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Possession - Isabelle Adjani und eine Wahnsinns-Darbietung

Isabelle Adjani in Possession
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"Alles ist in Bewegung, um zu leben genügt es vorwärts zu gehen, gerade aus zu gehen, auf alles zu, das man liebt" (Alphaville)

Warum lege ich euch Possession ans Herz? Der Film hat von euch bisher leider nur 845 Bewertungen bekommen. Ich will versuchen, euch davon zu überzeugen, mal abseits des allgegenwärtigen Mainstream-Einheitsbreis in einen wahrhaft unglaublichen Film zu wagen. Ich gehe dabei am Anfang kurz auf die Entstehungsgeschichte ein, denn allein schon wie Andrzej Zulawski den Produzenten seinen Film gepitcht hat, ist legendär und sagt schon vieles über den Film:

It's about a woman fucking an octopus

Da ich euch die Überraschung, was es mit dem berüchtigten Oktopus auf sich hat, nicht nehmen will, gehe ich darauf lieber nicht weiter ein, sondern fokussiere mich zuerst kurz auf die Hauptgeschichte. Possession spielt im geteilten Berlin der Achtzigerjahre und schon die erste Szene, die die Berliner Mauer mit dem Schriftzug "Die Mauer muss weg" zeigt, steht allegorisch für den ganzen Film. Dieser handelt von Mark (Sam Neill), der nach einer langen Geschäftsreise zurück zu seiner Frau Anna (Isabelle Adjani) und deren Sohn kehrt. Nachdem Anna sich ihm gegenüber sehr abweisend verhält, begibt sich Mark voller Eifersucht auf die Suche nach den Gründen dafür. Doch dabei macht er eine fürchterliche Entdeckung, die all seine schlimmsten Erwartungen bei Weitem übertrifft.

Isabelle Adjani spielt absolut verrückt

Isabelle Adjani fegt durch den Film wie ein Tornado durch eine Großstadt. Sie reißt einfach alles mit sich. Ihre Figur mag auf den ersten Blick hysterisch erscheinen, aber Isabelle Adjani macht aus ihr etwas, das ich nur mit einer Naturgewalt vergleichen kann. Ihr intensives Spiel ist absolut verstörend. Es ist durchzogen von paranoiden und selbstzerstörerischen Momenten. Sie liefert eine wortwörtliche Wahnsinns-Performance. Sie schreit, als hätte sie den Teufel mit eigenen Augen gesehen. Sie windet ihren Körper ständig, als wäre etwas in ihr, das unbedingt hinaus will. Sie reißt die Augen voller Schrecken auf. Sie schmeißt sich mit voller Wucht gegen die Wand. Sie suhlt sich in Blut, Pisse, Schleim - in jeder Körperflüssigkeit, die man sich vorstellen kann. Ihr schauspielerischer Rausch führt zu enorm unangenehmen und beunruhigenden Szenen (Stichwort: U-Bahn). Sie selbst bezeichnete den Film später selbst als "psychologische Pornografie" und stand, von Zulawski bestätigten Gerüchten zufolge, kurz vor einem Selbstmord. Adjani wurde für die zweifellos atemberaubendste Darstellung ihrer Karriere in Cannes als Beste Darstellerin geehrt.

Die beunruhigende Atmosphäre von Possession

Isabelle Adjanis damaliger Partner Bruno Nuytten führte die Kamera. Er geht mit seinen Nahaufnahmen unglaublich dicht an die Darsteller heran. Seine Kamera ist ständig in Bewegung, sie ist wie die Hauptdarsteller, die sie selbst aufzeichnet, anscheinend vom Wahn getrieben. Nuytten fängt seine Bilder häufig in langen Einstellungen ein, was das Spiel Adjanis noch hervorragend verstärkt, da sie dadurch die Zeit bekommt, sich innerhalb teilweise minutenlanger Einstellungen zu steigern, ohne dass sie dabei von einem Schnitt unterbrochen wird. Das Zusammenspiel von Nuyttens Kamera und Adjanis Darbietung ergibt Bilder, die beim Zusehen beinahe physisch wehtun - vom psychischen Schock ganz zu schweigen. Das, kombiniert mit dem geteilten Berlin als Seelenlandschaft und der kafkaesken Narration, löst einen alptraumhaften, halluzinatorischen und unglaublich intensiven Bildersturm aus.

Andrzej Zulawski macht Possession zu einem Meisterwerk des unkonventionellen Films

Zulawski schafft es in Possession eine wahrhaft wahnsinnige Geschichte so zu inszenieren, dass der Zuschauer nicht nur hineingezogen wird, sondern geschockt ist, dass er sie selbst glaubt. Etwas in dieser Hinsicht vergleichbares habe ich bisher nur bei Roman Polanskis Rosemaries Baby erlebt. Zulawski zufolge habe dem Film seine gescheiterte Ehe als Inspiration gedient. Er hat diese Erfahrung unkonventionell und äußerst gekonnt verarbeitet, weshalb der Film den Zuschauer mit seinem psychologischen Horror nicht nur mitnimmt, sondern auch herausfordert.

Wenn ihr also mal wieder einen Film sehen wollt, der euch vollkommen schockiert, einen Film, nach dem ihr euch fragt, "was habe ich da denn gerade gesehen", genau dann solltet ihr euch unbedingt Possession ansehen. Obwohl er als eines der Werke gilt, die angeblich nicht beschrieben werden können, da man sie erleben muss, hoffe ich euch spätestens damit - falls ich mit allem anderem gescheitert bin - dazu gebracht zu haben, ihn nun erleben zu wollen. Denn wie im Film selbst schon gesagt wird: "Wenn du nur gesehen hättest, was ich gesehen habe!"

P.S.: Bezeichnenderweise lautet die einzige häufig gestellte Frage zum Film bei der IMDb: "Was habe ich gerade gesehen?"

Habt ihr Possession schon gesehen oder werdet ihr ihn euch bald ansehen?

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