Mr. Vincent Vega eckt an

Nur wer Musicals liebt, kann auch Kino lieben

Mr. Vincent Vega / Rock of Ages
© Warner Bros. Pictures
Mr. Vincent Vega / Rock of Ages

Eine Abendvorführung von Rock of Ages. Der Saal ist gut gefüllt. Da sitzen Journalisten, so was Ähnliches wie Journalisten (Blogger) und auch viele durchschnittliche Kinogänger, die sich wohl auf einen neuen Film mit Tom Cruise freuen. Was einige – oder offenbar doch sehr viele – von ihnen nicht zu wissen scheinen: Er wird singen. Alle werden singen. Und tanzen werden sie auch. Denn Rock of Ages ist, was denn auch sonst, ein Musical. Eines, das zunächst am Broadway Erfolge feierte, bevor es nun diesen Donnerstag unter der Regie des genreversierten Regisseurs Adam Shankman (Hairspray) in unsere Kinos kommt.

Es dauert nur wenige Minuten, da fängt die Hauptdarstellerin des Films auch schon zu trällern an. Und mit ihr ein ganzer Reisebus. Nicht einmal wenige Sekunden hingegen vergehen, ehe ein Raunen durch die Saalreihen geht. Demonstratives Stöhnen und Kichern, lautstarke Abschätzigkeit, zur Schau gestellte Fremdscham, so scheint es. Zwei Stunden lang geht das so, denn auch beinahe zwei Stunden lang wird gesungen in Rock of Ages, dem wohl quietschfidelsten Musical des Jahres. Ein Film, dessen großartiges Camp-Potenzial mitunter in so unermessliche Höhen schnellt wie einst im Genreklassiker schlechthin, Meine Lieder, meine Träume mit Julie Andrews.

Dieses gilt als das erfolgreichste Musical aller Zeiten. Auf der ganzen Welt schauen die Menschen es immer und immer wieder, nicht nur in den USA zählt der Film von Robert Wise zum allgemeinen Kulturgut. Außer in Deutschland. Hier, wo es eine Musical-Kultur nie gegeben hat. Wo erst der Revuefilm seine Blütezeit feierte, um dann von den Nazis instrumentalisiert und vom Schlagerkino abgelöst zu werden. Wo einige der größten MGM-Evergreens bis heute nicht einmal veröffentlicht und wo Arthur Freed oder Busby Berkeley bestenfalls Spezialisten ein Begriff sind. Hier eben, wo sogar ein Fachpublikum raunt und stöhnt und kichert, wenn im Kino gesungen wird.

Dabei nutzt kein Genre, außer vielleicht der Actionfilm, die Möglichkeiten des Kinos so ausdrucksstark wie das Musical, treibt keines die Darstellungsformen so sehr an ihre Grenzen, um zur puren Essenz von Film zu werden: in einer Rhythmisierung der Bilder und Töne, in der unmittelbaren Konkretisierung des Materials. Nicht zuletzt erfordert der Song, seine choreographierte Präsentation, im Musical die absolute Kontrolle aller filmischen Mittel, mit denen er in Einklang gebracht werden muss. Durch die er zu leben beginnt. Durch die eben auch sie vor einer beispiellosen Herausforderung stehen. Kaum ein großer amerikanischer Filmemacher hat sich nicht daran versucht.

Besungen werden die Gefühle, zur Echtheit gebracht die Empfindungen. Erst in der gestalterischen Verfremdung durch Studiodekors, expressive Hintergründe, eskapistische Momente wird das gesummte Wort wahr. Erst in der emotionalen Überhöhung des Musicals, im Singen und Tanzen, findet das Melodramatische ganz zu sich. Und alles, worum es im Kino geht, ist ja schließlich melodramatisch.

Da heißt es dann kurioserweise in den vielen, vielen Klischees gegen das Filmmusical: Die singen ja. Die tanzen nur. Eine Handlung gäbe es auch nicht. Sweeney Todd – Der teuflische Barbier aus der Fleet Street von Tim Burton etwa, so las ich seinerzeit in den Internetforen angeblicher Cineasten, sei ja eigentlich ein guter Film, hätte man nur die Songs weggelassen. Natürlich: So wie ja ein Porno auch viel besser wäre, ohne all den lästigen Sex dazwischen. Und dass eben gerade Stephen Sondheims Musik, eine Jahrhundertkomposition zweifelsohne, dem Burton-Film erst zu seiner Erzählstruktur verhilft, ist wohl nicht so wichtig. Oder dass das von Judy Garland sehnsüchtig gesungene “Somewhere over the Rainbow” in Der Zauberer von Oz dem Zuschauer den Schlüssel zu ihrer Figur reicht. Oder dass der nicht zufällig eindrücklichste Moment in Magnolia jener ist, in dem alle Figuren ganz plötzlich, für sich, zu singen beginnen.

Keine Szene jedoch hat jemals wieder so deutlich herausgearbeitet, worum es im Filmmusical eigentlich geht, wie Gene Kellys legendärer Regenschirmtanz im Meisterwerk Du sollst mein Glücksstern sein: Ganz auf einmal, ganz im Liebestaumel, stimmt er das zum Evergreen avancierte Titellied an. Redensarten zufolge könnten wir singen vor Glück oder tanzen vor Freude, wenn die großen Gefühle kein Halten mehr kennen. Gene Kelly macht beides, einfach so. Echte Emotionen, echtes Kino. Nur im Musical.

Moviepilot Team
Mr Vincent Vega Rajko Burchardt
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Meint es gut mit den Menschen.
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