Community

Son of Saul - Darf man einen Holocaust-Thriller machen?

Ein Thriller an der Gaskammer?
© Sony Pictures Deutschland
Ein Thriller an der Gaskammer?
08.03.2016 - 14:15 UhrVor 4 Jahren aktualisiert
29
9
Die Frage, ob man einen Thriller machen darf, der in Auschwitz direkt an den Gaskammern spielt, ist eigentlich eine Frage nach der ethischen Verantwortlichkeit des Kinos. Darf jede Geschichte mit jedem Hintergrund erzählt werden? Und funktioniert das überhaupt, einen Thriller im KZ spielen zu lassen?

"Jeder hat das Recht, im KZ zu sein", sagte einst Jean-Luc Godard in seiner gewohnt polemischen Art und in Antwort auf Claude Lanzmann, Erschaffer des Holocaust-Epos Shoah. Lanzmann war und ist bis heute der große Verfechter moralischer Bedenken, der, nicht zu unrecht, stets für einen ethischen Umgang mit dem Holocaust im Film plädierte, während Godard immer die Meinung vertrat, dass jeder Filme über dieses Thema machen kann, so er nur will.

Grundsätzlich ist und bleibt bei Holocaust-Filmen immer die Frage im Raum: wie das Unmögliche, das Unfassbare und Unbegreifliche dieses Genozids überhaupt repräsentierbar machen? Im komödiantischen Widerstand so wie Charlie Chaplins Der große Diktator, Roberto Benignis Das Leben ist schön oder Ernst Lubitschs Sein oder Nichtsein? Das ist eine Möglichkeit, eine der stärksten sogar, die das Kino, wenn es denn kein dokumentarisches sein will, zur Verfügung hat. Denn hier wird die kinematographische Repräsentation herausgestellt und bricht mit den Erwartungen an Bilder und Gefühle, die sich bei diesem Thema einstellen sollen und müssen.

Überhaupt ist die Frage wohl zu reduzieren auf die Frage, wie man den Holocaust im fiktionalen Film zeigen kann und sollte. Der Dokumentarfilm kann sich ja hier an dieser Stelle auf Augenzeugen und reines Beobachten zurückziehen - keine immer funktionstüchtige Art, dem Berg des Unfassbaren beizukommen, aber nicht halb so kompliziert wie die Fiktionalisierung desselbigen.

Wie stellt man den Holocaust fiktionalisiert überhaupt dar?

Nehmen wir beispielsweise Steven Spielbergs Klassiker Schindlers Liste. So emotional wirksam seine Bearbeitung des Themas ist, so schrecklich ist sie auch, reduziert sie den Holocaust doch letzten Endes auf eine Hollywood-Formel, die im perfekt evozierten Emotionsfluss einen Film schafft, der den ihm zugrunde liegenden tiefen Humanismus nur dazu nutzt, um die Message nach Hause zu tragen. Und was ist eigentlich die Message und der Sinn von Schindlers Liste gewesen? Wie hat er sich dem Wahnsinn genähert? Fast gar nicht, ist hier die Antwort. Hinter den schwarz-weißen Bildern mit dem Tupfen Rot im richtigen Moment, hinter der geradlinigen Aufteilung von Gut (Schindler) und Böse (Goeth) gibt es keine Annäherung. Es gibt nur eine Hollywood-Idee, die vermittelt wird und sie wird mit einer Überzeugung vermittelt, dass es alles so gewesen sein muss, dass kein Platz bleibt für Ambivalenzen.

Schindlers Liste - Trailer (Deutsch)
Abspielen


Was ist also der Weg, den das Erzähl-Kino hier gehen kann? Es kann nur ein subjektiver sein, der eine Erzählhaltung einnimmt, die sich nicht anmaßt zu sagen, wie es damals war, denn - zu unser aller großem Glück- wissen wir es nicht. Wir kennen die Gerüche, die Orte, die Menschen und die Geräusche nicht.

Holocaust-Thriller? Darf man das? Funktioniert das überhaupt?

An dieser Stelle macht Laszlo Nemes' Son of Saul alles "richtig". Niemals verkauft er seinen Protagonisten Saul Ausländer (Géza Röhrig) als Symbol für ein großes Ganzes oder eine allgemeine Wahrheit. Vielmehr klebt sich die Kamera des Filmes sofort an dessen Schulter, stets ganz nah und subjektiv und bleibt dort bis zum Ende. Ein wenig überführt das den Film in eine Art Ego-Shooter Perspektive. Und genau das macht die Stärke dieser Subjektivität aus. Das Gefühl, im Geschehen direkt hinter Ausländer zu stehen, ist ein bekanntes. Nur mit einem Dreh. In den Spielen, mit denen wir sozialisiert sind, gibt es Waffen. Es gibt mehrere Leben, es gibt Panzerungen, Handgranaten und viele andere Möglichkeiten. In Son of Saul ist diese Position plötzlich leer. Man hat nichts, man ist niemand und es gibt keine Möglichkeiten. Die pure menschliche Ausgeliefertheit überträgt sich hier überraschend stark. Natürlich können wir die Realität von Auschwitz nicht erfühlen, aber die Nacktheit des menschlichen Daseins in gewisser Weise schon.

Was macht Son of Saul also mit seinem Setting? Grundsätzlich erstmal nicht allzu viel, was ihm viele anlasten. Die extreme Subjektivität, zusammen mit der kleinen, klassischen 4:3 Kadrierung des Bildes bedeutet vor allem eins: Es wird wenig gezeigt. Viel passiert außerhalb des Blickfeldes, anderes ist und bleibt stets unscharf. Auschwitz ist mehr Vergangenheit und nicht mehr fassbar, nur erahn- und erspürbar geworden. Fakt ist, Nemes wollte keinen Film über den Holocaust machen, sondern einen, der vor allem ein Gefühl von Erfahrung vermittelt.

Wie ist es, im Sonderkommando in Auschwitz zu arbeiten? Schaut man da überhaupt noch richtig hin? Wohl kaum. Der Tunnelblick findet sich auf der ästhetischen Ebene wieder. So kann man das Problem der Repräsentation des Holocaust auch lösen. Nemes hat ihn hier faktisch auratisch aufgelöst. Was bleibt und was einen in den Wahnsinn treibt, ist alles auf der Audiospur vorhanden. Ob man diese Lösung jetzt als clever oder als mutlos interpretieren möchte, ist rein subjektiv.

Son of Saul - Trailer (Deutsche UT) HD
Abspielen


Die Frage, ob man in solch einem Setting, Ausländer arbeitet direkt an den Gaskammern in Auschwitz, einen Thriller machen darf, steht aber weiterhin im Raum. Und ist eigentlich nur mit einem "Ja" zu beantworten. Grundsätzlich muss das Kino als Kunstform alles dürfen. Auch einen Holocaust-Thriller machen. Trotzdem muss man solche Entscheidungen stets hinterfragen. Die eigentlich wichtige Frage ist also "Warum sollte man einen Holocaust-Thriller machen?" und "Funktioniert das?"

Hier, zum Sonderkommando an den Gaskammern, bringt Nemes also seinen Thriller: Saul findet einen toten Jungen, den er für seinen Sohn hält. Von nun an versucht er wie ein Getriebener im Wahnsinn, der ihn umgibt, an die Leiche des Jungen zu kommen, einen Rabbi zu finden und ihn ordentlich zu begraben. Und das, obwohl er sich kaum unbeobachtet bewegen kann und beim kleinsten Verstoß sein Leben verlieren könnte. Dabei gerät er außerdem noch in die Vorbereitungen des Aufstandes des Sonderkommandos, die einen Sprengstoffanschlag und eine Flucht planen. Wie der Spieler eines hochkomplizierten und jederzeit spannungsgeladenen Spieles gegen die Zeit muss Saul Rätsel lösen und jederzeit zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, um "zu gewinnen". Und ja, ab hier fühlt es sich genauso krude an, wie es klingt.

Denn das Problem ist: Auschwitz war kein Spiel. Das gewählte historische Setting, welches sich, um akkurat die Umstände wiederzugeben, auf Aufzeichnungen tatsächlicher Sonderkommando-Häftlinge stützt, lädt diesen Thriller natürlich mit einer Unmenge an Wissen, Gefühlen, Geschichte(n) und philosophischen, ethischen und psychologischen Fragen auf. Das evozierte und replizierte historische Material überrollt die kleine Geschichte, die Nemes hier platzieren wollte, in seiner ganzen Wucht. Denn die durch die Thriller-Elemente künstlich erzeugte Spannung (Schafft er es? Wird er erwischt?) bekommt durch die historische Situierung einen dermaßen bitteren Nachgeschmack, dass es fast unerträglich ist, ihnen beizuwohnen. Wer braucht schon Suspense, wenn man sich mitten in einem Genozid befindet?

Es zeigt sich letzten Endes: Holocaust-Thriller? Kann man machen, funktioniert aber nicht unbedingt. Zumindest nicht als Thriller an sich. Aber es hinterlässt eine solche Ambivalenz und Irritation, dass es wie eine filmische Intervention zur sonst üblichen Repräsentation, ähnlich wie Komödien, funktioniert. Das war zwar sehr wahrscheinlich nicht Nemes' Absicht, aber sei's drum.

Das könnte dich auch interessieren

Angebote zum Thema

Kommentare

Aktuelle News