Olos Berlinale Diary 7

Nazis & Juden pfeifen zusammen Wiener Blues

17.02.2011 - 10:30 Uhr
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Olos Diary: Mein bester Feind
© Moviepilot
Olos Diary: Mein bester Feind
Tag 7 der Berlinale konfrontierte mich mit einer Holocaustkomödie und der größten Schlaftablette seit Prinz Valium. Selten war sich ein Fachpublikum so einig: WTF?

Gestern schrieb ich noch, dass auch der Jury der Berlinale langsam die Festivalstrapazen anzusehen sind. Heute machten sich weitere Anzeichen bemerkbar. In dem ansonsten dicht gedrängten und voll besetzten Berlinale Palast klafften heute massive Lücken. Bestenfalls die Hälfte der Plätze waren besetzt. Das Festival fordert also die ersten Opfer. In diesem Fall Filmopfer, denn das Fachpublikum beginnt zu filtern, welche Wettbewerbsfilme es wert sind, zu unchristlichen Zeiten – 9 Uhr – aufzustehen. Das türkische Drama Our Grand Despair scheinbar nicht – zu Unrecht.

Our Grand Despair – Bizim Büyük Çaresizliğimiz
Es ist alles andere als einfach, diesen türkischen Beitrag Our Grand Despair zu kategorisieren. Drama? Komödie? Romanze? US-Indiefilm? Richtig gehört, würde der Film nicht in Ankara spielen und die Schauspieler nicht türkisch sprechen, ginge der Film auch als waschechter US-Independentstreifen durch. Anfangs dachte ich, ich hätte den Our Grand Despair nach zehn Minuten durchschaut, aber die Charakterkonstellationen verschiebten sich zusehends.

Besonders die Männerfreundschaft zwischen Ender und Cetin durchbrach alle Beziehungsschranken. Sie sind irgendwie alles, die besten Freunde mit einer romantischen Note, ein Liebespaar und Ersatzväger in einem. Dank den beiden Protagonisten habt der Zuschauer das Gefühl, nicht der üblichen Dreiecksbeziehung zuzuschauen. Zwar wird der Film gegen Ende etwas zu konventionell, aber verliert nichts von seinem sympathischen Lebensgefühl, das er vermittelt – einfach ein kleines, schönes und unspektakuläres Indie-Erlebnis auf türkisch.

Mein bester Feind
Wie zu erwarten, war Mein bester Feind wesentlich besser besucht. Die Neugierde war groß auf die Tragikomödie von Wolfgang Murnberger. Darin spielt Moritz Bleibtreu Victor, einen jüdischen Kunsthändler in Wien, der in den 30er Jahren von den Nazis enteignet und zusammen mit seiner Familie in Konzentrationslager deportiert wurde. Erst als die Nationalsozialisten eine lange verschollene Zeichnung von Michelangelo haben wollen, rückt Victor plötzlich wieder in den Mittelpunkt des Nazi-Interesses und sein ehemals bester Freund Rudi, der ihn an die SS verraten hatte, bekommt den Auftrag, die Informationen zu beschaffen. Wäre da nur nicht dieser Flugzeugabsturz, der plötzlich aus einem Juden ein SS-Offizier macht und auch sonst alles auf den Kopf stellt.

Mein bester Feind war bislang eine der größten Überraschungen der Berlinale und mit der Meinung stehe ich nicht allein. Wolfgang Murnberger (Der Knochenmann) schaffte es ähnlich wie Roberto Benigni mit Das Leben ist schön, dem Holocaust eine Leichtigkeit zu verleihen, die mit der erdrückenden Grundstimmung einhand geht. Es war ein riskantes Unterfangen, den Film als Holocaustdrama zu beginnen, in der Mitte als waschechte Verwechslungskomödie weiter zu führen und im letzten Akt einen süffisanten Heistplot zu konstruieren, den der Zuschauer mit diabolischer Freude verfolgt. Der eigentliche Clou besteht darin, dass Wolfgang Murnberger den Nazis und dem Holocaust den Rhythmus und das Tempo eines beschwingten Wiener Blues verpasste. Dazu der typische Wiener Dialekt und der Wiener Kaffee wird durch die Leinwand beinahe riechbar. Um diese Leichtigkeit nicht zu gefährden, nahm sich der Film die Freiheit und klammerte einige der größten Schrecken des zweiten Weltkriegs, wie die Vernichtungslager, Erschießungen oder die Bombardierung von Wien aus. Doch der Regisseur verharmlost nichts, der Schrecken ist ständig präsent und es gilt der alte Grundsatz: Auch wenn es nicht gezeigt wird, passiert ist es trotzdem.

Natürlich muss sich ein jeder, wenn es um den Holocaust geht, die Frage stellen: Darf der Regisseur das? Dürfen Filmemacher den Holocaust zwar als drohender Schatten erwähnen, ihn aber bewusst ausklammern? Dürfen sie ihn und den zweiten Weltkrieg als Schauplatz für eine Verwechslungskomödie missbrauchen? Dürfen sie so schonungslos durch den Krieg zappen und sich die Rosinen herauspicken?? Ich sage ja, wenn es so gekonnt und ausgewogen passiert wie Wolfgang Murnberger es tat. Trotz Holocaust bringt einem der Regisseur zum Schmunzeln und zum Lachen. Nicht über das Leid, sondern die Besatzer, den Faschismus, die Uniform und die blinden Eiferer, die darin stecken. Ein gewagte, aber gelungene Genre-Gratwanderung, die auch gnadenlos nach hinten hätte losgehen können, aber dank des österreichischen Regisseurs zu einer Mischung aus Arsen und Spitzenhäubchen, Der dritte Mann und noch einigen mehr wurde.

Rätselhafte Welt – Un Mundo Misterioso
Das beste kommt zum Schluss. Selten waren sich die Kritiker beim Verlassen des Kinosaales so einig – was wir eben gesehen hatten war so schlecht, dass der Film allen Ernstes als Gewinner für den Goldenen Bären in Betracht kommen würde. Mir ist aufgefallen, dass ich im Podcast den Namen des Films gar nicht erwähnte. Vermutlich ein unbewusster Fremdschutzreflex, um euch dieses “Filmerlebnis” zu ersparen. Während der Vorstellung verließen geschätzt 100 Leute den Saal.

Rätselhafte Welt sprengt die Grenzen der Lethargie und Monotonie. Ein Paar trennt sich und der Mann, der ab diesem Punkt wie auf einem Standby-Modus läuft, lungert durch die Stadt. Ein Film, der nicht den geringsten Anspruch hegt, außer inhaltslose Szenen aneinander zu reihen. Dialoge sind Mangelware, Musik ist Mangelware. Subtext, Bedeutung, Ausdruck oder zumindest interessante Bilder sind Mangelware. Das angestaubte Bildformat 4:3 hätte mir eigentlich eine Warnung sein sollen, schrie es mir doch direkt ins Gesicht. Der Protagonist kann froh sein, dass ihn seine Freundin nur verlassen und nicht gleich erschossen hat. Mein Verständnis hätte sie. Mein Vorschlag für den deutschen Titel wäre: Die größte Backpfeife der Filmgeschichte – ein Trauerspiel.

Abschließend lässt sich nur sagen: Uwe Boll, wenn du wirklich einen Grund haben möchtest die Berlinale zu verklagen, dann schau dir diesen Film an und verlange danach die 107 Minuten zurück …

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