Zum 70. Geburtstag

Oliver Stone - Filmanarchist und idealistischer Provokateur

Oliver Stone auf dem Set zu Alexander
© Constantin Film
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Womöglich reicht die Wurzel von Oliver Stones filmischem Schaffen bis zur Ermordung John F. Kennedys zurück. Das Attentat auf den Ex-Präsidenten der USA markierte nicht nur für das Land, sondern auch den Regisseur einen ganz persönlichen Wendepunkt, wie in Oliver Stone's America nachzulesen ist:

JFKs Ermordnung markierte das Ende eines Traumes, das Ende eines Konzeptes von Idealismus, das ich mit meiner Jugend assoziiere. Rassenkrieg, Vietnam, Watergate. Falls JFK gelebt hätte, hätte sich die Kampfsituation in Vietnam niemals ereignet.

Oliver Stone war an jenem 22. November 1963 17 Jahre alt.

Ganz gleich, in welche Richtung sich die Geschichtsschreibung entwickelt hätte - die Positionierung Kennedys bezüglich Vietnam ist Gegenstand gegensätzlicher Meinung - heute, annähernd 53 Jahre nach dem Attentat, begeht Stone seinen 70. Geburtstag. Das runde Jubiläum eines Provokateurs, Idealisten und politisch Polarisierenden, der sich bis ins fortgeschrittene Alter nicht scheut, die öffentliche Konfrontation anzunehmen.

Politischer Idealismus in filmischer Anarchie

Denn Oliver Stone ist in den Dekaden seines Schaffens immer ein Regisseur mit dringlicher Aussage gewesen. Dabei verstand er sich in erster Linie selbst nicht als politischer Filmemacher, sondern Dramatiker. Hierbei ragt eine Konstante hervor, die sein Werk erst möglich zu machen schien: das Trauma des Krieges in Vietnam. Stone, der selbst und nach damaligem Wunsch an der Front diente, sah den Ursprung von Krieg und Tod in zwei Konzepten, die zwar nicht ausschließlich, aber besonders im Geiste der USA nach wie vor verankert sind (Zitat aus Oliver Stone: Interviews):

Nationalismus und Patriotismus sind die zwei bösesten Kräfte, von denen ich in diesem Jahrhundert oder jedem anderen weiß und verursachen mehr Kriege und mehr Tod und mehr Zerstörung der Seele und des menschlichen Lebens als alles andere.

Es mag daher wenig überraschen, dass der Filmemacher thematisch stets im Herzen und Befinden seiner Heimat ansetzt. Seine Vietnam-Trilogie, bestehend aus Platoon (1986), Geboren am 4. Juli (1989) und Zwischen Himmel und Hölle (1993), ist da sicher der auffälligste Vertreter. Sie nahm sich dem bis heute nachwirkenden nationalen Kriegstrauma in 'Nam an und schöpfte somit unmittelbar aus der Quelle von Stones künstlerischem Schaffen.


Seinem einstigen Idealtypus von Amerikas Überpatriot John Wayne wich nach den Kriegserlebnissen ein Idealismus, der seinem Werk in Gestalt einer Gesellschaftskritik einen unverkennbar bissigen, zeitgenössischen Ton verlieh. Konsequenterweise ist Stone hierzulande ab der kommenden Woche mit dem biografischen Polit-Thriller Snowden auf der großen Leinwand vertreten.

Filmästhetisch steht Oliver Stone dagegen der experimentellen Anarchie nahe, wie beschrieben in Oliver Stone: Interviews:

Und ich mag Anarchie in Filmen. Meine Helden waren Luis Buñuel und Jean-Luc Godard. Außer Atem war einer meiner ersten Filme, an die ich mich erinnere, der mich wirklich prägte auf Grund seines Tempos und seiner Energie. Man sagt, ich sei nicht subtil [in meinen Filmen]. Aber was wir vor allem brauchen, ist ein Kino, das uns aufrüttelt, unsere Nerven und unser Herz.

Idealist sein, heißt kontrovers sein

Als auffälligstes Filmexperiment sticht hierbei seine 1994 erschienene Bonnie & Clyde-Variante Natural Born Killers mit Woody Harrelson und Juliette Lewis hervor. Den fieberhaften, psychedelischen Stil seiner Gewalt- und Medien-Satire erreichte der Regisseur unter dem entfesselten Einsatz einer bunten Farbpalette sowie dem Ausreizen kameratechnischer Möglichkeiten, bei denen eine Reihe unterschiedlicher Perspektiven, Filter, Linsen und Spezialeffekte zum Einsatz kamen.

Oliver Stone gibt seiner Haltung gegenüber gesellschaftsrelevanten Themen so ihren cineastischen Widerhall und fordert auf, andere Perspektiven einzunehmen.

Bereits in seinem drei Jahre zuvor erschienenen Politthriller JFK über die Tötung von John F. Kennedy lotete er die Mittel filmischer Realisierung aus. Seine Aufarbeitung der Ereignisse von Dallas mit dem Angebot einer nachvollziehbaren Gegendarstellung zum offiziellen Warren-Untersuchungsberichts nutzte u.a. verschiedene Filmformate, mit denen er dramatische Fiktion mit realitätsnaher Geschichte virtuos verband. Seine 189 (Kinofassung) bzw. 206 Minuten (Director's Cut) gehören zu den am schnellsten vorbei- und berauschenden drei Stunden der Filmgeschichte. Stone erlaubt uns kaum einmal eine Pause zum Durchatmen. Angesichts der auch heute noch im Thema liegenden Brisanz, dessen offizielle Darstellung durchzogen ist von Ungereimtheiten, wünschen wir uns einen Stopp der zunehmend größeren Masse an Informationen, die uns der Film aufdrückt, jedoch ohnehin nicht.

Das Werk stellte aber nicht nur bei Kritik und Publikum einen Triumph dar. Ebenso zog JFK eine Kontroverse um den Umgang des Staates mit dem nie überwundenen traumatischem Ereignis dar. Sie führte schließlich zur Verabschiedung eines Gesetzes im US-Kongress, das Millionen Seiten von Regierungsdokumenten über den Mord an Kennedy freigab, die eigentlich noch Jahrzehnte unter Verschluss gehalten werden sollten. Kontroversen sollten die Veröffentlichung vieler von Stones Filmen begleiten - die Bürde idealistischen Schaffens.

Von der Nähe heroischer Ikonen

So ertönten etwa auch kritische Rufe, die auf den Vorwurf der Gewaltverherrlichung im Zuge von Scarface, zu dem Oliver Stone das Drehbuch schrieb, sowie Natural Born Killers abzielten. Für letzteren kam es sogar zur Gerichtsverhandlung gegen Stone, die von Krimiautor John Grisham initiiert wurde, nachdem ein Freund einem Gewaltverbrechen zum Opfer fiel. Angeblich, nachdem die beiden jugendlichen Täter den Film sichteten. Das Urteil lautete Freispruch.

Hitzige Diskussionen fing er sich insbesondere auch im Rahmen seiner biografischen Porträts ein, seien sie fiktiv (Alexander, 2004) oder dokumentarisch (Comandante, 2003). Sahen nicht wenige Kritiker in Ersterem das Scheitern eines Herzens- und Großprojekts, erregte Zweiterer vor allem durch seinen, so der Vorwurf, kritiklosen Umgang mit Kubas damaligem Präsidenten und Revolutionsikone Fidel Castro Aufsehen. Das geschah in einer Zeit, in der die aktuelle Annäherung an die USA noch in weiter Ferne lag.

Beiden Filmen ist Stones großer Faible für heroische Ikonen anzumerken, indem er sich beiden vorurteilsfrei annähert.

Zwar mag Oliver Stone selbst nicht als Held verehrt werden. Eine (Film-)Ikone ist er dagegen. Ein Ungebeugter, dem zwar nicht jeder Schuss gelingen mag - seine jüngsten Filme kamen nicht an frühere Meisterstücke heran - doch ist er mit einer unverwechselbaren Stimme ausgestattet. Möge sie noch viel zu sagen haben.

Alles Gute zum 70., Mr. Stone.

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