Berlin '36

Produzent Gerhard Schmidt spricht über den Dreh im Olympia-Stadion

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Der Regisseur Kaspar Heidelbach und Sie kennen sich seit vielen Jahren. Ist Ihre Freundschaft die Basis für die gute Zusammenarbeit bei Ihrem jüngsten Filmprojekt gewesen?

Ich kenne Kaspar Heidelbach seit über 35 Jahren. Ich war damals Produzent und Regisseur, er begann als Fahrer, wurde Regieassistent und übernahm später die Regie von vielen satirischen Programmen, die wir zu der Zeit gemacht haben. Im Jahr 1992 haben wir den Film Polski Crash zusammen realisiert, der ursprünglich ins Kino kommen sollte. Zudem entstand mit Kaspar Heidelbach die viel gelobte sechsteilige TV-Serie Leo und Charlotte. Vor zwei Jahren haben wir gemeinsam Die Katze hergestellt, einen TV-Film mit Götz George und Hannelore Hoger. Es ist also die Geschichte einer Freundschaft, in der wir viel Fernsehen gemacht haben und eben zweimal Kino.

Wann ist die Entscheidung gefallen, dass Berlin ’36 ins Kino gehört?

Das geschah in der ersten Sekunde, als wir von dem Projekt hörten. Die Idee stammt von Eric Friedler, dem Redakteur, der über Gretel Bergmann eine Dokumentation gedreht hat und lag Doris Heinze, der NDR-Film & Fernsehfilmchefin, vor. Doris Heinze hatte die Idee zu diesem Kinofilm und fragte Kaspar und mich, ob wir das realisieren wollten. Sie sorgte dann mit Jörn Klamroth von der Degeto für einen Großteil der Finanzierung, hat uns aber jede Freiheit für’s Kino gelassen. Das Budget betrug 6,5 Millionen Euro, und so eine Summe ist ja nicht so leicht aufzutreiben. Bei allen kreativen Entscheidungen hatten Heinze, Klamroth und wir Kino im Kopf.

Wurde darüber gesprochen, dass es eine Kino- und TV-Fassung geben sollte?

Eine spezielle TV-Fassung gibt es auf keinen Fall.

Die 30er Jahre heute zu kreieren, ist ja nicht einfach. Wie sind Sie an diese Arbeit
herangegangen?

Der Film spielt 1935/36. Das ist ja eine Zeit, die in den Kinofilmen kaum vorkommt. Die meisten Filme zeigen erst die Zeit nach der Kristallnacht. 1935 war Deutschland nach außen ein sehr friedliches und fröhliches Land. Die Deutschen freuten sich damals sehr auf die Olympischen Spiele und verdrängten die Nazidiktatur. Insofern mussten wir uns an den Stoff herantasten, die üblichen Naziklischees vermeiden und ein anderes Deutschland zeigen.

Woraus bestand bei der optischen Umsetzung ihre größte Herausforderung?

Das größte Problem war auf jeden Fall das Olympiastadion. Diese Aufnahmen haben wir bereits acht Monate vor Drehbeginn gemeinsam mit der Firma Scanline geplant. Die CGI Aufnahmen sind sehr überzeugend geworden. Am Ende kann man sogar sehen, wie der Zeppelin über das Olympiastadion rauscht. Das war auch wichtig, um die entsprechende Stimmung zu erzeugen.

Die Olympischen Spiele stehen aber nicht im Mittelpunkt, oder?

Nein. Der Film erzählt die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft zweier junger Menschen, die eigentlich Feinde hätten sein müssen. In dem Moment, als die Nazis glaubten, dass die Beiden sich bekämpfen, haben sie füreinander Respekt entwickelt und sich angenähert. Die Olympischen Spiele sind nur schmückendes Beiwerk.

Also steht die menschliche Komponente im Vordergrund?

Ja, denn es ist die Geschichte dieser Freundschaft, die für die beiden Protagonisten äußerst schwierig und lebensbedrohlich war. Beide hätten jederzeit von der Gestapo abgeholt werden können, und man hätte nie wieder etwas von ihnen gehört.

An welchen Orten wurde außerhalb von Berlin noch gedreht?

Da wir glücklicherweise von Niedersachsen, NRW und Hamburg gefördert wurden, haben wir dort auch unsere Motive gesucht. In Niedersachsen ist es das Schloss Eldingen bei Celle, das als Trainingslager fungiert, um das herum wir allerdings einen Sportplatz anlegen mussten. In Bochum haben wir im Rathaus eine sehr intakte Naziarchitektur gefunden und dort dann das Berliner „Haus des Sports“ gedreht. In Gladbeck war die Kampfbahn bis zum letzten Herbst noch im Stil der 20er Jahre angelegt. In Hamburg haben wir die London- und einige Innenszenen gedreht. Auch der Olympische Wettkampf ist dort entstanden und danach digital ins Olympiastadion projiziert worden. Insgesamt hatten wir 44 Drehtage.

Haben Sie auch fachlich kompetente Berater hinzugezogen?

Ja. Unsere beiden Protagonisten wurden monatelang von dem ehemaligen Olympiazweiten in Mexiko Klaus Beer trainiert. Die beiden Schauspieler entwickelten dann so einen Ehrgeiz, dass sie bis auf zehn Zentimeter an die damaligen Höhen herangekommen sind. Damals wurden ja maximal 1,60 Meter übersprungen. Damit wurde man Olympiasieger. Außerdem hat uns der Journalist Volker Kluge sehr unterstützt. Er ist Olympiaspezialist. Er betreute Gretel Bergmann bei den Spielen in Atlanta, nachdem das deutsche Nationale Olympische Komitee, NOK, sie 1996 extra dorthin eingeladen hat.

Bei einem Spielfilm muss man ja an bestimmten Stellen eher dramatisieren als erzählen,
inwieweit entspricht Ihr Film der Wahrheit?

Die ganze Geschichte ist wirklich so passiert – selbst die Tatsache, dass man die beiden im Trainingslager auf ein Zimmer gelegt hat. Geändert haben wir, dass Gretel Bergmann die ihr angebotenen Stehplätze während des Wettkampfs angenommen hat. Den Schluss haben wir für den Film dramatischer gemacht und die Vorgeschichte zeitlich ein bisschen gerafft. Die Geschichte ist in der Realität schon unglaublich genug. Dass die Nazifunktionäre es gewagt haben, einen solchen Betrug zu riskieren, zeigt ihre Skrupellosigkeit. Gretel Bergmann kennt das Drehbuch und hat Verständnis gehabt, dass wir manchmal etwas verdichtet haben. Es ist aber so wenig verändert worden, dass wir sagen können: Dieser Film beruht auf einer wahren Geschichte.

Wie sind Sie auf die Hauptdarsteller gekommen?

Der Film steht und fällt mit der Besetzung. Karoline Herfurth war von Anfang an unsere erste Wahl. Sie sagte glücklicherweise auch gleich zu, nachdem sie das Drehbuch gelesen hatte und hat dafür einiges abgesagt. Die Besetzung der zweiten Rolle war schwieriger, weil es ja nicht um einen Mann geht, der wie eine Frau aussieht. Wenn Sie das Foto der echten Person sehen, die bei uns Marie Ketteler heißt, oder sie in dem Leni Riefenstahl Film springen sehen, dann fragt man sich schon, wie das überhaupt durchgehen konnte. Das sieht doch jeder, dass das ein Mann ist. Um hier die Idealbesetzung zu finden, haben wir sehr lange gecastet und dann Sebastian Urzendowsky gefunden. Uns war klar, dass er es sein musste. Er spielt diese schwierige Rolle hervorragend.

Wenn Sie den Film kurz und knapp charakterisieren müssten, wie würden Sie das formulieren?

Berlin ’36 erzählt die Geschichte einer außergewöhnlichen Freundschaft in schwieriger Zeit. Als die Nazis hofften, dass sie sich bekämpften, hatten sie den Mut, Freunde zu werden.

Mit Material von X-Verleih.

Berlin ’36 startet am 10. September 2009 in den Kinos.

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