Steven Yeun in Burning: Einer der besten Filme beim Festival Cannes

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the gaffer Jenny Jecke
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Redakteurin bei moviepilot.de, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.

Langsam kristallisiert es sich heraus, dieses ominöse Leitmotiv, das sich irgendwann in jeden Festivalbericht einschleicht. Wie Andrew Garfield in Under the Silver Lake (nur ohne Kindern eine reinzuhauen) verbinde ich im Kapsel-Espresso-Wahn die Punkte zwischen den Filmen in der offiziellen Auswahl beim Festival Cannes. Stellt euch Carrie Mathisons Verschwörungstafel vor, rote Fäden zwischen den Köpfen von Lars von Trier und Lee Chang-dong, dazu zitternde Weißweinwellen im Presseraum und dunkle Ringe unter den Augen. Innerhalb weniger Festivaltage krochen die besessenen Männergestalten aus ihren Einstellungen. Nicht nur nette Helden mit einem Ziel, sondern Suchende, ob nach Verlorenen, Sinn oder künstlerischer Perfektion. Lars von Triers Serienkiller-Möchtegern-Künstler aus The House that Jack Built gehört dazu und Andrew Garfields Zelda-Abkömmling in Los Angeles.

Zwei der besten Filme des Festivals folgen diesen Männern ebenfalls in die Nacht, Gestalten, die in einer Krise stecken, die ziellos durch ihre Jahre driften, bis eine Frau ihren Weg kreuzt oder eine Erinnerung. Mit einer fast einstündigen Plansequenz in 3D wird letzteres im fantastischen chinesischen Un Certain Regard-Beitrag Long Day's Journey Into Night eingefangen, wie sie in ihrer formalen Finesse und träumerischen Überwältigungskraft Seltenheitswert hat. Einen der besten Filme im Wettbewerb wiederum lieferte der Koreaner Lee Chang-dong ab. Ein verführerisch schimmernder Thriller ist Burning, mit dem früheren The Walking Dead-Star Steven Yeun in seiner bisher besten Rolle. Wenn ihr euch zwei Filme aus diesem Festivaljahrgang vormerkt, tätet ihr gut daran, diese beiden auszuwählen.

Die 3D-Plansequenz ist das aufregendste, was es in Cannes zu sehen gab

Dies sei kein 3D-Film, heißt es im Vorspann von Long Day's Journey into Night, dem Zweitling von Bi Gan (Kaili Blues), man solle die 3D-Brille aber bitte aufsetzen, wenn die Figuren es auch tun. Damit lassen sie sich allerdings Zeit. Ein Mann sucht nach Spuren seiner Mutter sowie einer früheren Geliebten, wobei sich Zeit- und Traumebenen überlagern, Frisuren Anhaltspunkte liefern, wo wir uns gerade befinden, aber keine Sicherheit darüber. Irgendwann wird dieser Mann in einem Kino sitzen, seine Brille aufsetzen, in die Nacht eintauchen und träumen; von einem Pingpong-Match mit einem toten Jugendfreund in einer Mine, einem Billardspiel im Tal, einem Pferd, das sich aufbäumt, sodass die gesammelten Äpfel über den Boden des Dorfs rollen. Er wird ohne Schnitt träumen und diesen Raum durchfahren, -laufen und -schweben, bis wir ein genaueres Bild von jenem Traumdorf haben, als der Stunde vermeintlicher Realität, die wir vorher sahen.

In Höhe, Tiefe und Breite wird dieser Mann seinen Traumraum durchmessen, eine Kartografie, die jeden Winkel des 3D-Effekts auskostet. Fragt mich nicht nach einer detailgenauen Deutung von Long Day's Journey into Night, der mit der kränklichen Familie aus dem gleichnamigen Stück von Eugene O'Neill nichts gemein hat. Aber eines kann ich euch versichern: Wer sehen will, wie eine unglaublich ehrgeizige Plansequenz aussieht, bei der man nicht die ganze Zeit darüber nachdenkt, wie unglaublich ehrgeizig sie doch ist, sollte sich diesen Film ansehen, von dem nach 10 Jahren Hype doch noch überraschenden Einsatz der 3D-Technik mal ganz schweigen. Kaili Blues, der ebenfalls in einer Plansequenz kulminiert, war der homogenere Film. Von Long Day's Journey into Night kann ich indes guten Gewissens behaupten, dass ich so etwas wie dieses Finale noch nie gesehen habe.

Burning ist fast schon zu gut für die Goldene Palme

Burning hat mit 3,8 Punkten den Kritikerspiegel-Rekord im Magazin Screen gebrochen, was im Rest der Welt verdientermaßen niemanden interessiert. In Cannes ist es morgendliches Ritual, die Sterne-Wertungen der internationalen Jury zu überfliegen, gleich nach dem Einreihen in die gelbe, blaue oder pinke Schlange für die Akkreditierten und der Massage der Taschen durch die Security-Leute. Letzter Rekordhalter war ein gewisser Toni Erdmann, der beim Palmenfällen trotzdem leer ausging. Schon im Kino fühlte sich Burning zu gut für den Hauptpreis an. Filigran werden die sozialen Unterschiede zwischen den drei Hauptfiguren in ihre Interaktionen eingewoben, in Mikro-Aggressionen beim Small Tall, feinste Details eben, wie sie die Arbeit des Regisseurs von Secret Sunshine und Oasis ausmachen. Details, die eine Festivaljury leicht übersehen kann, wenn diese sich auf die Suche nach großen Statements begibt.

Es lodert in dem jungen Jong-su (Yoo Ah-in), Teil einer jungen Generation von Südkoreanern, die mit wachsender Arbeitslosigkeit zu kämpfen haben, während das Land prosperiert. Jong-su muss in der Farm seines Vaters nach dem Rechten sehen, weil dieser wegen eines Angriffs auf einen Polizisten vor Gericht steht. Die gestörte Beziehung zum Vater schürt die Glut, das ist offenbar, wenn auch das Drehbuch von Lee Chang-dong und Oh Jung-mi die Gründe, wie so vieles in dem Film, nicht ausbuchstabiert. Durch einen Zufall trifft er Hae-mi (Jeon Jong-seo), die aus dem selben Dorf kommt. Er kann sich nicht an sie erinnern, sie dagegen schon: Als Kind habe er sie mal hässlich genannt, ist sie sich sicher. Aber inzwischen hatte sie einen schönheitschirurgischen Eingriff. Sie kommen sich in ihrem winzigen Apartment näher und als Hae-mi einen Urlaub in Kenya antritt, verspricht Jong-su, ihre Katze zu füttern. Eine Katze, die wir nie zu Gesicht bekommen und deren Existenz so widersprüchlich ist wie die ihrer Besitzerin. Gab es den Brunnen, in den Hae-mi als Kind gefallen sein soll wirklich? Jong-su wird in Burning widersprüchliche Angaben hören. Konkret ist aber einer: Der reiche Ben (Steven Yeun), mit dem Hae-mi aus Afrika zurückkehrt und dessen Präsenz sich in dem Liebesdreieck wie ein Spritzer Kerosin auf Jong-sus verzehrendes Innenleben auswirkt. Eifersucht, Neid und bald auch ein furchtbarer Verdacht ergeben eine explosive Mischung.

Ben ist so ziemlich das genaue Gegenteil von Glenn Rhee aus The Walking Dead. Der Pizza-Bote aus Atlanta war stets hilfsbereit und bemüht, sich als integraler Teil der Gruppe von Überlebenden in der Zombie-Apokalypse zu beweisen. Das war einer der Gründe, warum die Fans an ihm hingen. Neben dem brütenden Rick war Glenn ein optimistischer Rettungsanker. Steven Yeuns mutmaßlicher Millionär in Burning ist nun die Nettigkeit in Person, aber nie wird man den Gedanken los, es sei nur eine mühsam polierte, oberflächliche Nettigkeit, die er da vorlächelt. Er habe in seinem Erwachsenenalter noch nie geweint, meint er beim ersten Treffen mit Jong-su. Später wird er behaupten, in seiner Freizeit aus Langeweile Gewächshäuser niederzubrennen. Weil er es kann. Dank seines abgehobenen, von allen Problemen der Welt unbekümmerten Habitus nehmen wir es ihm ab und weil Steven Yeun, clever verbunden mit seinem Star-Dasein, die Instant-Sympathie, die er nun mal auf sich zieht, hier gekonnt zu einer Waffe umfunktioniert, die Jong-su gefährlich wird. Ben schwebt einen halben Zentimeter über den Dingen und zu diesen Dingen gehören auch Jong-su und Hae-mi.

Winzige Details erzählen in Burning Romane über die sozialen Unterschiede

Als Jong-su und Hae-mi bei Ben zum Pastakochen geladen sind, stehen die beiden auf dem Balkon und rauchen. Wir haben sie schon mal rauchen sehen, bei ihrem ersten Treffen. Da standen sie in einer dieser Gassen, in der in Gangsterfilmen immer Leute zusammengeschlagen werden, rauchten und spukten in ihren behelfsmäßigen Aschenbecher. Eine Intimität lag dieser Szene im unromantischen Ambiente inne. Es war eine Annäherung, die zu dem Apartment mit der unsichtbaren Katze führen sollte und dem gemeinsamen Sex, während dessen Jong-su das reflektierende Licht des Namsan Seoul Towers unter den Kleiderbügeln beobachten konnte. Nun also stehen sie auf diesem großen Balkon mit einladendem Holzboden, der Turm nur ein weiteres Detail in der Skyline der Hauptstadt. Sie rauchen. Und sie tragen beide diese weichen Hausschuhe. Die Farbe ist eine Mischung aus Anthrazit und Bremerblau, perfekt abgestimmt mit dem dunkelbraunen Boden. So gemütlich sehen die Hausschuhe aus und so fremd an den Füßen des Jungen von der Farm und des Mädchens aus dem winzigen Apartment, in dem in raren Momenten ein Sonnenstrahl des Namsam Seoul Towers reflektiert wird.

Die Intimität ist dahin, die Hausschuhe, der Balkon, die Skyline von Seoul und Ben - sie stehen zwischen Jong-su und Hae-mi. Als Hae-mi wenig später vom Erdboden verschwunden scheint, brütet Jong-su einen Verdacht aus: Ben muss dafür verantwortlich sein. Weil er es sich leisten kann.

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