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Nacho

Wir schauen Better Call Saul - Staffel 1, Folge 3

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Nacho
18.02.2015 - 09:20 UhrVor 5 Jahren aktualisiert
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Die neuste Episode von Better Call Saul lässt uns noch weiter in Jimmys Vergangenheit blicken und bereitet zudem in aller Ruhe seine Verwandlung zu Saul Goodman vor.

Das Einzige, was schwieriger ist als das Richtige zu tun, ist, es mit einem Papprohr vor dem Mund tun zu müssen. Ein Anwalt driftet in einem Nebel moralischer Dilemmata umher und sucht verzweifelt diese eine Ausfahrt, die nicht Wüste von New Mexico heißt und sich angeblich irgendwo zwischen finanzieller Sorglosigkeit und Gesetzestreue befindet. Ist die Existenz solch einer Ausfahrt überhaupt denkbar?

Jimmy (Bob Odenkirk) hat sich diese Frage sicherlich schon das ein oder andere Mal gestellt, beantwortet hat er sie jedoch noch nicht. Wir wissen, dass er sie beantworten, sich Saul Goodman nennen und den nächsten Highway in Richtung organisierte Kriminalität nehmen wird; er selbst weiß es jedoch noch nicht. Das ist tatsächlich ein großer Vorteil von Better Call Saul, und Vince Gilligan und Peter Gould wissen diesen Vorteil auch in Nacho clever auszuspielen. Die Eröffnungsszene verrät, dass er einst selbst in krumme Dinger verwickelt ("Everything you're doing, everything you're involved with, that's over") und zudem kein besonders gutes Familienmitglied war. Doch das Versprechen an Chuck, "damit" (was auch immer das gewesen sein mag) aufzuhören, fühlt sich aufrichtig an. Er ist bereit, diesen Teil seines Lebens hinter sich zu lassen: "I would not only stop letting you down, you know what, I'd stop letting me down."

Wir spulen in die Gegenwart: Jimmy befindet sich inmitten einer Kettenreaktion von Gesetzesverstößen und moralischen Fehlgriffen. Er versucht gegenzusteuern, doch niemand scheint ihm glauben zu wollen, falls sie ihn denn überhaupt verstehen - sowohl im übertragenen als auch im wörtlichen Sinne.

Nacho (Michael Mando) glaubt nicht, dass Jimmy niemandem etwas von seinem Plan erzählt hat. Die Polizei glaubt ihm nicht, dass die Kettlemans sich selbst entführt haben. Kim (Rhea Seehorn) versteht nicht, wieso Jimmy sie mitten in der Nacht anruft und die Kettlemans verstehen weder seine stimmverzerrte Warnung noch seine Shining-Referenz  (letzteres ist eine Vermutung). Wie uns der eröffnende Flashback verrät, hat auch Chuck (Michael McKean) vor einiger Zeit nicht geglaubt, dass es sinnvoll ist, seinem Bruder aus dem Knast zu helfen. Jimmy McGill befindet sich in permanenter Erklärungsnot und hat eine sichtlich schwere Zeit, die Leute um ihn herum von sich zu überzeugen. Es ist eine sehr elegante Art, uns langsam an den Grund seines Charakters zu bringen, auf dessen Grundlage ein Verständnis der Figur Saul Goodman überhaupt möglich ist.

Das macht die erste Annäherung an Mike (Jonathan Banks) mit Hinblick auf ihre gemeinsame Zukunft umso kraftvoller. Ausgerechnet er glaubt Jimmy. Dass dieser deswegen völlig aus dem Häuschen ist ("I knew it, I knew it! Finally someone believes me!"), unterstreicht, wie verzweifelt er mittlerweile ist: Warum sollte es einen Anwalt kümmern, ob der chronisch schlecht gelaunte Pförtner ihm seine Theorie abkauft oder nicht? Besonders bei der gemeinsamen Vergangenheit der beiden ist so eine Reaktion nicht zu erwarten, doch Jimmy steht plötzlich vor Freude unter Strom und fragt erst im Anschluss nach, wieso er ihm denn überhaupt glaubt. Es ist jene Art von Kennenlerngeschichte, die noch in 35 Jahren bei einem Glas Weißwein über einem verstaubten Fotoalbum zum Besten gegeben wird, während sich die Zuhörer lächelnd eine Träne aus dem Augenwinkel wischen.

Mindestens genauso ergreifend scheint Mikes Vergangenheit zu sein, die auch hier wieder nur angeschnitten wird. Wir wissen, dass er selbst einmal Polizist in Philadelphia war und dass diese Karriere vermutlich kein besonders gutes Ende genommen hat. Der Blick, den er dem Detective (Vincent Laresca) zuwirft, nachdem dieser ihm mit den Worten "Help us do some good" einen kollegialen Schultergriff zuwirft, lässt noch sehr viel mehr erahnen. Da steckt Verachtung drin, die sicherlich nichts mit dem Detective persönlich, sondern mit dem Polizeiapparat als Gesamtes zu tun hat. Mike möchte sich ganz offensichtlich nicht mit den beiden musterhaften Ermittlern mit den Marken um den Hals verbrüdern ("What are you doing? I thought you had our back, buddy" - "No, I don't think I said that ... buddy"). Sein Entschluss, Jimmy doch nicht der Polizei zu überlassen, fasste er zudem spätestens bei der Erwähnung von Nacho, was darauf hindeuten könnte, dass er jetzt schon in der Szene tätig ist und sein Geld nicht bloß aus unzureichend beklebten Parkscheinen bezieht.

Jimmy hat also endlich seinen Verbündeten gefunden, es muss sich allerdings noch zeigen, ob dieser Partner auch ein positiver Einfluss ist. Momentan befindet sich Jimmy noch in einem unerbittlichen Kampf um das Dasein als angesehener, guter Anwalt. Doch dieser Kampf sieht zunehmend schlecht für ihn aus. Genau an dieser Stelle schafft Better Call Saul etwas, das nur wenigen Prequels in dieser Form gelingt: Die Ungeduld, die chronologische Lücke zwischen dem jetzigen Zeitpunkt und Breaking Bad zu schließen, wird immer größer. Jimmys Wandlung deutet sich nur sehr langsam an, und ich kann den Tropfen kaum abwarten, der das Fass zum Überlaufen bringt. Dementsprechend wird es auch kaum das viele Geld sein, das am Ende im Zelt der Kettlemans verstreut wird, auch wenn der Cliffhanger dies andeutet. Ein späterer Jimmy McGill würde 20 % des Gewinns in seine Tasche stecken, der Familie ein neues Leben in Kanada organisieren und Nacho trotzdem noch davon überzeugen, dass er nichts mit der Sache zu tun hatte. Doch so schwach er auch sein mag, so weit ist dieser Jimmy McGill noch nicht. Dieser Jimmy McGill klammert sich noch an die Hoffnung, nicht zurück in die Kriminalität rutschen zu müssen.

"Hear that? I found your dumbass clients."

Notizen am Rande:

- Jimmys/Sauls Sexualleben war bis zu diesem Zeitpunkt nie ein Thema, doch da scheint es einiges zu entdecken zu geben: Sein simple Chicago Sunroof ordnet der Staat als Sexualstraftat ein und die Staatsanwaltschaft hat offenbar schon privaten Kontakt mit McGills sex robot voice gehabt.

- Vielleicht nicht ganz auf Walter Whites Level, aber trotzdem schöner MacGyver-Skill: Jimmy rollt das Papier von der Papprolle.

- Diesen Anrufbeantworter und den familiären Campgesang der Kettlemans werde ich so schnell nicht vergessen können. Kein Wunder, dass die Kinder erleichtert waren, als Jimmy das Zelt stürmte.

- Eine kleine Andeutung an Jimmys zukünftigen Verfall: In einer Szene fährt er einen Kollegen an, weil er seine Klienten durcheinander gebracht hat. Bei seinem allerersten Auftritt in Breaking Bad verwechselt Saul Badger mit einem anderen Klienten, der in einem Starbucks masturbiert haben soll.

- “Only two things I know about Albuquerque: Bugs Bunny should have taken a left turn there, and give me a hundred tries, I’ll never be able to spell it.”

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