M - Eine Stadt sucht einen Mörder geht schnell die bissige Puste aus

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M - Eine Stadt sucht einen Mörder
02.04.2019 - 11:05 UhrVor 1 Jahr aktualisiert
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M - Eine Stadt sucht einen Mörder wagt sich an eine Klassiker-Neuinterpretation. Wir verraten euch die Unterschiede und die Richtung, die die Serie einschlägt.

Einer der eindringlichsten Aspekte des gleichnamigen Kino-Originals hallt regelmäßig durch das Serien-Remake M - Eine Stadt sucht einen Mörder von David Schalko. Die eingängige Peer Gynt-Melodie  ist das unverkennbare Überbleibsel aus Fritz Langs Filmklassiker, in dem ein Kindermörder im Berlin des Jahres 1931 eine ganze Stadt in Angst und Schrecken sowie schließlich zur lynchfreudigen Selbstjustiz motiviert.

Für die sechs Episoden umfassende Serien-Adaption hält sich Schalko (Altes Geld), der alle Drehbücher mit seiner Ehefrau Evi Romen schrieb, grob an die Handlungsstruktur des Films. Trotzdem ist M - Eine Stadt sucht einen Mörder im Jahr 2019 zu einer ganz anderen Bestie geworden. Mithilfe künstlerischer Freiheiten hat der österreichische Regisseur einen grotesken Spiegel unserer Gegenwart geschaffen, in dem inmitten der Karikaturen wenig Platz für feinere Facetten bleibt. Lest hier, was euch in der neuen Serie des RTL-Streaming-Dienstes TVNOW erwartet.

Darum geht es in M - Eine Stadt sucht einen Mörder als Serie

Aus dem Berlin der Zwischenkriegszeit hat David Schalko seine eigensinnige Neuverfilmung in das heutige Wien verlegt. Hier verschwinden mehrere Kinder zunächst spurlos, bis ihre Leichen später in einer beklemmenden Szene geborgen werden. Die Ereignisse führen, wie auch schon in Fritz Langs Vorlage, zu einem starken Aufruhr innerhalb der Gesellschaft.

Während die Polizei die Ermittlungen nach dem Kindermörder aufnimmt, werden im Hintergrund politische und kriminelle Mechanismen in Gang gesetzt. Der österreichische Innenminister wittert die Chance, seine persönliche Agenda endlich durchsetzen zu können und den bestehenden Rechtsruck in der Gesellschaft durch eindeutige Parolen weiter zu befeuern.

M - Eine Stadt sucht einen Mörder

Die Medien stürzen sich ebenfalls auf die Vorfälle und schlachten die Thematik für reißerische Meldungen aus. Zuletzt wird die österreichische Unterwelt auf den Fall aufmerksam und macht mit Methoden, die rumänische Bettlergruppen betreffen, selbst Jagd auf den Serienmörder.

Schon in der ersten Folge von M - Eine Stadt sucht einen Mörder wird deutlich, wie stark sich die Neuauflage tonal von Langs Film unterscheidet. Während der Regisseur eine Republik betrachtete, die sich in den letzten Zügen vor dem Ausbruch einer faschistischen Ära befand, ist die Gesellschaft in der Serie längst dem reinen Wahnsinn verfallen. Der eigentliche Kindermörder wird dabei beinahe zur Nebensache.

M - Eine Stadt sucht einen Mörder

Als würde er sich dem absurden Theater verschreiben, zeigt der Österreicher in mehreren Handlungssträngen psychisch geschädigte Mütter, die ihre eigenen Kinder vergiften, bizarr überfreundliche Apotheker, bleiche Esoteriker, die angeblich mit Toten kommunizieren können, und weibliche Unterweltbosse, die abtrünnige Prostituierte zum Oralverkehr mit einem Kaktus zwingen.

M - Eine Stadt sucht einen Mörder: Ein Kuriositätenkabinett voller Referenzen

Mit wenig Interesse an filigranen Charakterisierungen wird in M - Eine Stadt sucht einen Mörder stattdessen ein Kuriositätenkabinett extremer Karikaturen und abstruser Dialoge gezimmert. So namhaft besetzt die Serie mit Schauspielern wie Lars Eidinger, Moritz Bleibtreu, Sophie Rois, Bela B. und Verena Altenberger auch ist, so funktional und limitiert sind ihre Figuren. Bei Schalkos verzerrtem Frontalangriff wird Fritz Langs intelligent mahnendes Konzept mit dem Vorschlaghammer zertrümmert. Sich derart von der Vorlage zu lösen, ist ein löblicher Ansatz, der sowohl Vorteile als auch Probleme mit sich bringt.

Für seinen ersten Tonfilm setzte der Regisseur damals weiterhin auf expressionistische Gestaltungsmittel. Inszeniert hat er seinen Film als bedrohliches Schattenspiel zwischen sozialrealistischem Drama, nahezu dokumentarischer Beobachtung der Polizeiarbeit und dezent überspitzter Satire auf den ansteigenden Wahnsinn einer Gesellschaft kurz vor dem Übertritt in ein faschistisches System des Nationalsozialismus unter Adolf Hitler.

Der inszenatorische Stil der Neuauflage setzt auf eigene Akzente im Geiste von Fritz Langs Vorlage. Licht und Schatten kommen in der Serien-Adaption eine ebenso hohe Bedeutung zu wie einer Gestaltung, bei der ein bleiches Szenenbild immer wieder von kräftigen Farbakzenten erhellt wird.

M - Eine Stadt sucht einen Mörder

Daneben entpuppt sich M - Eine Stadt sucht einen Mörder gelegentlich als Spiel mit filmischen und anderen popkulturellen Referenzen. So wirkt der österreichische Innenminister in einer Szene, in der er ein Telefonat nackt vor dem Spiegel führt, wie eine Mischung aus dem realen österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz und dem psychopathisch-selbstverliebten Patrick Bateman aus American Psycho.

Der blinde Luftballonverkäufer aus Fritz Langs Film, der für die Aufklärung der Mordserie von entscheidender Bedeutung ist, weicht in David Schalkos Version einem Furcht einflößenden Clown, der sicher nicht zufällig an Es-Clown Pennywise erinnert.

Außerdem scheint der dezent surreale Stil mitsamt vereinzelter Traumsequenzen an David Lynch angelehnt zu sein. Kein Wunder also, dass ein Song aus dem zweiten Musikalbum des großen Surrealisten gleich in der ersten Folge zum Einsatz kommt.

M - Eine Stadt sucht einen Mörder

M - Eine Stadt sucht einen Mörder geht schnell die bissige Puste aus

Abseits dieser ausgelassenen Referenzen und dem groben Nachstellen von Fritz Langs Klassiker fällt es David Schalkos M - Eine Stadt sucht einen Mörder schwer, sich auf eigenen Beinen zu halten. Das groteske Theater der Karikaturen will seine Zuschauer ohne Unterlass an den Wahnsinn der Gegenwart erinnern.

Hierfür setzen die Autoren auf Plattitüden und eingestreute Schlagwörter wie "Flüchtlinge" oder "Fake News". Das überzeichnete Konzept dürfte manche unterhalten. Wer die nötige Toleranz dafür nicht mitbringt, dürfte erschlagen, entnervt und frustriert zurückgelassen werden.

M - Eine Stadt sucht einen Mörder ist seit dem 23.02.2019 auf dem kostenpflichtigen Streaming-Dienst TVNOW abrufbar. Grundlage dieses Serien-Checks war die Sichtung von allen sechs Episoden.

Was haltet ihr von der Serien-Neuauflage von M - Eine Stadt sucht einen Mörder?

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