The Irishman: Die wahren Hintergründe des Netflix-Epos von Martin Scorsese

Robert De Niro in The Irishman
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The Irishman ist eine der teuersten Netflix-Produktionen. Mit einem Budget um die 150 Millionen US-Dollar (Schätzungen schwanken) holte Martin Scorsese mit Hilfe von Netflix die großen Legenden des Gangsterfilms zurück vor die Kamera. Robert De Niro, Al Pacino und Joe Pesci, allesamt Ende 70, wurden mit hohen Kosten digital verjüngt, um eine fast vergessene Ära noch einmal auferstehen zu lassen.

Wie schon bei seinen vorherigen Meisterwerken GoodFellas und Casino ließ sich Martin Scorsese auch diesmal wieder von realen Gangstern inspirieren. The Irishman erzählt nämlich die Geschichte von Frank Sheeran (Robert De Niro), Russell Bufalino (Joe Pesci) und Jimmy Hoffa (Al Pacino). Ab heute steht der Film im Katalog von Netflix für Abonnenten zum Abruf bereit.

Wer sind Frank Sheeran, Jimmy Hoffa und Russell Bufalino aus The Irishman?

Bei wahrscheinlich allen Personen, die in The Irishman mit Namen genannt werden, handelt es sich um Menschen, die auch in der echten Welt existierten. Wir stellen die wichtigsten drei Figuren vor.

Frank Sheeran (Robert De Niro) war ein berüchtigter Gangster, der es trotz seiner irischen Abstammung schaffte, in eine Mafiafamilie aufgenommen zu werden. Er wurde 1920 in Philadelphia geboren und starb 2003. Kurz vor seinem Tod gestand er gegenüber dem Buchautor Charles Brandt, im Auftrag der Mafia 25 bis 30 Leute getötet zu haben. Allerdings gibt es bis heute keine Beweise, das er auch nur einen einzigen Mord begangen hat.

Russell Bufalino (Joe Pesci), auch als McGee oder The Old Man bekannt, war eine Art Mentor für Sheeran und dessen mächtigster Verbündeter in den Reihen der Cosa Nostra. Er wurde 1903 in Sizilien geboren, wanderte in die USA aus und wurde dort der Boss seiner eigenen Mafiafamilie im Nordosten Pennsylvanias. Sein Cousin William Bufalino (Ray Romano) war der langjährige Anwalt von Jimmy Hoffa, der in The Irishman ebenfalls eine wichtige Rolle spielt.

Jimmy Hoffa (Al Pacino) wurde 1913 im US-Staat Indiana geboren und machte sich schon früh einen Namen in Gewerkschaftskreisen, indem er einen erfolgreichen Streik initiierte, der den Stundenlohn von sich und seinen Lagerarbeiter-Kollegen deutlich erhöhte. Er erhielt daraufhin ein Angebot der Lastwagenfahrer-Gewerkschaft Teamsters und mauserte sich über die Jahre zu deren Präsidenten. Bei der Arbeiterklasse war er im ganzen Land beliebt, doch insgeheim pflegte er auch Verbindungen zur Mafia.

Ist Netflix' The Irishman eine wahre Geschichte?

Trotz realer Vorbilder gibt es große Zweifel am Wahrheitsgehalt von The Irishman. Martin Scorsese hat sich nämlich nicht so sehr an den bestätigten Fakten orientiert, sondern an dem Buch I Heard You Paint Houses von Autor Charles Brandt. Dieser hatte ein ausführliches Gespräch mit dem echten Frank Sheeran, bei dem der ehemalige Mafiosi ihm kurz vor seinem Tod seine gesamte Lebensgeschichte offenbarte.

Laut History vs. Hollywood sind allerdings einige der Behauptungen, die Sheeran darin äußerte, sehr fragwürdig. Wir sollten The Irishman also nicht als exakte Wiedergabe der Ereignisse wahrnehmen, sondern viel mehr als Verfilmung einer höchst subjektiven Erzählung einer einzigen Person, deren Motivation für ein Geständnis kurz vor dem Tod nicht eindeutig geklärt ist.

Für genauere Details darüber, welche Ereignisse in The Irishman zweifelhaft sind, müssen wir uns ins Spoiler-Gebiet (!) begeben. Falls ihr den Netflix-Gangsterfilm noch nicht gesehen habt, lest ihr die folgenden Absätze auf eigene Gefahr.

Vorsicht Spoiler: Zwei fragwürdige Morde im Netflix-Film The Irishman

Eine der spektakulärsten Morde, den Frank Sheeran in The Irishman begeht, ist der an Crazy Joe Gallo (Sebastian Maniscalco). Der befindet sich gerade mitsamt seiner Bodyguards im Restaurant Umberto's Clam House, als der Ire durch die Tür kommt, mit einer schnellen Schussfolge erst die Leibwächter unschädlich macht und Crazy Joe anschießt, während dieser durch den Hinterausgang zu flüchten versucht.

Doch Frank Sheeran ist ihm auf den Fersen und richtet sein auf allen Vieren kriechendes Zielobjekt auf dem Bordstein vor dem Lokal hin. Der Mord an Joe Gallo hat tatsächlich im Clam House stattgefunden, doch Frank Sheerans Täterschaft ist fragwürdig. Zeugenaussagen sprechen von "kleinen, dicken Italienern", doch Sheeran war in der Realität 1,93 Meter groß. Joe Gallos Leibwächter, der den Angriff überlebte, nannte außerdem einen anderen Täter: Sonny Pinto, den Auftragskiller einer anderen Mafiafamilie.

Auch der tragische Höhepunkt von The Irishman, Sheerans Mord an seinem Freund Jimmy Hoffa, ist nicht bewiesen. Außer dem Geständnis gibt es nämlich keine nennenswerten Indizien, die für dessen Täterschaft sprechen. Die gängige Annahme ist, dass der auch im Netflix-Film auftauchende Sally Bugs (Louis Cancelmi) Jimmy Hoffa tötete und Frank Sheeran nur mit im Auto saß, um den Gewerkschaftsführer in Sicherheit zu wiegen.

Doch auch das ist nur Spekulation, die auf vagen Zeugenaussagen und wenigen harten Fakten basiert. Wie wahr die Geschichte von The Irishman also wirklich ist, werden wir wohl nie erfahren. Uns bleibt in erster Linie ein weiteres Stück Filmkunst von Martin Scorsese. Als wahrheitsgetreue Chronik realer Ereignisse taugt The Irishman aber nicht.

Was haltet ihr von The Irishman? Wie wahrheitsgetreu müssen Filme sein?

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