Once Upon a Time in Hollywood: Tarantinos Gewalt ist extrem, aber gerechtfertigt

Once Upon a Time in Hollywood: Gewalt im Anmarsch
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Once Upon a Time in Hollywood: Gewalt im Anmarsch
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Redakteurin bei Moviepilot. Potterhead, Buchvorlagen-Verschlingerin und Abspann-Sitzenbleiberin. Durchs Aufwachsen ohne TV früh zur Kinogängerin erzogen.

Achtung, es folgen massive Spoiler zu Once Upon a Time ... in Hollywood: Drei Gestalten schleichen sich in das Haus von Rick Dalton (Leonardo DiCaprio). Sie haben Böses im Sinn. Dennoch stockt dem Kino kollektiv der Atem, als Cliff Booth (Brad Pitt) sich auf die Eindringlinge stürzt, einer der Frauen eine Konservendose ins Antlitz schleudert, einer anderen dann wiederholt am Wandtelefon das Gesicht einschlägt und auf dem Letzten am Boden eintritt, bis nicht mehr viel von seinem Kopf übrig ist.

Erst nachdem Rick Dalton diesem schockierenden Blutbad draußen im Pool mit seinem Flammenwerfer schließlich den letzten knusperigen Touch verleiht, geht ein Aufatmen durch die Menge und schließlich sogar ein Kichern durch die Sitzreihen. Erst dann kann ich anfangen, mich aus der benommenen Starre zu lösen. Erst dann ist es möglich, die gezeigte Gewalt nicht nur mit offenem Mund anzusehen, sondern auch zu verarbeiten.

Denn ja: Once Upon a Time ... in Hollywood ist unglaublich brutal. Aber das hat einen guten Grund. Selbst wenn mir beim Schauen erstmal die Spucke wegbleibt.

Tarantino und die erwartete extreme Gewalt

Seien wir ganz ehrlich: Niemand sieht sich einen Film von Quentin Tarantino an und glaubt, dass kein Blut fließen wird. Gewalt wird von einem Tarantino-Film einfach erwartet - und zwar als Ausbruch auf möglichst unerwartete und plötzliche Weise. Es ist gewissermaßen eines seiner Markenzeichen. Brad Pitt nennt das im Moviepilot-Interview die "Tarantino-Ultra-Gewalt".

Das heißt nicht, dass die extreme Gewalt von der Geschichte tatsächlich gefordert würde. Es heißt nur, dass jeder wissen muss, worauf er sich einlässt, wenn er oder sie sich einen Tarantino-Film ansieht. Und dass wir - so schwer es auch sein mag, sich das selbst einzugestehen - im Ansatz die poetisch überzogene Brutalität zumindest als Schockelement auch genießen.

Slate stellt außerdem heraus, dass Once Upon a Time ... in Hollywood "die Beziehung zwischen Blutvergießen und der amerikanischen Unterhaltung" untersucht.

Denn schon die fiktive Serie "Bounty Law" stellt ganz zu Anfang klar, dass ihr Antiheld Jake Cahill (gespielt von Rick Dalton gespielt von Leonardo DiCaprio) bei der Kopfgeld-Wahl zwischen tot oder lebendig immer sofort den Abzug betätigt.

Tarantino und die schwer zu ertragende Gewalt gegen Frauen

Trotzdem ertappe ich mich im Kinosessel dabei, wie ich bei der Gewalt gegen Frauen zusammenzucke, als Brad Pitt gnadenlos gegen die Manson-Frauen auszuteilen beginnt. Tex (Austin Butler), Katie (Madisen Beaty) und Sadie (Mikey Madison) mögen mit den gleichen schlimmen Absichten in das Haus eindringen, aber bei den Frauen trifft die Brutalität mich härter - weil ich es nicht gewohnt bin, dass weibliche Geschlecht verprügelt zu sehen. Ist das der Preis der Gleichberechtigung?

Schon Jennifer Jason Leighs Daisy Domergue war in Tarantinos The Hateful 8 ans empfangende Ende der Brutalität geraten und hatte damit im Bereich "Gewalt gegen Frauen" die Grenzen unserer Sehgewohnheiten ausgelotet.

Joelle Monique stellt im Hollywood Reporter die These auf, dass Gewalt gegen Frauen in Tarantino-Filmen anders als gegen Männer funktioniert und häufig letztlich nur eine komische Pointe sei. Es soll vorrangig eine Reaktion erzeugt werden (statt die Motive von Individuen zu verstehen). Und das kann sich natürlich schnell falsch anfühlen.

Doch die gezeigten Frauen der Manson-Familie in Once Upon a Time ... in Hollywood sind durch ihre Gehirnwäsche nichts weiter als Bösewichte, die es zu erledigen gilt - damit Sharon Tate ihrem schlimmen wahren Schicksal entgeht. Und genau in dieser Schere zwischen Gewalt und Realität liegt eine interessante Rechtfertigung des blutigen Geschehens.

Once Upon a Time in Hollywood: Wie Tarantino seine Gewalt mit der Realität rechtfertigt

Gerade weil Once Upon a Time ... in Hollywood nämlich vom historischen Ablauf abweicht, ist es dem Film überhaupt erst möglich, seine "augenbetäubende" Gewalt zu begründen.

Denn wer das wirklich wissen will, kann sich bis ins schlimmste Detail dazu informieren, welche Gräueltaten die Manson-Mitglieder 1969 verübten, indem sie die schwangere Sharon Tate (Margot Robbie) und deren Freunde Jay Sebring (Emile Hirsch), Wojciech Frykowski (Costa Ronin) und Abigail Folger (Samantha Robinson) ermordeten.

Auch wenn es in Tarantinos Film nie zu diesen eigentlichen Morden kommt: Beim Schauen seiner veränderten Geschichte dient dem zumindest ansatzweise informierten Zuschauer die im Hinterkopf präsente schockierende Realität exzellent als Rechtfertigung (was ja schon in Inglourious Basterds funktionierte.) Wir können schlicht Gewalt gegen gewalttätige Menschen besser annehmen. Auch dann, wenn nie gezeigt wird, was sie tatsächlich Gewalttätiges getan hätten.

Die moralische Verteidigung eines solchen genussvollen Blutbades stünde wohl auf äußerst wackeligen Beinen. Aber in den Köpfen der an Selbstjustiz und Rachegeschichten gewöhnten Kinozuschauer ist sie Anlass genug, das Gezeigte erträglich zu machen.

Tarantino präsentiert uns in Once Upon a Time ... in Hollywood im Prinzip eine Strafe vor der Tat - à la Minority Report. Darin liegt zugleich die Rechtfertigung, aber auch die ambivalente Erfahrung der Brutalität: Wenn Brad Pitt sein Opfer immer wieder gegen das Telefon schmettert, dauert das so lange an, dass im Kinosessel unsere Gefühle Zeit haben, alle Stadien von Überraschung, Schock, Abscheu, Humor und Verurteilung des Gesehenen zu durchlaufen.

Das ist notwendig, um mit der Gewalt auf differenzierte Weise umzugehen. Auch - oder erst recht - wenn wir gerade einen Tarantino-Film sehen.

Wie denkst du über den heftigen Gewaltausbruch in Tarantinos Once Upon a Time ... in Hollywood?

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