kinogänger einen Film wirklich mögen, steht wiederum auf einem ganz anderen Blatt. Dieser Sachverhalt spiegelt sich eher auf Internet-Plattformen wie imdb.com oder moviepilot.de wider, wo die Zuschauer den Film nach ihrem Ermessen bewerten können. Gemessen an seinem Einspielergebnis fällt der letzte Transformers-Film dort in dieser Hinsicht ziemlich ab. Dennoch können gute Noten sowie Mundpropaganda wie zuletzt bei Ziemlich beste Freunde oder Oh Boy dafür sorgen, dass ein Film ein echter "Sleeper hit" wird.

Die Kritikerlieblinge 

Die Lieblinge der Kritiker sind heutzutage sehr viel leichter auszumachen als vielleicht noch vor 10 Jahren. Seiten wie metacritic.com oder rottentomatoes.com führen umfangreiche Kritikerspiegel. Aus dem Wust von Kritiker-Meinungen, die eine Filmpremiere im Print- und Onlinebereich nach sich zieht, generieren sie eine Zahl, die auf einer Skala anzeigt, wie gut der Film bei der Kritik ankommt. Die höchste Punktzahl in diesem Jahr erhielt bislang Boyhood von Richard Linklater. Diejenigen, die den Film gesehen haben, scheinen ihn auch über alle Maßen zu mögen. Das zeigen die durchschnittlich hohen Bewertungen. Dennoch hat Boyhood in Deutschland nur etwa 270.000 Besucher gehabt. Weltweit hat der Film bisher 30 Mio Dollar eingespielt, bei 4 Mio Dollar Produktionskosten. Sicherlich keine schlechte Ausbeute, aber die Zahlen eines prächtigen Zuschauererfolgs sehen sonst anders aus. 

Festival- und Filmpreislieblinge

Filmpreislieblinge müssen nicht unbedingt Festivallieblinge sein. Die Oscar- und Golden-Globe-Gewinner seit 2011 haben nicht einen Hauptpreis auf einem der großen A-Festivals gewonnen. Der letzte war Tödliches Kommando - The Hurt Locker von Kathryn Bigelow, der sowohl in Venedig als auch bei den Oscars triumphieren konnte. Dagegen haben die Gewinner der Goldenen Palme, dem bedeutendsten Festivalpreis der Welt, auf amerikanischem Boden wiederholt das Nachsehen gehabt. Nichtsdestotrotz gehen Filmpreis- Festival- und auch Kritikerlieblinge nicht selten Hand in Hand. Ein Film, der 2013 so gut wie jeden internationalen Preis abgeräumt hat (u.a. Goldene Palme, Europäischer Filmpreis, Golden Globe und Oscar für den Besten fremdsprachigen Film) und zugleich Liebling aller Kritiker war, ist Liebe von Michael Haneke. Ähnliches gelang dem iranischen Drama und Kritikerfavoriten Nader und Simin - Eine Trennung ein Jahr zuvor. Der Preissegen und die euphorische Presse haben mit entscheidend dafür gesorgt, dass beide Dramen von vielen Menschen gesehen wurden und weltweit gut 20 Millionen Dollar eingespielt haben. Denn egal wie viele Preise ein Film erhält, die Auszeichnungen sorgen stets dafür, dass ein paar mehr Zuschauer den Weg ins Kino finden. 

Everybody's Darling 

Wirklich interessant wird es, wenn auch das Publikum in das allgemeine Loblied einstimmt und dabei die Kinosäle stürmt. Von solchen Filmen, die anscheinend jeden filminteressierten Menschen hinter sich und vor der Leinwand vereinen, gibt es nicht allzu viele. Als aktuelles Beispiel fällt mir Planet der Affen - Revolution ein, der "für einen Blockbuster“ nicht nur viel Geld einspielt, sondern auch sehr gute Kritiken und Publikumsreaktionen verzeichnet. Die Einschränkung zeigt aber auch, dass Blockbuster in der Regel nach einem anderen Maßstab beurteilt werden als etwa die Arbeiten vom langjährigen Publikums- und Kritikerliebling Quentin Tarantino.

Damit wären wir wieder beim Schubladendenken angelangt, das großen Einfluss auf das Zustandekommen eines Lieblings-Status hat und es nahezu unmöglich macht, einem Film vollkommen unbefangen zu begegnen. Quentin Tarantinos achter Spielfilm - ein amerikanischer Big-Budget-Western, der in der Tradition von testosterongetränkten Streifen wie Das dreckige Dutzend steht und den griffigen Titel The Hateful Eight trägt - soll übrigens nun doch im nächsten Jahr erscheinen. Geradezu sehnsüchtig wird er von den Festivaldirektoren dieser Welt, den Produzenten, den Verleihern und Kinobesitzern, den Kritikern und vor allem vom Kinopublikum erwartet.

Wie schaut's aus: Lasst ihr euch vom Lieblings-Gerede verleiten?

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