Neu bei Netflix: Einer der widerlichsten Filme der letzten Jahre - der genau deswegen so gut ist

24.02.2021 - 18:00 UhrVor 1 Monat aktualisiert
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Der Goldene Handschuh - Trailer (Deutsch) HD
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© Warner
Der Goldene Handschuh
Einer der größten deutschen Skandalfilme der letzten Zeit ist jetzt auf Netflix. Er beschreibt den widerlichen Alltag eines Serienkillers - und ist genau darum gut.

Als Der goldene Handschuh 2019 auf der Berlinale Premiere feierte, erntete er von vielen Seiten vernichtende Kritiken. Wie hier die Geschichte des Hamburger Serienmörders Fritz Honka erzählt wurde, stieß auf jede Menge Ablehnung und handfesten Ekel. Im Umgang mit dem Ekel liegt aber auch die große Stärke des Films, den ihr jetzt bei Netflix sehen könnt.

Mörderisches Trinker-Milieu auf Netflix: Darum geht's in Der goldene Handschuh

Hamburg zu Beginn der Siebziger Jahre: Der Hafenarbeiter Fritz Honka (Jonas Dassler) gehört zu den Verlierern der Nachkriegsgeneration. Von Prügeleien und Unfällen entstellt, ertränkt er sein ganzes Leben in immensen Mengen an Alkohol. In den Trinkerkneipen St. Paulis wie dem Goldenen Handschuh verbringt er seine Zeit mit seinesgleichen - Alkoholikern, Prostituierten, Menschen am Rand der Existenzgrenze.

Ein Serienmörder als Trinkkumpan

Dort sucht er die Bekanntschaft älterer Frauen, die er zum Sex mit nach Hause nimmt. Bei einer solchen Gelegenheit lässt der sonst so schüchterne Honka seine alkoholisierte Wut an einer Frau aus und tötet sie. Anschließend zersägt er den Leichnam und versteckt ihn.

Ein Leben im Elend: Fritz Honka.

Aus der einzelnen Tat wird ein Muster: Immer wieder nimmt Honka Hausfrauen und Teilzeit-Prostituierte aus dem Goldenen Handschuh mit, betrinkt sich mit ihnen hemmungslos, wird übergriffig und bringt sie schließlich brutal um.

Kunstvoll geschaffener Ekel: Darum lohnt sich Der goldene Handschuh auf Netflix

Dass das Drama des Regisseurs Fatih Akin (Gegen die Wand) auf Ekel stieß, lag weniger an der harten Gewaltdarstellung als am Umgang mit den Hauptfiguren. Der Film verweigert sich einer Haltung: Er steht dem Trinkermilieu seiner Charaktere ohne Mitleid, aber auch ohne Verachtung gegenüber. Selbst Honkas monströse Taten sind gefilmt, als säge er sich hier einen Tisch zurecht, und nicht einen menschlichen Torso.

Verlierer ohne Geschichte

Prostituierte, Obdachlose, neugierige Teenager*innen oder ehemalige SS-Soldaten mit Augenklappe: Das Klientel des Goldenen Handschuhs wird nicht psychologisiert. Es werden keine Gründe für das Verhalten dieser Menschen geliefert, es gibt keine klaffenden persönlichen Wunden, die ihr Verhalten erklären könnten. Sie sind, was sie sind.

Im Goldenen Handschuh sucht Honka nach Opfern.

Stattdessen konzentriert sich der Film darauf, das Milieu einer vergangenen Zeit heraufzubeschwören: Schmierige Absturzkneipen im Dunst billiger Zigaretten, in denen die Ausgestoßenen der Nachkriegsgesellschaft im Vollrausch durch den Rinnstein kriechen.

Jetzt bei Netflix: Die BRD der 70er erwacht im Stream zum Leben

Die Details ergeben ein so lebhaftes Ganzes, dass der reine Blick des Films die Wucht eines Faustschlags entwickelt. Alles scheint hier sein Ablaufdatum längst erreicht zu haben: Die vergilbte Tapete schält sich von den Wänden, Gesichter mit tiefen Furchen klammern sich an ihre Fanta-Korn-Mischung und vergießen Tränen zu kitschigen Schlagermelodien.

Diesen Schock der Hemmungslosigkeit verpackt der Film in ein geniales Porträt einer 70er-Jahre-BRD zum Abgewöhnen. Von klebrigen alten Schlagerhits zu türkisem Lidschatten, gewaltigen Dauerwellen und bunten Werbeplakaten überlässt der Film nichts dem Zufall. Fatih Akin erweckt per Ausstattung eine Zeit zum Leben.

Leben abseits der Moral

Wird durch Detailverliebtheit extrem lebendig: Der Goldene Handschuh als Kneipe

Der Film räumt Oberflächen mehr Bedeutung ein als dem Innenleben seiner Figuren. Hier gibt es keine Freundschaften, nur flüchtige Gesichter zwischen zwei Ladungen Hochprozentigem. Hier wird ohne Hemmungen erniedrigt und geprügelt und gemordet und alle trinken sich kollektiv dem nahen Tod entgegen.

Der goldene Handschuh ist also ohne Frage widerwärtig. Seine fehlende Figurenzeichnung bewegt sich am Rande der Menschenverachtung. Moral ist kaum erkennbar. Aber der Ekel als Reaktion darauf ist kunstvoll geschaffen.

Der Film verhält sich quasi genau wie seine Figuren: Wie ein im Stupor gefangener Kampftrinker, für den Mord und Totschlag nur Variationen einer ohnehin schon völlig entwürdigten Existenz sind.

Der goldene Handschuh streamt seit dieser Woche in der Flatrate von Netflix.

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