Lights Out und andere Horrorfilme- Lasst eure Monster lieber im Schatten

Lights Out
© Warner Bros.
Lights Out
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Thunderdrome Sebastian Wienecke
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Ich bin ein großer Verfechter der Idee, dass wir die Monster aus Horrorfilmen in den meisten Fällen so wenig wie möglich sehen sollten. Horror, oder wenigstens eine seiner Formen, ensteht aus der Angst vor dem Unbekannten, und so lange die Form eines Monsters nur angedeutet ist, übersteigert unsere Fantasie für gewöhnlich seine eigentliche Gestalt. Währenddessen können die Unwesen weiter ausgebaut werden, sodass ihre Form letzten Endes weniger wichtig ist und sie mehr durch ihr Wirken definiert werden. Damit wurden schon einige Klassiker des Genres geschaffen, oder wenigstens Filme, die kurz vor diesem Status stehen.

"Darkness, imprisoning me..."

Seit gestern läuft Lights Out in den deutschen Kinos, ein auf den ersten Blick viel versprechender Horrorfilm, dessen Prämisse eigentlich perfekt zur Idee des Unbekannten passt. Der Gegenspieler ist ein Monster, das sich nur im Dunkeln aufhalten kann. Beim Kontakt mit Licht verschwindet es sofort, im Schatten kann es sich aber frei und vor allem schnell bewegen. In dieser Hinsicht ist der Film konsequent, und zeigt uns wenn überhaupt sein Aussehen nur für den Bruchteil einer Sekunde. Selbst in seiner "Urform", auf die ich aus Spoiler-Gründen nicht näher eingehen werde, ist sein Gesicht nicht erkennbar. Sonst bleibt es eine bedrohliche Gestalt in den Schatten, oder das würde es, wenn der Film seine Grundidee richtig ausgeschöpft hätte.

Lights Out macht eine Menge richtig. Die Grundidee ist hervorragend, die Charaktere sind solide, und der berühmte Moment aus dem dazugehörigen Kurzfilm, in dem der Mut bewiesen wurde, für die Effektivität nur ein Stückchen zu lange zu warten, wurde toll repliziert. In seiner Umsetzung kann sich Lights Out aber nicht über andere generische Horrorfilme hinwegsetzen, und das, obwohl wir es mit einem modernen Klassiker zu tun haben könnten. Diana, das Monster im Film, sollte eine immer zu spürende Präsenz sein, die sich in den Schatten aufhält. Ein Umriss im Hintergrund, der genauso gut ein ungünstig stehendes Möbelstück oder ähnliches sein könnte. Stattdessen existiert sie nur von Jumpscare zu Jumpscare, in Begleitung ihres persönlichen Streichorchesters.

Jumpscares, im Übermaß jedenfalls, sind für mich das Horror-Äquivalent zu Sitcom-Lachern. Sie vermitteln das Gefühl, dass eine Reaktion befohlen wird, statt sie natürlich zu erzeugen. So werden die ständigen Musik-Stings nur ermüdend und vorhersehbar. Ich kann mir vorstellen, dass Diana als Monster vielen über die nächsten Jahre im Bewusstsein bleiben wird. Ihr Film dagegen weniger. Anders als zum Beispiel Der Babadook. Ein Boogeyman, dessen Präsenz jederzeit zu spüren ist und der jeden Moment aus der Dunkelheit treten könnte. Eine Gestalt in den Schatten, dessen Aussehen durch eine abstrakte Buch-Illustration nur angedeutet wird und die nicht von aufgeschreckten Streichern begleitet wird, sondern von den immer lauter werdenden Geräuschen, die seine schwerfällige Figur selbst erzeugt.

Wir werden ein besseres Haimodell brauchen

Der Namensgeber von Steven Spielbergs Der weiße Hai (OT: Jaws) taucht in dem zweistündigen Film erst 81 Minuten und 9 Sekunden nach Beginn auf, zwei Drittel lang sehen wir nur seine Auswirkungen, sein mögliches Aussehen wird nur beschrieben. Das klingt nicht gerade nach einem Sommer-Blockbuster, trotzdem oder gerade deswegen war Jaws ein absoluter Kassenschlager, was er einem katastrophalen Dreh zu verdanken hat.

Ein Vergleich des Drehbuchs mit dem Film, den wir letztendlich bekamen, zeigt, dass einige der erdachten Szenen mit der verfügbaren Technik einfach nicht möglich gewesen wären. So war eigentlich vorgesehen, dass der erste Hai, der gefangen wurde, bei unserem ersten Blick auf ihn noch halb am Leben ist und sich in Qualen windet. Ein sehr komplexes Verhalten, das in Anbetracht der Schwierigkeiten mit dem Star der Show für eine so kurze und nicht unbedingt essentielle Szene undenkbar gewesen wäre.

Bruce, der mechanische Hai, hat der Filmcrew von Jaws ähnliche Probleme bereitet, wie die Besatzung der Orca erleiden musste. Die fragile Mechanik in Verbindung mit dem Salzwasser ließ Bruce regelmäßig ausfallen, und das bei einem Dreh mit hohem Zeitdruck. Bei einem genaueren Blick fällt auf, dass der Weiße Hai ein nach heutigen Maßstäben nicht sehr lebensechtes Modell ist, aber gerade das verstärkt in der kurzen Zeit seinen Effekt. Er wirkt mechanisch und leblos, und verfolgt geradlinig nur ein Ziel mit seinen toten Augen. In dem Sinne ist Jaws schon fast ein versehentliches Meisterwerk, das vielleicht wesentlich schlechter geworden wäre, hätte alles nach Plan funktioniert.

The Shallows, eins der Horror-Highlights dieses Jahres, verfolgt ein ähnliches Prinzip. Leider ist sein extrem künstlich wirkender CGI-Hai ein Tiefpunkt des trotzdem sehr guten Films, aber bis dahin war er eine gnadenlose und hinterhältige Killermaschine.

"They mostly come out at night. Mostly."

Mit Techniken wie diesen können Filmemacher sich in vielen Fällen ein erhebliches Maß an Arbeit ersparen, gleichzeitig haben sie durch die Verschwiegenheit immer etwas in der Hinterhand, und lassen den Zuschauer im Unklaren. Der richtige Spannungsaufbau ist wichtig, damit ein gutes Monster auch außerhalb der Dunkelheit noch Bestehen hat. Wie zum Beispiel in Alien und seinem Nachfolger Aliens, zwei Teile einer Filmreihe, die zu völlig unterschiedlichen Genres gehören. Im ersten Teil musste die Crew noch einen ihr unbekannten Feind bekämpfen und dabei das Ausmaß seiner Kräfte einschätzen. In der Fortsetzung wusste Ripley dann, womit sie es zu tun hat, dementsprechend hätte es keinen Sinn gemacht, wieder ein Alien als geheimnisvollen Feind ins Rennen zu schicken. Stattdessen bekam sie es mit einer Armee aus ihnen zu tun, deren Vorteil nicht mehr die Unsicherheit ihrer Gegner, sondern ihre schiere Überzahl war. Der Feind war enttarnt und konnte nach Belieben losgelassen werden, mit der richtigen Einführung bleibt er trotzdem wirksam.

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