Thor 3 - Von der Götter-Tragödie zum Space-Adventure

Die Poster der bisherigen Thor-Filme
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Thor 3: Tag der Entscheidung nimmt wahrlich einen besonderen Platz im Marvel Cinematic Universe (MCU) ein. Nicht nur fungiert das dritte Soloabenteuer des Donnergotts als Bindeglied zwischen verschiedenen Handlungssträngen, die im Rahmen der dritten Phase ausgerollt wurden. Nein, Thor: Tag der Entscheidung ist einer der (momentan noch) seltenen dritten Teile im MCU und blickt somit auf eine ereignisreiche Vergangenheit zurück. Bisher haben es lediglich Iron Man und Captain America zur eigenen Trilogie gebracht. Doch wie hat sich Thor als Sub-Reihe innerhalb des umfangreichen Franchises entwickelt? Achtung, leichte Spoiler zu den einzelnen Filmen!

Die Welt ist aus den Fugen geraten

Zurück zum Anfang: Ziemlich genau drei Jahre, nachdem Iron Man zum ersten Mal die Welt gerettet hat, lässt Chris Hemsworth sein blondes Haar durch den Wind flattern und greift voll Zuversicht zum mächtigen Hammer Mjolnir, der ihm Kräfte verleihen soll, wie sie noch nie zuvor im Marvel-Kino-Universum zu sehen waren. Dort trieben sich bisher vorzugsweise größenwahnsinnige Genies herum sowie ein grünes Ungetüm, das nicht weniger an Größe und Wahnsinn vermissen ließ. Als vierter MCU-Film steigt Thor in einer Phase ein, in der das Universum längst nicht so stabil und rund lief, wie es aktuell der Fall ist. Wo Iron Man gleich zwei Mal durch die Decke ging, enttäuschte Der unglaubliche Hulk. Ausgerechnet Kenneth Branagh, bis heute einer der auffälligsten MCU-Regisseure, soll in dieser Zeit die Mammutaufgabe stemmen und mit Thor das gleich Kunststück vollbringen, das zuvor Jon Favreau mit dem Eisenmann gelungen war.

Genauso wie Iron Man zählte Thor seinerzeit nicht unbedingt zu den populärsten Marvel-Helden. Dennoch sollte er plötzlich zum Star eines Blockbusters werden. Dem cleveren Casting sei Dank, dass der Donnergott inzwischen zur essentiellen Franchise-Konstante aufgestiegen ist. Darüber hinaus gehört Thor zu den wenigen MCU-Filmen, in denen ein Regisseur mehr seiner eigenen Vision in den Film schmuggeln konnte, als im Konzept von Marvel Studios-Präsident Kevin Feige womöglich vorgesehen war. Im Kern offenbart sich das Thor-Debüt als gewagte Superhelden-Version einer shake­s­peareschen Tragödie, die in ihrer Inszenierung die Welt sprichwörtlich aus den Fugen reißt und das Marvel Cinematic Universe um eine außerirdische Dimension erweitert. Thor etabliert nicht nur eine Götterwelt, sondern gewöhnt generell an den Gedanken eines bedeutend größeren Universums, in dem eines Tages ein Bösewicht wie Thanos aus dem All kommen und zur Bedrohung für die gesamte Menschheit werden kann.

Im Schatten düsterer Fortsetzungen

Apropos Bösewicht: Werden die Schurken oftmals als große Schwachstelle jüngerer MCU-Beiträge deklariert, sitzt der Gegenspieler aus dem ersten Thor-Film zwei Phase später nach wie vor auf dem Thron seiner Gattung: Der von Tom Hiddleston verkörperte Loki macht aufgrund seiner gespaltener Zunge nicht nur seinem Halbbruder, dem Titelhelden, zu Schaffen, sondern terrorisierte in Marvel's The Avengers sogar die ganze Erde. Kein Wunder also, dass Loki auch in Thor 2: The Dark Kingdom eine entscheidende Rolle spielt, der ansonsten über weite Strecken allerdings eine herbe Niederlage für die Entwicklung des MCU bedeutet. Zum ersten Mal wurde mit Alan Taylor ein Regisseur engagiert, der sich zuvor hauptsächlich durch seine Arbeiten im Fernsehen einen Namen gemacht hatte, ähnlich wie die Russo-Brüder, die mittlerweile nicht nur Kinoausflüge von Captain America, sondern auch der Avengers beaufsichtigen.

Der Kurswechsel ist deutlich: Kenneth Branaghs unverwechselbare Handschrift wird durch einen Regisseur ausgetauscht, der sich formen lässt. Sprich: Ein Regisseur, der in erster Linie den Status quo einer Marke pflegt, die in ihrer zweiten Phase eine zuverlässige Formel für ihren anhaltenden Erfolg gefunden hat. Wo der vergleichbare Iron Man 2 daran krankte, zu sehr zwischen den Stühlen des MCU zu stehen, entpuppt sich das Thor-Sequel als erster astreiner Lückenfüller, der so wenig zu seiner eigenen oder der übergreifenden Geschichte beizutragen hat, dass selbst der Tod einer beliebten Figur kaum von Bedeutung und kurz nach dem Abspann inklusive Post-Credit-Scene wieder vergessen ist. Zudem will die Fortsetzung nicht nur lauter, schneller und größer sein, sondern vor allem düsterer. Ein beliebter Kniff, wenn es darum geht, Fallhöhe in der fortlaufenden Erzählung zu verdeutlichen. Thor: The Dark Kingdom entbehrt aber jeglichem Fundament für diesen Tonfall.

Gutgelauntes Weltraumabenteuer der Quasi-Avengers

Dass der Tonfall sowie viele andere Dinge in Thor: The Dark Kingdom nicht gezündet haben, war Marvel Studios eine Lektion, die vier Jahre später für einen erneuten Kurswechsel sorgt. Mit Taika Waititi kommt wieder ein eigenwilliger Regisseur an Bord, der sich mit überwiegend improvisierten Komödien à la 5 Zimmer Küche Sarg und Wo die wilden Menschen jagen für Aufsehen gesorgt hat, und nun dem mythologisch angehauchten Götterdrama den Mantel eines wilden, frechen Space-Adventures überwirft. Ein radikaler Stimmungswechsel innerhalb der Thor-Filme, im Hinblick auf das große Ganze des Marvel Cinematic Universe jedoch eher eine konsequente Entwicklung der mit Guardians of the Galaxy eingeschlagenen Richtung: Keine anderen Sub-Reihe im MCU hat seit ihrem Startschuss eine dermaßen beachtliche Wandlung durchgemacht wie die Abenteuer des Donnergotts, der nun seinen Tag der Entscheidung erfährt.

Auffällig dabei ist ebenfalls die Tendenz zum Ensemble-Film, der wie ein Nachtrag auf die halbe Avengers-Vereinigung in The First Avenger: Civil War wirkt. Die One-Man-Show, die Iron Man drei Mal in Folge genießen durfte, existiert in der dritten Phase nicht mehr. Stattdessen erhält der Hulk seinen eigenen Story-Arc in Thor: Tag der Entscheidung, während Doctor Strange für einen kurzen Auftritt vorbeischaut, um zukünftige Kontakte zu knüpfen, ehe die Ankunft von Thanos im Hintergrund angedeutet wird. Bei all diesen Umbrüchen, Veränderungen und anderweitigen Funktionen, die der neue Thor-Film übernimmt, bleibt nach wie vor dennoch ein wichtiger Kern erhalten, nämlich die Figuren - insbesondere Thor und Loki sowie ihr ewiger Konflikt als konkurrierende Halbbrüder. Ein Glück, dass sich Kenneth Branagh damals ins ungemütliche Metier eines Familiendramas wagte, ansonsten wäre Thor womöglich zum Sidekick der Guardians verkommen.

Welche Ausrichtung der Thor-Filme sagt euch am meisten zu?

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