Mr. Perfect

In 5 Schritten zum ... William Wyler-Experten

In 5 Schritten zum ... William Wyler-Experten
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In 5 Schritten zum ... William Wyler-Experten

William Wyler wurde 12 mal für den Oscar für die Beste Regie nominiert. 12 Mal! Zum Vergleich: Steven Spielberg hat bis dato dato auch recht eindrucksvolle sieben Oscar-Nominierungen auf dem Buckel, Stanley Kubrick ganze vier … was für eine Schande! Nun könnte der zynische Cineast schnaufen: “Pffffee, Oscars. Kommerz, Kommerz, lausiges Hollywood. Bedeutet nichts!”

Im Fall von William Wyler hat die Amercian Academy allerdings mehr Scharfsinn bewiesen, als es die heutige Filmgeschichtsschreibung tut, vor allem in Europa. Regelmäßig werden Alfred Hitchcock, John Ford und Howard Hawks als die große Regisseure der Studio-Ära genannt und dabei wird der arme William Wyler, dessen Regiestil etwas unauffälliger und dessen thematische Vorlieben etwas weniger offensichtlich waren, mit eben solcher Regelmäßigkeit unter den Teppich gekehrt.

Warum ausgerechnet … William Wyler?
Viele von euch werden den guten Mann hauptsächlich als Regisseur des Momumentalspektakels Ben Hur kennen, einem Film, der schwerlich stellvertretend für das Gesamtwerk William Wylers steht. Das ist eine zumindest kleine Schande, da sich seine Filme hervorragend halten. William Wyler duldete keine melodramatischen Mätzchen und wusste, dass er Filme macht und kein Theater. Obwohl viele seiner Filme lang sind, wird selten ein Wort zu viel gesprochen. Schauspieler agieren mit Understatement, selbst wenn die Situation zum chargieren einlädt. William Wyler zu entdecken, ist sich zu fragen: “Warum habe ich das verdammt noch mal nicht früher gesehen?”

Der perfekte Start… für den William Wyler-Einstieg
Die besten Jahre unseres Lebens würde heutzutage im Herzen der Oscar-Saison veröffentlicht werden, in der Hoffnung auf eine ganze Menge kleiner goldenen Männchen. Und die hat das Drama wahrlich verdient und denn auch acht Oscars gewonnen. Drei Weltkriegsveteranen, ringen mit unterschiedlichen Problemen des Nachkriegslebens. Fredric March, Dana Andrews und Harold Russell, ein tatsächlicher Veteran, geben wundervolle, präzise Darstellungen unterschiedlicher Formen emotionaler und körperlicher Versehrtheit. Es handelt sich hier um eine veritable Achterbahnfahrt der Gefühle, geschmackvoll gehandhabt, nie effekthascherisch. Auch fliegt die Zeit dahin – bei immerhin 172 Minuten Laufzeit keine leichte Sache. In der fantastischen Biograpie “Goldwyn. A Biography” über den überlebensgroßen Produzenten Samuel Goldwyn wird beschrieben, wie die Verantwortlichen die fast dreistündige Version des Filmes sahen und gerne etwas kürzen wollten – sie wussten nur nicht was. Noch wusste es das Publikum diverser Testvorführungen. Ich wüsste es auch nicht!

In drei Filmen zur Spitze
Ich war jedesmal überrascht, wie durchgängig großartig die Filmographie William Wylers ist. Es gibt kaum einen Ausreißer nach unten. Etwas großartiger als die meisten anderen Filme ist allerdings Zeit der Liebe, Zeit des Abschieds. Das Ehedrama mit Walter Huston (Vater von John Huston, Szenen-stehlender Halunke in Der Schatz der Sierra Madre) und Ruth Chatterton erzählt vom Zusammenbruch einer Ehe, in einem Moment, der eigentlich ihre Krönung sein sollte. Der herzzerbrechende Film erlaubt sich keine leichten Urteile und ist weit entfernt von moraliner Zuckrigkeit, mit der Hollywoodramen noch heute den Zuschauer gerne zu bekleckern pflegen.

Ein wenig fieser geht es im Süstadtenmelodram Die kleinen Füchse zu. Bette Davis zürnt und zündelt als habgierige Femme Fatale vom Bildschirm als gäbe es kein Morgen, was es im Falle eines Charakters denn auch tatsächlich nicht gibt. Ich kann mich noch erinnern, wie spektakulär die tiefenschärfenintensive Kamerarbeit von Gregg Toland auf mich wirkte und das war weit vor der Zeit, als ich auf solche Dinge achtete. Eigentlich wollte ich an dieser Stelle noch Jezebel – Die boshafte Lady nennen, aber da der Film thematisch große Ähnlichkeit zu Die kleinen Füche hat, warum aber nicht ein paar Worte über Weites Land verlieren?

Der prachtvolle (in jedem Sinne: Laufzeit, Musik, Kamera, das Brusthaar von Charlton Heston) Edelwestern ist einer der wenigen pazifistischen Exemplare seiner Gattung. Der Film ist etwas aufgeblasen und entbehrt der Eleganz von William Wylers Frühwerk. Trotzdem ist es erstaunlich, wie der Regisseur an manche Szenen herangeht. Beispielweise gibt es diese epische Schlägerei zwischen Greenhorn Gregory Peck und Haudegen Charlton Heston: teils aus der Totalen gefilmt, im Halbdunkel des frühen Morgens, keine Musik. Für Minuten!

Geheimtipps … oder der etwas andere William Wyler
Als Film für den Feinschmecker würde ich, Der Fänger vorschlagen. Der verspielt-perverse Psychothriller über einen Schmetterlingssammler, der sich einer hübschen Frau annimmt, ist überraschend modern für das Werk eines 63-jähigen. Der lyrische Film wirkt wie das Erstlingswerk eines jungen Regisseurs. Es ist insofern ein bisschen schade, dass William Wyler danach nur noch drei weitere Filme drehte. Zumindest Der Fänger zeigt, dass der Filmmacher auch mit den Jungen Wilden des New Hollywood noch durchaus hätte konkurrieren können.

Shut up and take my money!
Die meisten Filme von William Wyler sind einfach erhältlich – ausnahmsweise sogar in Deutschland!

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