Fantasy-Apokalypse Sweet Tooth: Netflix' neue Serie lockt uns mit süßen Tieren in den Weltuntergang

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Sweet Tooth: Netflix' neue Fantasy-Serie
07.06.2021 - 11:25 UhrVor 6 Tagen aktualisiert
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Mit Sweet Tooth liefert Netflix Fantasy-Nachschub der etwas anderen Art ab. Denn unter der scheinbar kindlichen Märchen-Oberfläche der Serie brodelt es gewaltig.

Jeder kennt Märchen aus der eigenen Kindheit und die meisten von uns haben im erwachseneren Alter in ihren Filmen und Serien wohl auch schon Ausflüge ins Endzeit-Genre unternommen. In der Kombination als post-apokalyptisches Märchen wirkt das neu. Doch genau zu solch einem ungewöhnlichen Mix verführt Netflix' neue Fantasy-Serie Sweet Tooth uns.

Netflix Fantasy-Serie Sweet Tooth lädt uns herzlichst ein ... in den Weltuntergang

Zu Beginn der von Robert Downey Jr. produzierten 8 neuen Episoden treffen wir in Netflix' Sweet Tooth Gus (Christian Convery), der mit seinem Vater in einem abgeschiedenen Reservat lebt. Der Junge ist ein Mensch-Tier-Hybrid und trägt ein Hirschgeweih auf dem Kopf. Wir erfahren, dass ein Virus große Teile der Menschheit ausgelöscht hat und dass zur gleichen Zeit immune Mischwesen-Kinder geboren wurden.

Sweet Tooth - Teaser Trailer (Deutsch) HD
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Die tödliche Krankheit existiert noch immer, der große Zusammenbruch der menschlichen Zivilisation liegt in Sweet Tooth allerdings schon zehn Jahre zurück. Entsprechend hat sich die Welt in der Netflix-Serie verändert. Nun machen Soldaten Jagd auf die Hybrid-Kinder, weil diese für alles verantwortlich sein sollen.

Das alles klingt dramatisch, wurde von Gus aber durch seinen Vater (Will Forte) ferngehalten – bis der Junge sich plötzlich gezwungen sieht, den Schutz seiner Heimat zu verlassen. Die Suche nach seiner unbekannten Mutter lockt ihn mit naivem Blick in ein großes Abenteuer.

Sweet Tooth ködert mit niedlicher Fantasy und überrascht mit düsteren Momenten

Gus ist als Hybrid zwischen Mensch und Hirsch auf seiner Reise zuckersüß anzusehen. An den weichen Reh-Ohren, die zuckend auf ihre Umgebung reagieren, kann ich mich gar nicht sattsehen. In bunten Farben und saftigen Landschaften begibt er sich auf Entdeckungstour. In der Ferne galoppieren aus dem Zoo entfleuchte Giraffen über die amerikanische Steppe (die eindeutig in Neuseeland gedreht wurde). Wie putzig.

Sweet Tooth: Auf ins Abenteuer

Trotzdem ist die märchenhafte Fantasy bei Netflix nur auf den ersten Blick eine klassische Familien-Serie. Die DC-Comic-Vorlage Sweet Tooth * von Jeff Lemire lässt es bereits erahnen: Die der Erzählung zugrunde liegenden Motive gleiten immer wieder in überraschend düstere Regionen ab, wenn es um Verluste oder Experimente geht.

Das Gewalt-Level erreicht kein traumatisches Maß à la Unten am Fluß. Aber das, was hin und wieder jenseits des Bildrahmens (z.B. mit zuschnappenden Bärenfallen) angedeutet wird, reicht für ein paar scharfe Einatmer aus. Denn auch wenn Tode, Brutalität und düstere Zukunftsvisionen in ein zuckriges Gewand verpackt werden, verlieren sie dadurch nicht alles von ihrer Durchschlagskraft.

Sweet Tooth hat düstere Momente: Gus mit Papa

Sweet Tooths Corona-Parallelen der Virus-Erzählung waren zunächst wohl unbeabsichtigt. Immerhin begann die Verfilmung der DC-Comic-Vorlage schon vor Ausbruch der Pandemie. Doch übersehen lassen sie sich in heutigen Zeiten nur schwer - was dem Stoff bei aller Liebe zuweilen eine beklemmende Note verleiht.

Netflix' Fantasy-Serie Sweet Tooth ist süß – zu süß?

Der im Angesicht des Verderbens hartnäckig fröhliche Tonfall der Netflix-Serie spiegelt sich schon allein darin, dass das Ende der Menschheit verniedlichend als "the Great Crumble" (wortwörtlich "das große Zerbröckeln") bezeichnet wird, was einen ungemein kindlichen Beiklang für etwas so Verheerendes hat.

Immer wieder kollidiert die Unschuld der Hauptfigur mit der Brutalität der Welt. Dass ein aus Socken zusammengenähter Plüschhund auf der Reise nicht fehlen darf, steht im scharfen Kontrast zu den toten Fallschirmspringern, die am Wegesrand von den Bäumen baumeln.

Sweet Tooth aka Gus als Mensch verkleidet

Es ist eine Schere, die sich in Netflix' postapokalyptischem Fantasy-Märchen Sweet Tooth bis zum Ende nie ganz schließt. Doch das Erwachsenwerden ist kein Zuckerschlecken, weshalb der Coming-of-Age-Geschichte die eine oder andere Unbequemlichkeit wohl erlaubt sein muss: Wir klammern uns an das Kindliche, können die Augen aber nicht mehr ganz vor den dunklen Ecken des Lebens verschießen.

Entsprechend beharrlich hält Sweet Tooth an der eigenen Märchenwelt fest. Vielleicht zu hartnäckig? Manche Helden und Bösewichte der Netflix-Serie kommen schon recht eindimensional daher. Die einzelnen Teile der Reise werden fast wie notwendige Stationen abgearbeitet und überwunden, um zum Ziel des Abenteuers (bzw. der Fantasy-Quest) vorzudringen.

Mit Sweet Tooth versucht Netflix aus Altem etwas Neues zu erschaffen

Trotz Netflix' ungewohntem Mix' von Kinderperspektive und Weltuntergang dürften Film- und Serien-Fans in Sweet Tooth manche Elemente bekannt vorkommen:

Sweet Tooths "Lost Boys": die Animal Army
  • Die ohne Erwachsene auskommende Gruppe von Bär (Stefania LaVie Owen) erinnert an die Lost Boys in Peter Pan.
  • Mit Berühmtheiten wie Footballer Jepperd, die auch in der Apokalypse noch erkannt werden, hat The Walking Dead bereits gespielt.
  • Die Reisegemeinschaft eines Kindes samt widerwilligem Aufpasser gemahnt an die Game of Thrones-Dynamik von Arya und dem Hound.
  • Es gibt ein Fantasy-Äquivalent zum Der Zauberer von Oz-Mohnblumenfeld.
  • Und die Déja-vu-Erinnerungen, die Nonso Anozie in der Rolle des Jungen-Beschützers weckt, fühlen sich nach der Artemis Fowl-Enttäuschung wie ein zweiter Anlauf an.

Das ergibt manchmal ein ziemliches Durcheinander an Versatzstücken, die Sweet Tooth eigentlich gar nicht nötig hätte. Denn der größte Charme der Netflix-Serie wohnt immer noch den Hybrid-Kindern inne.

Die Faszination mit Sweet Tooth erstreckt sich leider nicht auf alle Bereiche der Netflix-Serie

Gern würde ich noch mehr von dem Nachwuchs mit Schweinsnasen und Vogelfedern im Gesicht besser kennenlernen. Die Tier-Verschmelzung fasziniert zuverlässig und kippt im Fantasy-Setting nur dann ins Lächerliche, wenn Netflix den Fehler macht, einen komplett animierten Biber(?)-Jungen namens Billy einzuführen, der eher einem Chipmunk-Film entlaufen zu sein scheint.

Sweet Tooth-Stärke: Hybrid-Kinder

Leider bedeutet die Begeisterung für die Hybriden auch, dass nicht alle Fäden der Geschichte gleichermaßen interessant sind. Neben Gus, der gut als Herz der Geschichte fungiert, springen wir immer wieder zu zwei Erwachsenen, die ihre eigene Parallelhandlung mal mehr mal weniger spannend vorantreiben: Aimee (Dania Ramirez), die in einem Zoo Unterschlupf gefunden hat, und den Wissenschaftler Aditya Singh (Adeel Akhtar), der versucht, das tödliche Virus zu heilen.

Manchmal tritt Sweet Tooth deshalb etwas auf der Stelle oder kommt in seiner Erzählung nur schleppend voran. Das führt letztendlich dazu, dass sich Staffel 1 nicht abgeschlossen anfühlt. Ein (einstweiliges) Ende hätte der Serie aber besser getan, als das Selbstbewusstsein, dass Netflix schon eine 2. Staffel spendieren wird: ein märchenhafter Schluss anstelle einer postapokalyptischen Vorausdeutung.

Sweet Tooth

Am Ende bleibt trotzdem der Eindruck, mit Sweet Tooth keiner makellosen, aber einer reizvoll verspielten Apokalypse beigewohnt zu haben. Auch wenn das ungewöhnliche Fantasy-Märchen im Familienkreis im Beisein der Eltern angeschaut werden sollte.

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