Die unerträgliche Liebenswürdigkeit des Serienkillers mit Zac Efrons Gesicht

The most demonic people imaginable...
© Constantin Film/Moviepilot
The most demonic people imaginable...
10.08.2019 - 09:00 UhrVor 3 Jahren aktualisiert
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Extremely wicked, shockingly evil and vile zeigt den Serienmörder Ted Bundy auf die vielleicht verstörendste Art überhaupt: Sexy, charismatisch... und vollkommen vertrauenswürdig.

Das wirkliche Böse trägt keine Augenklappe, es hat keine schallende Lache und keinen kalten, vielleicht etwas gellenden Blick. Es wartet neben dir auf den Bus, es hält dir die Tür auf, es lächelt dich an, während es dir hilft, deine Einkäufe aufzusammeln, weil dir die Tüte gerissen ist. Das Böse ist da. Einfach so. Und du erkennst es nicht. Du siehst es nicht, denn es sieht nicht böse aus. Es sieht aus wie du und ich, wie deine Freundin, wie dein Vater, wie der Verkäufer im Biosupermarkt an der Ecke. Es ist vielleicht ganz niedlich, könnte mal dein Date sein, du würdest es in den Bundestag wählen.
Aber es ist da. Und es wartet, geduldig, auf einen Grund, der keiner ist.

Es mag zunächst merkwürdig erscheinen, dass ausgerechnet Zac Efron, ehemaliger Disney-Star und Teenieschwarm, den Serienkiller Ted Bundy spielt - aber eine bessere Wahl hätte es nicht geben können, denn einer der Gründe, weswegen Extremely Wicked, Shockingly Evil and Vile so eindrucksvoll, verwirrend, ja regelrecht verstörend ist, ist eben diese Anziehungskraft, dieser Charme, diese charismatische Harmlosigkeit, die den einen zum Star, den anderen zum Serienmörder machte. Und er ist einer der Gründe, weswegen dieser Film, ganz ohne Schockmomente und voyeuristisches Trara, von VelvetK hochgelobt wird.

Der Kommentar der Woche von VelvetK zu Extremely wicked, schockingly evil and vile

Wer sich niemals mit Ted Bundy beschäftigt hat oder - was schon beinahe unmöglich ist - nie von ihm gehört hat, wird mit Extremely Wicked, Shockingly Evil and Vile seine Probleme haben. Einerseits ist der Film von Regisseur Joe Berlinger wenig klassisch und kaum reißerisch angelegt, zumindest im Vergleich mit anderen Filmen des Subgenres. Und andererseits verschachtelt Berlinger sein sentimental eingefärbtes Porträt zunächst unnötig, was erst nach und nach einen guten und aufmerksamen Bogen schlägt.
Berlinger und seine Autoren springen oftmals willkürlich scheinend zwischen den späten 1960ern, Ted Bundys letzten Jahren im Gefängnis und seinen wahnwitzigen Auftritten vor Gericht hin und her, und schaffen mit ihrem Werk einen der außergewöhnlichsten Filme im weitläufigen Genre über Killer und deren nach außen getragene Dämonen.

Extremely Wicked, Shockingly Evil and Vile beginnt warm und familiär und zeigt den charismatischen, eloquenten und gut aussehenden Ted Bundy (Zac Efron), wie er die junge und alleinstehende Mutter Liz (Lily Collins) in einer Bar kennenlernt. Dieses erste Treffen, eingebettet in Bundys Verhaftungen, einigen Rückblenden aus dem Archiv der damaligen Nachrichten und dem Fortgang von Bundys Prozess, ist so vorsichtig, gefühlvoll und zart inszeniert - man möchte kaum glauben, dass es sich hier um die aufrecht blendende Charakterisierung eines wahnsinnigen Mörders handelt, der seine Opfer stets an abgelegene Orte lockte, sie gnadenlos bewusstlos schlug oder würgte, um sie anschließend brutal zu vergewaltigen, sie zu zerstückeln und deren geschundene Überreste mit seinem VW-Käfer im ganzen Land zu verteilen.

Versprich mir, dass du mich nie verlässt, Liz. Ich wüsste ganz ehrlich nicht, was ich ohne dich machen würde.
Ich verlass dich niemals.

Extremely Wicked, Shockingly Evil and Vile verzichtet auf eine detaillierte Zurschaustellung eben genannter Gräueltaten und setzt ein wenig Vorwissen voraus, was in ein konsequent angedeutetes und emotional verwirrendes Finale kippt. Ohne ein paar Kenntnisse und Eckdaten zu diesem Menschen, der 1989 wegen mehrfachen Mordes hingerichtet worden ist, bleibt Berlingers Film größtenteils unnahbar und nebulös - neugierig macht der formidabel inszenierte, interessant strukturierte und mutig gerundete Film aber in jedem Fall, und wirkt im Nachgang wie der hoffnungsvolle und letztlich zerstörte Glaube von Liz an das Gute in Ted. Und egal ob man von Ted Bundy weiß oder nicht, es bleiben Fragezeichen über, wie ein Mensch sich selbst und sein Umfeld so manipulieren, täuschen und betrügen konnte.

In der Zeit, in welcher Bundy gefasst wurde (übrigens spielt James Hetfield den handelnden Officer), waren die Methoden zur Ermittlung solcher Verbrechen bei Weitem nicht so ausgefeilt und sicher wie in diesen Tagen, und auch die verschiedenen Bundesstaaten, in welchen Bundy sein Unwesen trieb, waren nicht so gut vernetzt wie heute. Diesen, gut in Szene gesetzten Umstand nutzt die Regie und konzentriert sich mehr auf Bundy und die direkte Wirkung auf seine nächsten Angehörigen im weitesten Sinne. Die vielen Dokus und auch der solide Spielfilm Ted Bundy von 2002, bleiben immer ganz dicht dran an dem unlösbaren Monster in Bundy, doch Extremely Wicked, Shockingly Evil and Vile geht gänzlich andere Wege und weckt beinahe unangenehme Sympathien für diesen gestörten und immerzu widersprechenden Menschen, der hier, ausnehmend und passend, von Zac Efron gespielt wird.

Wir können machen was wir wollen.

Efrons beispiellose Physis und sein limitiert-strahlendes Antlitz sind geradezu prädestiniert für diese einprägsame Rolle - die Szenen, in denen er sich selbst vor Gericht verteidigt, sind wirklich gut gespielt. Zac Efron schultert Ted Bundy äußerlich passend und haucht der Mensch gewordenen Abscheu eine täuschende Ambivalenz, sinnliche Poesie und auch fadenscheinigen Frohmut ein. Das wird Efron zwar nicht in die Gefahr einer Oscar-Nominierung bringen, aber beachtenswert und absolut treffend ist diese Darbietung allemal. Der sonnige dramaturgische Kontrast steht immerzu im Clinch mit dem Wissen um die bestialischen Morde. Damit liefern Efron und Berlinger eine mulmig zurücklassende Geschichtsstunde ab.

Überhaupt ist der stets temporeiche und musikalisch stimmig unterlegte Film prominent, wenn auch oft irritierend gut besetzt. Lily Collins gebührt hier großes Lob. Sie spielt den emotionalen (und kaum beneidenswerten) Anker von Ted und leistet in ihrer gewürfelten Zerbrechlichkeit, in ihrer zuerst sehnsüchtigen Verzweiflung und vermeintlichen Liebe zu ihm, Großes. All die Lügen von Bundy, ihre kleine Tochter, ihr eigenes und für eine lange Zeit ausgebremstes Lebensglück und die vorgegaukelte Porte, in der es sich Bundy lange gemütlich macht - Collins liefert hier eine sehr gute Leistung ab.

Neben den beiden Hauptdarstellern hinterlassen Mimen wie John Malkovich in der Rolle eines wortgewandten Richters, Haley Joel Osment als Liz' späterer Halt und Jim Parsons in der Funktion des Hauptanklägers einen angemessenen Eindruck. Wie gesagt, einige Akteure irritieren zunächst. Osment, der mit The Sixth Sense zu einem schnell verglühten Weltruhm gelang, tritt mit Plauze und Vollbart auf, und bei Parsons hofft man irgendwie in jedem Moment, dass er nicht gleich wie Sheldon Cooper ausflippt. Doch wie ein Zac Efron in ernsten Rollen überzeugen kann, fügen sich auch die anderen Auftritte dieses Filmes und Extremely Wicked, Shockingly Evil and Vile verkommt nie zu einer Lächerlichkeit. Ganz im Gegenteil.

Was wissen die schon?
Nicht die Wahrheit.

Extremely Wicked, Shockingly Evil and Vile ist letztlich ein Justiz-Drama, welches sich durch einen gleichermaßen mitfühlenden wie abstoßenden Fokus auszeichnet. Ted Bundys eigens zugespitzte Misere mutiert in manchen Momenten scheinbar zu einer übersteuerten Farce, doch blickt man in die verfügbaren und dokumentierten Begebenheiten, wird schnell klar, dass das hier Gezeigte sich tatsächlich so zugetragen hat - was heute undenkbar scheint.

Extremely Wicked, Shockingly Evil and Vile ist eine gelungene, andersartige und sehenswerte Ergänzung zu einem vielschichtigen und nicht vollständig ergründbaren Thema. Einige Dinge sind nun dennoch klarer. Ted Bundy lebte in einer zerrissenen Traumblase aus unendlich vielen Lügen, einer glänzenden Schale wegen - die Szenen, welche sich um Liz, Ted und Liz' Tochter drehen, tun beinahe weh, gerade weil es scheint, dass diese beiden Menschen als einziges Refugium für Bundy dienten. Der emotionale Anker.
Ob Bundy jemals in der Lage war wirklich im eigentlichen Sinne zu lieben, vermag ich nicht zu sagen, doch der gute, verschwindend geringe Teil in seinem Wesen, suchte wohl dort vergeblich nach Halt. Die brennende Rage und das wütende Monster in diesem Menschen waren zweifelsohne so gigantisch wie sein einlullendes Charisma und seine hässliche Scharade, die vielen unschuldigen Menschen das Leben kostete.

Sie bewegen sich auf dünnem Eis. Und Eis hält sich nicht sehr lange in Florida.

Ted Bundy war das pure, widerliche und grässliche Böse. Der Film und dessen schneidender Titel, welcher aus dem Schuldspruch des Prozesses stammt, die verschleierten Schattierungen und lebensverachtenden Tatsachen in all ihren brechenden Lichtern mögen nun kokett im Raum stehen - und das war's. Wieder einmal...

...eine letzte, aufbrausende Offenbarung lichtet sich in der unmittelbaren Gegenwart von Teds Elizabeth und die vom Regisseur eingesetzte Verschachtelung geht vollends auf.

Erlöse mich!
Nicht dich, Liz. Jede andere, aber nicht dich...

Doch die Fragezeichen bleiben.

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