Buchtipp zur Berlinale

Ästhetik der Schatten - Filmisches Licht 1915-1950

10.02.2014 - 13:04 UhrVor 8 Jahren aktualisiert
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Ästhetik der Schatten - Filmisches Licht 1915-1950
© Schüren Verlag
Ästhetik der Schatten - Filmisches Licht 1915-1950
Pünktlich zum Berlinale-Start veröffentlicht der Schüren Verlag den Katalog zur diesjährigen Retrospektive. Die Publikation Ästhetik der Schatten – Filmisches Licht 1915-1950 erforscht die Anfänge der künstlerischen Lichtgestaltung im Spielfilm. Wir verraten, was euch dabei erwartet.

Kinematographie ist Licht. Dies trifft in mehrfacher Hinsicht zu. Einerseits benötigt jedwede Kamera natürlich eine gewisse Grundintensität an elektromagnetischen Wellen, um die vorfilmische Realität auf der lichtempfindlichen Emulsion bzw. heutzutage dem digitalen Sensor einzufangen. Andererseits kommt beispielsweise auch die Wiedergabe im hiesigen Multiplex oder Arthouse-Kino nicht ohne lichtstarke Projektoren aus. In beiden Fällen fungiert Licht als rein technischer Parameter, den es für eine saubere Aufnahme bzw. Wiedergabe zu beachten gilt. Jene Formen der Illumination spielen in Ästhetik der Schatten. Filmisches Licht 1915-1950 (Schüren Verlag) keinerlei Rolle. Vielmehr widmet sich das Begleitbuch zur diesjährigen Berlinale-Retrospektive der bewussten Lichtgestaltung, d.h. den künstlerisch-schöpferischen Aspekten der Beleuchtung. Mit dieser Intention präsentieren die Herausgeber Connie Betz, Julia Pattis und Rainer Rother eine Essay-Sammlung, die dem Thema mit unterschiedlichen Interessensschwerpunkten und Herangehensweisen begegnet.

Wie eingangs angedeutet, wird Filmlicht gerne als neutrales Element angesehen, dessen Vorhandensein schlicht und ergreifend eine korrekt belichtete Aufnahme gewährleisten soll. Der erste Beitrag “Das Licht setzen, das Dunkel arrangieren. Zur Veränderung von Beleuchtungsstrategien” (Connie Betz und Rainer Rother) nimmt diesen wenig künstlerischen Status quo zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Ausgangsbasis und zeichnet die Entwicklung hin zu einem kreativen Umgang mit Lichtquellen nach. Hierbei fungiert das Essay als kurzweiliger thematischer Einstieg, der den Leser an bedeutende Persönlichkeiten wie Henry Kotani, Eugen Schüfftan, Helmar Lerski, Lee Garmes und Josef von Sternberg heranführt und zugleich die mannigfaltigen Ausrichtungen der sich anschließenden Essays prägnant umreißt.

Die drei folgenden Beiträge in Ästhetik der Schatten widmen sich – unter Berücksichtigung transnationaler Einflüsse – den länderspezifischen Ausprägungen der filmischen Lichtkunst. So skizziert Daisuke Miyao in “Die Erfindung der Ästhetik des Schattens. Beleuchtung im japanischen Film von 1920 bis in die 1950er Jahre” einen von Rückschlägen begleiteten Normwandel in Japan, im Zuge dessen die zunächst flach ausgeleuchteten bzw. rein funktional aufgehellten Film-Szenerien (Klarheit zuerst, Story zweitens) von einer Ästhetik des Schattens überlagert wurden. Neben dem darauffolgenden Essay von Kevin Brownlow (“Fotografisch denken. Amerikanische Kameramänner in der Stummfilmzeit”) – ein angenehm persönliches und mit unterhaltsamen Anekdoten versetztes Kapitel – überzeugen auch Karl Prümms Betrachtungen in “Helle Gestalten auf samtenem Grund. Eugen Schüfftan und das Hell-Dunkel im frühen deutschen Tonfilm und im französischen Exil”. Der Autor analysiert die veränderten Produktionsbedingungen im Tonfilm-Zeitalter, von denen sich insbesondere Kameramänner in ihrem Schaffen negativ beeinflusst wähnten. Vor diesem Hintergrund zieht Prümm ausschnittweise Meisterwerke wie Der blaue Engel (1930), Die 3-Groschen-Oper (1931) und Menschen am Sonntag (1930) heran, die sich trotz aller Widrigkeiten zu keinem Zeitpunkt die visuelle Butter vom Brot nehmen ließen. Besonders spannend ist hierbei die Auseinandersetzung mit dem Kameramann Eugen Schüfftan, dessen Werdegang und künstlerische Intentionen ausführlicher nachvollzogen werden.

Als persönliches Highlight der Publikation – und das noch vor Ralf Forsters Beitrag “‘Licht, Licht, auf alle Fälle’ Techniken der Filmbeleuchtung in Deutschland 1915 bis 1931” – entpuppt sich jedoch “Starlight. Greta Garbo und Marlene Dietrich in Hollywood”. Begleitet von zahlreichen aparten Abbildungen der Schauspielerinnen Dietrich und Garbo schildert die Autorin Fabienne Liptay die visuelle Erschaffung zweier Ikonen. Dabei wirft sie einen Blick auf die nicht unwesentliche Rolle der Kameramänner Lee Garmes und William H. Daniels, welche es verstanden, die ihnen anvertrauten Stars standesgemäß – und mitunter durch vollkommen konträre Beleuchtungsstrategien – in Szene zu setzen. Die Schauspielerinnen wiederum wussten um die Kunstfertigkeit jener Männer und so brachten es beispielsweise William Daniels und Greta Garbo bis 1939 auf insgesamt 21 gemeinsame Produktionen, darunter Werke wie Es war (1926), Anna Karenina (1935), Mata Hari (1931) und Menschen im Hotel (1932). Zusätzlich abgerundet wird das Starlight-Kapitel durch einige aufschlussreiche Dreh-Anekdoten, die ein vages Gefühl für den Innovationsgeist der damaligen Zeit vermitteln.

Ästhetik der Schatten. Filmisches Licht 1915-1950 aus dem Schüren Verlag (Amazon) besticht durch abwechslungsreiche wie unterhaltsam verfasste Beiträge, die von einem gefälligen Layout gerahmt werden. Zusätzlich zeichnet sich der Band durch eine qualitativ hochwertige Bebilderung aus. Mithilfe von diversen Still-Fotografien sowie mitunter monumental anmutenden Setfotos – bspw. von I.N.R.I. (Robert Wiene, 1923), Die Nibelungen: Siegfried (Fritz Lang, 1924) oder Die 3-Groschen-Oper (Georg Wilhelm Pabst, 1931) – taucht der Leser unmittelbar in die Materie ein. Doch nicht nur an genannten Parametern lässt sich die Qualität der Publikation messen. Dass Ästhetik der Schatten als Katalog zur Berlinale-Retrospektive 2014 wunderbar funktioniert, bezeugen auch meine bisherigen sowie die noch anvisierten Ticket-Käufe im Rahmen des Festivals. Denn die Text-Anthologie erweckt das dringende Bedürfnis, im Rahmen der Retrospektive auf Entdeckungstour zu gehen und sich von den Lichtkünstlern einer vergangenen Epoche bezirzen zu lassen.

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