Zur Entstehung des Quality-TV

Wie Fernsehserien das Kino einholten

Game of Thrones - Stars und Production Value wie im Kino
© HBO
Game of Thrones - Stars und Production Value wie im Kino

Es ist kein Phänomen, welches sich ausschließlich in der moviepilot Redaktion breit gemacht hat. Ganz im Gegenteil: Überall, wo gerne über Filme gesprochen und diskutiert wird, werden in den letzten Jahren gewisse Fernsehserien zu einem wichtigen Thema. Was es genau mit dieser Entwicklung auf sich hat, möchten wir heute ein wenig näher beleuchten, wenn es um die Entstehung und Eigenschaften des so genannten Quality-TV geht.

Der Beginn eines goldenen Fernsehzeitalters
Im Bereich des Fernsehens hat in den letzten Jahrzehnten eine technische sowie ökonomische Entwicklung stattgefunden, die vor allem innerhalb der US-amerikanischen Fernsehlandschaft zu einer (R-)Evolution der Ästhetik fiktionaler Serienformate geführt hat. Der Aufbruch des öffentlichen “broadcast-network” Systems und die Einführung privater Kabelsender in den 70er Jahren führte zuerst einmal zur Aufhebung diverser Einschränkungen bezüglich verschiedener Inhalte und Darstellungsformen. Das Massenpublikum wurde gesplittet, dafür waren nun Themen wie Sex, Gewalt und Drogen nicht mehr zwangsweise tabu, wodurch das Fernsehen ähnliche inhaltliche Freiheiten wie das Kino erlangte. Endlich durfte auch hier geflucht werden, was das Zeug hält und auch nackte Haut gab es immer öfter zu sehen.

Technische Entwicklungen innerhalb der 90er Jahre (Digitalisierung) näherten das Fernsehbild schließlich auch optisch dem Kinobild an. Serien wie Polizeirevier Hill Street oder David Lynchs Twin Peaks gelten aus heutiger Sicht als Vorreiter für ein Phänomen, welches aktuell als „Quality Television“ oder einfach „Quality TV“ bezeichnet wird. The Wire, Die Sopranos oder neuerdings Breaking Bad, Mad Men oder Game of Thrones haben die Bedeutung dieser Bezeichnung dann noch einmal aktualisiert und lassen einige Kritiker schon von einem goldenen Fernsehzeitalter sprechen. Schauten viele Filmfans vor wenigen Jahren noch abschätzig auf das Fernsehen als kleinen Bruder des Kinos herab, sind heute nicht wenige der Meinung, das Fernsehen habe den großen Bruder nicht nur eingeholt, sondern bereits überholt. Was hat sich innerhalb der Fernsehsendungen nun aber genau verändert und was zeichnet diese hochgelobten neuen Dramaserien eigentlich aus?

Eine neue Art des Erzählens
Lange Zeit wurde in Fernsehserien fast ausschließlich in episodischen Formaten erzählt. Gerade die finanzielle Abhängigkeit der Fernsehsender von zahlungskräftigen Werbekunden hat lange Zeit die Struktur der einzelnen Programmteile kontrolliert. Am Ende und auch innerhalb einzelner Folgen wurden immer wieder sogenannte “Cliffhanger” eingebaut, um den Zuschauer dazu zu bringen, auch während der Werbepause „dran zu bleiben“ bzw. in der nächsten Woche wieder einzuschalten. Eine zu große erzählerische Komplexität einer Serie wurde ebenfalls vermieden, damit das Fernsehpublikum auch nach einer oder mehreren Wochen wieder leicht in das Programm einsteigen konnte. Nicht selten fand nach jeder Folge eine Art Wiederherstellung eines Status Quo statt, der über Jahre unverändert blieb. Serien wie Magnum oder Mord ist ihr Hobby sind passende Beispiele für diese Art der Erzählung.

„Quality TV“, und hier speziell die beliebten Dramaserien, stellen sich einer solchen Struktur entgegen, wobei in den letzten Jahren besonders die Produktionen des US-Kabelsenders HBO (Deadwood, Treme) diese Entwicklung vorangetrieben haben. Nicht angewiesen auf Werbung, sondern nur verpflichtet gegenüber ihren Abonnenten, versuchten aber auch weitere Fernsehsender wie AMC (The Walking Dead, The Killing), FX (The Shield – Gesetz der Gewalt, Justified) oder Showtime (Californication, Dexter) durch ihre eigenen Produktionen Alleinstellungsmerkmale zu schaffen und verhalfen dem Serienformat dadurch zu einem neuen Glanz. Die Fernsehmacher haben sich von dem Format des seriellen Erzählens entfernt, in dem jede Woche eine abgeschlossene Geschichte präsentiert wird. Stattdessen verfolgt der Zuschauer die Figuren immer häufiger durch eine fortlaufende Erzählung. Diese verlangt uns eine intensive Beteiligung ab, oft über einen Zeitraum von mehreren Jahren hinweg.

Auch thematisch hat sich das Spektrum der Fernsehserien deutlich erweitert und stürzt sich inzwischen auch auf sehr spezielle Geschichten, die die Formelhaftigkeit klassischer Fernsehformate wie Polizeishows oder Familienserien weit hinter sich lassen. Erst durch diese beiden Faktoren wurden solch umfangreiche und tiefgehenden Geschichten, wie die über den Mafia-Boss Tony Soprano und seiner Familie oder die Story rund um den Lebemann Don Draper im New York der 60er Jahre überhaupt möglich.

Historischer Umbruch
Die Veränderungen, die sich in den letzten Jahren innerhalb der amerikanischen Fernsehlandschaft vollzogen haben, werden teilweise bereits mit filmhistorischen Umbrüchen wie der Entstehung der französischen Nouvelle Vague oder des New-Hollywood Kinos verglichen. Und tatsächlich ist eine neue innovative Schaffensperiode entstanden, die die Unterhaltungsindustrie nachhaltig beeinflusst. Und das nicht nur auf inhaltlicher, sondern ebenso auf ökonomischer Ebene. Die Verbreitung besagter Serien auf DVD und Blu-ray sowie über das Internet macht aus der Entstehung des amerikanischen Quality-TV ein weltweites Phänomen. Nur dadurch lohnt es sich für die Sender solch hohe Summen zu investieren, wie sie für die Verwirklichung solch aufwendiger Serien wie Game of Thrones oder Boardwalk Empire nötig sind. Profitieren kann in erster Linie der Zuschauer, der erzählerisch sowie audiovisuell hochwertige Werke geliefert bekommt, die sich nicht hinter der Qualität von Kinofilmen verstecken müssen.

Wie seht ihr die Entwicklung, die das amerikanische Fernsehen in den letzten Jahren durchgemacht hat?

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