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Wir? Ohne mich!

If you wanna get crazy, we can get crazy!
© Universal/Moviepilot
If you wanna get crazy, we can get crazy!
31.08.2019 - 08:50 UhrVor 2 Jahren aktualisiert
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Jordan Peeles erster Film Get Out war grandios, der zweite fing auch wirklich gut an - und dann wurde Wir zum Horror der unfreiwilligen Art ...

Hohe Erwartungen können ein Fluch sein, nicht nur für die Filmschaffenden, sondern auch für uns vor der Leinwand. Da hat ein Regisseur mit seinem ersten Film ein Meisterwerk hingelegt, war erfolgreich und sein Film auf so viele Arten besonders, anders, faszinierend - selbstverständlich erwarten wir, dass sein Nachfolger ebenso toll wird!

Mitunter nutzt sich jedoch eine Eigenart, die einen Film besonders macht, schon beim nächsten Film ab - oder wird nach dem ersten Erfolg bis ins Delirium gesteigert, so dass wir am WTF nicht vorbeikommen.

Das kann, nur als Beispiel, ein Plottwist ganz am Ende des Films sein, für den man im ersten noch einen sechsten Sinn gebraucht hätte, um ihn kommen zu sehen. Oder wahnsinnig philosophische Einfälle, die im ersten Film begeisterten, nur um dann im nächsten so übertrieben zu werden, dass aus "Mind? Blown" ein "Mind? Gone" wird.

Versteht uns nicht falsch, Jordan Peele wird unsere Minds bestimmt noch öfter blowen, und wie sein erster, Get Out, war auch sein zweiter Film wahnsinnig erfolgreich. Von seinem Drehbuch zum Remake Candyman, zum Beispiel, erwarten wir Großes. In beiden bisherigen Filmen waren die Schauspieler großartig, einiges funktionierte wunderbar. Anderes war diskussionswürdig - und wird auch nach wie vor hitzig debattiert. Und ja, es gab genügend Stimmen, die auch Wir in den Himmel lobten, Spaß an Wir hatten, für die Wir ein rundes Erlebnis war. jacker jedoch gehört nicht dazu ...

Der Kommentar der Woche von jacker zu Wir

Puh, mir fehlen echt die Worte...

Das erste Drittel von Wir ist die absolute inszenatorische Perfektion. Die Intensität mit der Jordan Perle normale Umgebungen als den blanken, tief beklemmenden Horror einfängt, habe ich in der Form wirklich selten erlebt. Der Freizeitpark, der Strand, bzw. ganz allgemein Score und Schnitt schnüren in Kombination mit dem exzellenten Spiel aller Beteiligten ein starkes Gesamtpaket.

So weit, so perfekt.

Doch dann stehen die Doppelgänger vor der Tür.

Nyong'os evil Twin murmelt in grotesker Stimmlage Märchengeschichten (eine Szene, die sich so stark nach Parodie des gesamten Horrorgenres anfühlte, dass bei mir eine Art cringende Fremdscham-Gänsehaut erzeugte) und alles was folgt hat mit dem inszenatorischen Fluss der vorherigen 30-40 min wirklich gar nichts mehr gemein. Grobschlächtig und platt donnert Peele uns fortan mit maximaler Plumpheit gesellschaftliche Allegorien und, was noch viel schlimmer ist, unmotivierte 0815-Slasher Tropes um die Ohren, die mich ungläubig schlucken ließ. Der Dampfhammer reichte wohl nicht, jegliche Cleverness in Skript und Inszenierung des Vorgängers geht ihm hier völlig ab. Wir sehen stattdessen lahme Geisterbahn der einfachsten Sorte, der es an Spannung, Überraschungen und an allem sonst fehlt.

Auch einige fiese Weirdo-Momente, sowie konstant auf 11 gedrehte Doppelgänger-Performances können nichts retten, ich fragte mich durchweg, was ich da für einen hanebüchenen Schwachsinn sehe? Klar bleibt die Form stark, klar spielen die sich allesamt die Seele aus dem Leib, und klar passt der angenehm dominante Humor nach wir vor gut rein, aber was erzählt der Film?

Meiner Meinung nach großen Quatsch, der durch die Twists und Turns der letzten Minuten, plus der komplett uninspirierten "Bad guy explains whats going on" Expositions-Keule, plus dem nur noch lächerlichen allerletzten "Twist" nicht einen Deut besser wird. Im Gegenteil. Peele nutzt Tropes, die in etwa so ausgereift und psychologisch vereinnahmend sind, wie die Geister-Verkleidung von Dreijährigen unter Bettlaken.

Und die Symbolik in Wir? Ich habe schon oft mit Inbrunst dafür eingestanden, dass die Zeiten für subtile Kritik aufgrund allgegenwärtiger Schreihälse, Polemiker und Populisten leider vorbei sind. Die Simplizität der hier verpackten "die da unten"- bzw. "Soziale Kälte"-Symbole und "böses Fundament der USA"-Aussagen und was Peele noch alles in die Handlung rein gehämmert hat, ist mir aber einige Nummern zu simpel.

Ich will nicht behaupten in Wir steckten gar keine klugen Ideen, sicher gibt der Film viel mehr her, für das ich einfach zu blind, oder ignorant, oder blöd bin. Wahrscheinlich alles zusammen. Oder man versteht den Film nur als Amerikaner wirklich? Ich weiß es nicht. Was ich weiß ist, dass mich vor allem die empfundene Einfachheit der Doppelgänger-Thematik ultra enttäuscht. Vieles auf Story-, Plot- und dramaturgischer Seite wirkt, als sei wahlweise der erstbeste Gedanke umgesetzt worden, oder schlicht nichts ausgereiftes eingefallen. Es macht mich echt fassungslos, dass nach Get out, der mich aufspringen und applaudieren ließ, ein Film folgte, bei dem ich mich gegen Ende über weite Strecken sogar vor Fremdscham im Sessel winden musste.

Nee. War gar nix!

Mini-SPOILER: Ich glaube alles ab der Rolltreppe nach unten ist mit das Bekloppteste was ich überhaupt je in einem Film eines (vermeintlich) fähigen Writers gesehen habe. Was für ein unglaublicher Unfug!

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