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Krieg im Film

Was ist Krieg? - Thesen von Georg Seesslen - Teil 4

05.09.2014 - 08:50 UhrVor 6 Jahren aktualisiert
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Zwischen Welten von Feo Aladag
© Majestic Filmverleih
Zwischen Welten von Feo Aladag
Georg Seesslen, einer der produktivsten und streitbarsten Filmkritiker Deutschlands, hat einen Text zur Frage Was ist Krieg? zu unser Themenreihe beigesteuert und wird euch 10 Thesen zum neuen Gesicht des Krieges präsentieren. Heute lest ihr den vierten und letzten Teil.

Gibt es so etwas wie ein neues Gesicht des Krieges, oder ist einfach das sozusagen urmenschliche Geschehen nur durch Technologie, durch Medien, durch Globalisierung unübersichtlicher, chaotischer, widersprüchlicher geworden? Zehn Elemente sind es vielleicht, die den Unterschied ausmachen.  

Teil 1: Was ist Krieg? - Thesen von Georg Seesslen
Teil 2: Was ist Krieg? - Thesen von Georg Seesslen
Teil 3: Was ist Krieg? - Thesen von Georg Seesslen

Erstens: Es sind die asynchronen Kriege. Technologisch hochgerüsteten, über-organisierten Armeen stehen archaische Kämpfer mit terroristischen Mitteln gegenüber. 

Zweitens: Es gibt keine einfache Grenze zwischen den Kombattanten und den Zivilisten. Es gibt auf der einen Seite Strategien, die Zivilisten als lebende Schutzschilde zu missbrauchen, mit dem schrecklichen Ziel, bewusst Opfer unter ihnen zu produzieren, die sich als globale Propaganda missbrauchen lassen. 

Drittens: Der Krieg ist nicht mehr allein Männersache. Immer mehr müssen oder wollen auch die Frauen zu den Waffen greifen. Kinder werden zu Soldaten und lebenden Bomben. 

Viertens: Selbst der Krieg wird immer weiter ökonomisiert und privatisiert. An die Seite regulärer Soldaten treten zivile Organisationen und Söldner. Menschen aus den verschiedensten Ländern treten kriegerischen Gruppen bei, sei es wegen der Bezahlung, sei es aus weltanschaulichen oder religiösen Motiven.

Fünftens: Immer mehr Menschen geraten unwillentlich und unschuldig zwischen die Fronten. Wer versucht, zu vermitteln, gerät in Gefahr, so wie der Dolmetscher in Feo Aladags Film Zwischen Welten.

Sechstens: Der Krieg verliert den zentralen Charakter, in dem man wahlweise den Helden oder den Mörder sieht, nämlich den Soldaten. Er verwandelt sich in einen fernen Menschen, der Drohnen, Fernlenkwaffen oder Raketen am Computerbildschirm steuert. In ein Menschmaschine-Ungeheuer, das immer mehr den posthumanen Phantasien der Science Fiction ähnelt. Aber auch in einen unberechenbaren Amokläufer und die menschliche Bombe. Der kalte Cyborg und der Selbstmordattentäter treffen immer seltener direkt aufeinander. Es ist oft, als würden sie gemeinsam Krieg gegen die Menschen führen, die nicht der Kriegsmaschinerie unterworfen sind. Immer mehr Maschinen treffen auf immer nacktere Körperlichkeit.

Siebtens: Kriegserklärungen im diplomatischen wie im diskursiven Sinn werden immer seltener. Die Kriege haben kaum noch einen veritablen Beginn und schon gar kein Ende mehr. Der Bürgerkrieg geht in den Krieg über; ein Krieg greift wie eine Seuche in einer Region um sich, Kriege werden importiert und exportiert. In vielen Ländern dieser Welt ist der Krieg von der Ausnahmesituation zum Normalzustand geworden. 

Achtens: Die Bilderflut und die Bilderlosigkeit der neuen Kriege sind keine Widersprüche mehr. Man sieht von ihnen immer zugleich zu viel und zu wenig. Der mediale Ausweg besteht in endlosen Bilderschleifen, in Bildern, denen man nicht mehr trauen kann, in einer Unzahl von falschen und gefälschten Bildern. 

Neuntens: Für die Kriege unserer Zeit gibt es nur selten noch wirklich stichhaltige moralische Begründungen. Die einzige Begründung, die wir immer wieder zu hören bekommen, besteht darin, dass man die Bilder von Gewalt, Massaker und Folter nicht mehr hinnehmen kann. Umso heftiger werden die moralischen Entscheidungen der einzelnen. Befehle allein können das Handeln in den Kriegen unserer Zeit nicht mehr bestimmen. Kriegsverbrechen, so scheint es, sind im neuen Krieg nicht mehr die Ausnahme, sondern die schreckliche Regel. 

Zehntens: Gesellschaften, die nur noch Profit und Überleben als Impulse zulassen, sind noch weniger in der Lage, auf die psychischen und sozialen Verletzungen von Kriegsheimkehrer zu reagieren. Die Menschen, die im militärischen oder paramilitärischen Einsatz waren und zurückkehren, finden oft keinen Halt und keine Zukunft mehr. Sie tragen den Krieg in ihrem Herzen, in ihre Familien, in ihre Nachbarschaften.

Für alle diese Aspekte des neuen Krieges gilt es, Bilder und Erzählungen zu finden. Sie sind nicht mehr ohne weiteres einzuteilen in die Kategorien von pro und contra, von Propaganda und Protest, von Kriegsfilm und Antikriegsfilm. Die Perspektive vieler dieser Filme ist das subjektive Mittendrin, das Leben in unlösbaren moralischen und politischen Zwischen-Welten. Eben davon handelt der Film Zwischen Welten von Feo Aladag.

Die Privatisierung und die Medialisierung hat neue Protagonisten hervorgebracht. Die Agenten im Hintergrund, aber auch die idealistischen Vertreter von Hilfsorganisationen und NGOs. Mehr als die Soldaten selber können sie noch so etwas wie Identifikationsfiguren abgeben. Ein besonderer Held des neuen Kriegsfilms ist der Reporter oder Fotograf, zu einem Teil zynisch und mit einem Hang zum Alkohol, zum anderen Teil aber auch ein Kämpfer für die Wahrheit, ein Mann oder eine Frau, die ganz besonders die ethischen Konflikte der neuen Kriege zwischen Zeugenschaft und Eingreifen erleben.

Eine sehr auffällige Konstante vor allem im moderneren Kriegsfilm ist Figur des Kriegsberichterstatters, ob schreibend oder fotografierend. Im Grunde reflektieren diese Figuren eine scheinbare Außenperspektive, die aber als teilnehmend beobachtende für uns Zuschauer sehr interessant sind, weil sie unsere scheinbare Position dabei reflektieren. Das ist etwas, was in vielen Filmen wunderbare Anlässe gibt für ethische grundsätzliche Fragestellungen: Ab welchem Punkt muss man eingreifen und die gebotene Distanz des Berichterstatters übertreten? Zum Beispiel in Michael WinterbottomWelcome to Sarajevo oder schon Oliver StoneSalvador in 1980er Jahren wunderbare Schlüsselmomente, die für uns durch diesen melodramatischen Gehalt, die private Dimension das Leid, das sie sofort auf diese Figuren projezieren und damit auf uns als Publikum unglaublich viel Sprengstoff haben. Am eindrucksvollsten finde ich das in Dokfilm über James NachtweyWar Photographer, wo dieser berühmte Fotoberichterstatter aus extremsten Kriegsgebieten etwa Ruanda von Situationen erzählt, wo er sich fragte, werfe ich mich jetzt zwischen Lynchmob und Opfer oder halte ich dessen Schicksal für Öffentlichkeit fest und bewirke mehr als mit dem eigenen Opfer? Das ist eine radikale Entscheidung, die aus Semidistanz getroffen wird und da haben wir eine unglaubliche ethische Position, die wir auch mit uns als Zuschauer immer wieder neu aushandeln müssen. (Marcus Stiglegger)

Das zeitgenössische Kino muss auf den Umstand regieren, dass es für grundlegende moralische Konflikte ganz einfach keine Lösungen mehr gibt. Wer die Guten und wer die Bösen sind, das ist nicht mehr eindeutig festzustellen. Nicht eine Partei steht gegen die andere, sondern die unterschiedlichsten Gruppen bekämpfen sich gegenseitig, Verbündete von heute sind Gegner von morgen und umgekehrt. Handeln kann ein schwerer Fehler sein und in furchtbare moralische Verstrickungen führen. Nicht-Handeln aber genau so. Ein Einsatz kann einen kriegerischen Konflikt erst richtig befeuern, aber ebenso unmöglich ist es, einfach zuzusehen, wenn es Massaker, Folter und Genozid gibt. Ja, ist denn überhaupt der moralischen Rhetorik, den Interessen der Eingreifenden zu trauen? Müssen wir nicht so sehr wie der Bilderproduktion der anderen auch unseren eigenen misstrauen? Und infizieren sich die Eingreifenden nicht immer wieder so schrecklich am Objekt des Eingriffs? Das Kino kann nicht mehr, wie es einst üblich war, Filme über Kriege machen. Es macht Filme in Kriegen. Es macht Filme, die auf sehr unterschiedliche Weise, die Filmemacher selber und die Zuschauer miteinbeziehen. 

Der dritte, der dezentrale Weltkrieg hat keine einheitliche Erzählung und kein verbindliches Bild mehr. Den Filmen bleibt daher nur eine Wahl. Sie müssen sich auf die Seite der Menschen stellen. Weder ein militaristisches noch ein pazifistisches Dogma sind dabei hilfreich. Was hilft, ist nur, genauer hinsehen, und dabei feststellen, wie und wodurch das so schwierig ist. Sich auf die Seite der Menschen stellen – das ist alles, was das Kino gegen Krieg und gegen Propaganda machen kann. Und es ist eine ganze Menge. 

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Georg Seesslen  ist einer der produktivsten Filmkritiker Deutschlands, er schreibt unter anderem für den EPD-Film und Die Zeit. Viele seiner Texte werden auch auf getidan  veröffentlicht, zudem schreibt er auf einem eigenem Blog . Die Liste seiner veröffentlichten Bücher ist lang, sie sind auf jeden Fall mehr als einen Blick wert (siehe perlentaucher ).

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