Mein Herz für Serie

Ausgerechnet Alaska - Fantastische Kleinstadt

Ausgerechnet Alaska
© CBS
Ausgerechnet Alaska

Ausgerechnet Alaska ist eine vergessene Perle des Fernsehens der 90er-Jahre. Die Erstausstrahlung lief in Deutschland im Privatfernsehen wochentags gegen Mitternacht und nur bis zur Mitte der vierten Staffel. Dann kamen wechselnde Sender und Sendeplätze, wodurch sich um Ausgerechnet Alaska in Deutschland nie so ein Fanskreis bildete, wie in den USA. Völlig zu Unrecht, wie ich finde, denn die Serie zeichnet sich durch wunderbar skurrile Ideen und tolle Charaktere aus. Natürlich gibt es zwischendurch ein, zwei Episoden, die weniger gelungen sind, aber insgesamt leisten die Drehbuchautoren und Schauspieler konstant herausragende Arbeit. Deshalb schenke ich Mein Herz für Serie der ungewöhnlichen Kleinstadt-Serie.

Welcome to Cicely
In erster Linie geht es in Ausgerechnet Alaska um eine typische Konfrontation verschiedener Lebensgewohnheiten. Der jüdische New Yorker Arzt Dr. Joel Fleischman (Rob Morrow) kommt frisch von der Uni und muss in Alaska das Stipendium abarbeiten, mit dem der Bundesstaat ihm sein Studium finanziert hat. Statt in Anchorage landet Fleischman allerdings im winzigen Cicely und muss sich für zunächst vier Jahre um die medizinischen Bedürfnisse der schrulligen Bürger dieser Kleinstadt kümmern. Konflikte sind natürlich vorprogrammiert. Obwohl Joel ziemlich schnell lernt, dass die Bewohner von Cicely nicht die dämlichen Hinterwäldler sind, für die er sie anfangs hält, wird er doch nie so richtig heimisch in Alaska.

Die Stimmung der Serie ist schwer zu beschreiben und macht sie doch gerade einmalig. Das Besondere an Ausgerechnet Alaska ist der Bezug zum Fantastischen. Wir sehen zwar die tatsächlichen 1990er-Jahre, aber kein Einwohner von Cicely wundert sich allzu sehr, wenn etwa eine Zeit lang alle ihre Träume tauschen. Lediglich der erzkonservative Maurice Minnifield (Barry Corbin) beschwert sich über das Phänomen, weil seine schwulen Nachbarn dadurch von seiner heimlichen Faszination für Damenschuhe erfahren. Aber der Traumtausch an sich wird von jedermann akzeptiert. Selbst der stets skeptische Joel nutzt ihn für eine Psychotherapie.

Alle Geschichten von Ausgerechnet Alaska besitzen außerdem einen faszinierenden Humor, der niemals ins schenkelklopferische Comedy-Fach abgleitet. Trotz der eher beschwingten Atmosphäre gibt es in den meisten Episoden einen Handlungsstrang mit melancholischem Unterton. Wäre das Wort vom “Feel-Good Movie” hierzulande nicht so mit dem Kitschverdacht belastet, könnte es glatt als Charakterisierung für Ausgerechnet Alaska verwendet werden.

Was die Einwohner von Cicely bewegt
Genauso eigenartig und verschroben wie die Storys, die Ausgerechnet Alaska erzählt, sind auch die einzelnen Figuren und ihre Beziehungen untereinander. Eine ewige Hass-Liebe zwischen Joel und der Pilotin Maggie O’Connel (Janine Turner) zieht sich durch die ganze Serie. Holling (John Cullum), der Besitzer der Bar in Cicely, und Shelly (Cynthia Geary) haben hingegen als einzige eine feste Beziehung, dafür trennt sie allerdings ein Altersunterschied von mehr als 40 Jahren.

Einen wiederkehrenden Schwerpunkt bilden die Konflikte, die aus den unterschiedlichen Religionen der Bewohner Cicelys erwachsen. Joels jüdische Identität und der große Bevölkerungsanteil der indianischen Ureinwohner bieten Anlass zur Diskussion verschiedener Weltanschauungen und Lebensmodelle. Außerdem thematisiert der lokale Radio-DJ Chris häufig solche Punkte. Er hat sich durch eine Anzeige im Rolling Stone zum Priester der Universal Life Church ausbilden lassen und ist für philosophische Denkanstöße zuständig.

Auch die anderen Figuren besitzen ihre eigenen Motive: Da ist etwa die naive, aber liebenswerte Shelly, die immer dann von Halluzinationen heimgesucht wird, wenn Wendepunkte in ihrer Beziehung mit Holling anstehen. Zum Beispiel tanzen plötzlich vor ihren Augen die Mitglieder der Kleinstadt aus unerfindlichen Gründen, bis sie vom Schamanen Leonard erfährt, dass ihr Unterbewusstes so den Wunsch nach einer Hochzeit ausdrückt. Als großer Filmfan und Hobby-Regisseur ist es die Spezialität von Ed Chigliak (Darren E. Burrows), für jede Lebenslage den richtigen Filmvergleich parat zu haben. Außerdem besuchen den jungen, etwas verträumten Indianer gelegentlich Geister und Filmfiguren.

Cicely und darüber hinaus
Über alle sechst Staffeln hinweg begegnen dem Zuschauer auch bekannte Gesichter in Cicely. Allen voran natürlich Chris in the Morning alias John Corbett, der nach seinem Alaska-Aufenthalt bei Sex and the City und in My Big Fat Greek Wedding landete. Die beiden großen Krankenhaus-Serien der 90er sind indirekt ebenfalls in Cicely vertreten: Anthony Edwards spielte in Ausgerechnet Alaska erst den Allergiker und Umweltaktivisten Mike Monroe und dann acht Jahre lang Dr. Mark Greene in Emergency Room. Adam Arkin war als Dr. Aaron Shutt in der Konkurrenzserie Chicago Hope zu sehen, nachdem er in Alaska die Rolle des sozial unverträglichen Gourmets Adam inne hatte.

Benannt wurde Cicely laut Serien-Geschichte nach einer der beiden Gründerinnen Roslyn und Cicely, die auch in einer Folge auftauchen. Das ist vor allem interessant, da Ausgerechnet Alaska in Roslyn, Washington, gedreht wurde, ganz in der Nähe vom Drehort des Zeitgenossen Twin Peaks, auf den die Serie auch gelegentlich anspielt. Das berühmte Wandbild von Roslyn’s Café, das in jedem Vorspann zu sehen ist, und das Lokal existieren tatsächlich. Es hatte eigentlich einen Elch im Emblem, der für die Serie zu einem Kamel wurde.

Damit ist längst noch nicht alles gesagt über die liebenswerten Charaktere und ihre obskuren Geschichten, die Ausgerechnet Alaska bevölkern. Der Ex-Astronaut und reichste Einwohner Cicelys Maurice wurde genau wie Maggie noch nicht ausreichend gewürdigt. Wir haben Joels Assistentin Marilyn Whirlwind nicht erwähnt. Es fehlen Ruth-Anne, Walt und Dave der Koch. Sie alle kann man derzeit leider nur auf DVD noch näher kennenlernen, eine Wiederholung im Free-TV ist unwahrscheinlich.

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