Mr. Vincent Vega eckt an

Kristen Stewart - gemacht für die große Leinwand

Snow White and the Huntsman
© Universal Pictures
Snow White and the Huntsman

Alles führt immer wieder zu ihrem Blick. Zu diesen tiefen grünen Augen, über die sich die Lider ziehen, als wirkten sie schläfrig. Gedankenverloren scheinen diese Augen, gerahmt von oft starken Ringen, die die umliegende Gesichtsblässe hervorheben. Kristen Stewart ist keine klassische Schönheit. Nicht nur ihr spitzes hervorstechendes Kinn und ihre hinter dickem zersausten Haar verborgenen Segelohren verleihen der 22jährigen Kalifornierin ein markantes, ein eigenwilliges Aussehen, das sich so gar nicht einer konventionellen Vorstellung von anmutiger Filmschönheit fügen will. Und doch ist Kristen Stewart eine der attraktivsten Frauen des Kinos, eines der speziellsten und interessantesten Gesichter der vergangenen Jahre. Wie gemacht für die große Leinwand, für das überdimensionale Begehren. Ein Gesicht, das dort oben, ganz groß in strahlenden Breitwandbildern, jeden im Saal für sich zu vereinnahmen weiß.

Die Zurückgefahrenheit der Darstellung
Wer eine solche Präsenz, solch eine höchst außergewöhnliche Ausstrahlung besitzt, der muss eigentlich gar nicht mehr eine Schau spielen. Acting, so wie es die meisten im Kino zu verstehen scheinen, ist Kristen Stewart offenbar sehr fremd. Möglicherweise ist das der Grund, warum sie immer wieder verständnislosen Angriffen ausgesetzt ist, ihr Schauspiel sei eintönig, ihr Blick ermüdend, ihr Ausdruck stets der gleiche. Und mit Sicherheit auch ein Grund, warum so viel Unsinn der Kraft ihrer feinen Gesichtszüge, ihrer zerbrechlichen Aura nichts anhaben kann. Die Natürlichkeit, mit der Kristen Stewart ihre verschiedenen Rollen ausfüllt, macht sie so verletzlich, dass sie von auf Show-Off-Schauspiel konditionierten Zuschauern vielleicht geradezu als mangelndes Talent missverstanden werden muss. Dabei braucht es so einiges, grundverschiedene Figuren immer wieder mit einer solchen Zartheit zu spielen, dass sie zu wahren Figuren Kristen Stewarts werden.

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In Rollen, die eine vorsichtige Hingabe erfordern, um sie lebendig wirken zu lassen, kommt Kristen Stewarts sinnliches Schauspiel daher umso mehr zur Geltung. Sei es die willensstarke Kämpfernatur Schneewittchen in Snow White and the Huntsman, die das Leben an sich vorbeirauschen lassende Joan Jett in The Runaways oder die hemdsärmelige Em in Adventureland. All diesen Figuren hat Kristen Stewart eine Note verliehen, die ohne aufdringliche Schauspielmeriten und ostentatives Können auskommt. In der Zurückgefahrenheit ihrer Darstellung, im In-sich-Gehen, liegt das Geheimnis ihres gefühlvollen Geschicks, Figuren interessant zu gestalten. So zu gestalten nämlich, dass sie bewegen und dennoch genügend Raum lassen, sich mit diesen Figuren auch beschäftigen zu können, ohne alles ausformulieren zu müssen. Kristen Stewarts Schauspiel wirkt wie eine zarte fließende Bewegung, die ganz vorsichtig direkt ins Herz eines aufgeschlossenen Publikums steuert. Nicht ohne Grund wollten schon in jungen Jahren spannende Regisseure wie David Fincher, Sean Penn oder Mike Figgis mit ihr arbeiten, für ganz unterschiedliche Filme wie Panic Room, Into the Wild oder Cold Creek Manor – Das Haus am Fluß.

Bella Swan – zarte und doch selbstbestimmte Körpersprache
In ihrer vielleicht schönsten Performance, obwohl dieses Wort ja eigentlich eben gerade nicht zutrifft, gelingt es ihr sogar, die Stimmung eines ganzen Films zu prägen. Das Gelbe Segel lebt von ihrer ungreifbaren, faszinierenden Darstellung einer 15jährigen, die ihren Platz in dieser Welt noch nicht gefunden hat. Beinahe scheint es so, als würde ihr verhaltenes, ruhiges Spiel auch den sonst gern hin und wieder zu Over-Acting neigenden William Hurt besänftigen. Er war selten so gut wie in diesem Film, ihr Zusammenspiel ist nahezu magisch. Hier entfaltete die oben angedeutete Mischung aus Verletzlichkeit und Stärke auf eine ähnliche Art ihre Wirkung wie in jenen Filmen, die Kristen Stewart zu einem Star machten.

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Als Bella Swan in nunmehr fünf Twilight-Filmen hatte sie großen Anteil am Erfolg der Kinoadaptionen nach Stephenie Meyer. Die Serie lebt von ihrer Darstellung einer jungen Frau auf dem Weg zum Erwachsenwerden, hin und her gerissenen zwischen der Liebe zum Vampir Edward Cullen und der Hingabe zum Werwolf Jacob Black. Ihre zarte und doch selbstbestimmte Körpersprache ist es, die einer im Kern natürlich zu romantischen Idealen verklärten Figur glaubwürdige Dramatik verleiht.

Die Rolle löst letztlich sogar den vermeintlichen Widerspruch ihrer Darstellung auf, weil Kristen Stewart Bella Swan als junge Frau zwischen unsicherer Empfindsamkeit und schließlich immer mehr entschlossener Durchsetzungskraft interpretiert. Der morgen in den Kinos startende Twilight 4: Breaking Dawn – Biss zum Ende der Nacht – Teil 2 ist letztlich vor allem ein Höhepunkt ihrer Version des Mädchenfantasien bündelnden Mädchens. So wie ihr Kollege und Teilzeit-Freund Robert Pattinson zuletzt von David Cronenberg zum Schauspielritter geschlagen wurde, so dürften sich auch bei Kristen Stewart bald die besten Filmemacher des Kinos um ihr Talent reißen. Ohne Zweifel: Sie wird einmal im Glanzlicht der Filmgeschichte strahlen wie die allergrößten.

Moviepilot Team
Mr Vincent Vega Rajko Burchardt
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Meint es gut mit den Menschen.
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