Aki Kaurismäki berührt mit Die andere Seite der Hoffnung

Die andere Seite der Hoffnung
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Die andere Seite der Hoffnung
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"It's true we had a gentleman's agreement, but unfortunately, I am no gentleman."

Zwei hartgekochte Eier, Kochschinken und Brot mampft Geoffrey Rush in Final Portrait weg, dazu zwei Gläser Rotwein quasi auf ex. In Colo versenkt ein deprimierter portugiesischer Vater seine Zahnspitzen in einer riesigen Tomatenhälfte, die von dicken Salzkörnern saftig glänzt. In Sachen kulinarischem Kino außerhalb des Kulinarischen Kinos bei der Berlinale schießt Aki Kaurismäki den Vogel ab, der allerdings nicht auf dem Teller landet: Das Tagesgericht, die "Pfeffersardinen", im schraddeligen Restaurant Goldener Krug aus Die andere Seite der Hoffnung besteht aus:

  • 2 Kartoffeln
  • 1 Gurkenscheibe
  • 1 zur Hälfte aufgerollte Dose Sardinen
  • 1 Pfefferstreuer

Alles minimalistisch serviert auf einem Abendbrotteller. "Fusionsküche" wird das in den Untertiteln selbstbewusst/völlig verblendet genannt. Später darf sich der Zuschauer des neuen Kaurismäkis noch auf den Versuch der Fusionsköche freuen, ein Sushi-Restaurant aufzumachen. Wie grotesk das aussieht, sollte jeder selbst herausfinden im neuen Film des Regisseurs von Der Mann ohne Vergangenheit und Le Havre. An letzteren schließt Die andere Seite der Hoffnung inhaltlich an. Diesmal steckt der syrische Flüchtling Khaled (Sherwan Haji) den pechschwarz verstaubten Kopf aus einem Berg Kohle. Sein Frachter ist im Hafen von Helsinki eingefahren und nun liegt es an Khaled, die Mühlen der Bürokratie und Messer finnischer Neonazis zu überwinden. Überwundene Gefahren und Geheimnisse werden in diesem ersten Bild von Khaled suggeriert, das etwas von den aufgeladenen Bildern eines Stummfilms hat. Parallel steht Vertreter Wikström (Sakari Kuosmanen) schweigend vor seiner Frau, die am Küchentisch mit Lockenwicklern und Kippe neben einem wulstigen Kaktus sitzt. Er legt den Ehering in den Aschenbecher und geht davon. Eine Aki Kaurismäki-Szene, wie sie in den Lehrbüchern über schrullige nordeuropäische Komödien aufgeführt werden sollte. Wikström durchlebt offenbar die finnische Variante einer Midlife-Crisis: Er verlässt seine Frau, gibt seine Arbeit auf, gewinnt einen Haufen Schotter beim Poker und investiert in die Sorte gammeliger Restaurants, die nur in schrulligen nordeuropäischen Komödien charmant aussehen.

Wikströms und Khaleds Handlungsstränge werden sich vereinen, bis dahin erstaunt der Wettbewerbsbeitrag mit seinem konsequenten Umschwung im Ton. Auf der einen Seite belustigen die spleenigen Kaurismäki-Figuren (Stammdarsteller wie Janne Hyytiäinen) durch ihr Tagwerk, auf der anderen sieht Khaled im Fernsehen einen Bericht über seine zerbombte Heimat Aleppo oder wird von Rechtsradikalen an der Bushaltestelle bedroht. Kaurismäki macht hier in den Grenzen seiner gewohnten Überzeichnung von Menschen, Kneipen und Sardinenbüchsen eine vielversprechende Entwicklung durch. Ähnlich verhält es sich mit dem Südkoreaner Hong Sang-soo, womit diese bemühte Überleitung dann auch geschafft wäre. Hongs On the Beach at Night Alone erzählt in zwei Teilen mit separaten Ensemble-Credits von Young-hee (Min-hee Kim aus Right Now, Wrong Then und Die Taschendiebin), die sich nach einer Trennung mit der gewonnen Freiheit und daraus resultierenden Einsamkeit arrangieren muss. In Hamburg sinnt sie in den bei Hong gewohnten ausgedehnten Gesprächen übers Alleinsein nach. Die dauerhafte Flucht aus Südkorea vor der Sehnsucht nach der alten Liebe steht zur Debatte. Sie will endlich machen, was sie möchte, betet sie in einer Szene vor einer Brücke im Park. Insofern ist die Rückkehr nach Korea in Teil 2 zunächst als Eingeständnis ihrer Abhängigkeit zu betrachten.

Die niedergerissene Sprachbarriere und steigende Zahl leerer Soju-Flaschen wirkt sich positiv auf den zunächst spröden Film aus. Schauspielerin Young-hee trifft alte Freunde wieder, die alle eine Veränderung in ihr wahrzunehmen glauben. Ihre offen nach außen getragene Verletzlichkeit und Traurigkeit angesichts der gewonnenen Freiheit deutet in ihrer getragenen, weniger verspielten Darstellung jedoch vielmehr auf eine Wandlung bei Filmemacher Hong selbst hin. Stellt euch diesen einen herzzerreißenden Zoom auf Kim Min-hee in Right Now, Wrong Then als halben Film vor und ihr habt ein ungefähres Bild von der zweiten, stärkeren Hälfte von On the Beach at Night Alone.

Einem noch immer aufregenden Filmemacher wie Hong Sang-soo gegenüber wirkt der neue Film von Volker Schlöndorff wie der filmgewordene Wollpullover, was nun deutlich ansprechender klingt als Rückkehr nach Montauk letztendlich ist. Auch in Montauk wird über die verlorene Liebe sinniert, diesmal von Stellan Skarsgård als Schriftsteller Max Zorn. Inspiriert wurde dieser Zorn vom realen Schriftsteller Max Frisch, dessen Homo Faber Schlöndorff 1991 in einem weitaus besseren Film adaptiert hatte. Zorn befindet sich auf Publicity-Tour in New York City und träumt, wie in seinem aktuellsten Roman, seiner verlorenen Liebe Rebecca (Nina Hoss) nach, während seine Ehefrau Nina (Susanne Wolff) quasi neben ihm steht. Zorns daraus folgender Irrweg ist absehbar, der Stoff geriert sich mehr als Melodram, als es die oberflächlichen Charakterzeichnungen, mangelnde Originalität und Härte gegenüber seinen Figuren verdienen. Skarsgårds ironisch-verschmitzten Charme hat dieser blutleere Film ebenso wenig verdient wie die dramatisch bebenden Nasenflügel der alle Register zwischen Distanz, Belustigung und roher Emotion aufziehenden Nina Hoss.

Neben dieser aus jeder Szene dringenden filmischen Sattheit wirken selbst Aki Kaurismäki und Hong Sang-soo wie stilistische Revolutionäre. Gerade Kaurismäki kommt der schleichende Wandel seiner augenscheinlich starren Form zugute. Der Humanismus war seinen Filmen über liebenswerte Außenseiter schon vorher eingeschrieben, der Einfall der Realität in die anachronistische Kulissenwelt seiner Figuren entwickelt diesen weiter. Dabei entwirft Aki Kaurismäki in Die andere Seite der Hoffnung seine spezifische Utopie, die bei einem weniger auf Kakteen und Sardinendosen fixierten Film zum kontroversen Streitpunkt werden würde. Bei Kaurismäki scheint jeder Sonderling willkommen, sofern er sich wie eine Kaurismäki-Figur verhält. Da zischt auch Khaled erstmal ein Bierchen.

Hier geht's zum Berlinale-Kritikerspiegel von critic.de.

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