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Großes Mafia-Kino im TV

Dominik Grafs Serie im Angesicht des Verbrechens

17.11.2010 - 08:50 UhrVor 8 Jahren aktualisiert
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Im Angesicht des Verbrechens
© MFA+ FilmDistribution e.K.
Im Angesicht des Verbrechens
Mit großer Leidenschaft dreht Genrespezialist Dominik Graf seine Polizeithriller fürs TV – vom Tatort über Polizeiruf bis zum eigenständigen Fernsehfilm. Ganz und gar nicht klein sind die Ausmaße seiner gefeierten Serie „Im Angesicht des Verbrechens“, in der Graf zehn Folgen lang die russische Mafia in Berlin durchleuchtet. Beste Fernsehunterhaltung, bekundet unser DVD-Kolumnist Thomas Groh und empfiehlt überdies auch den Begleitband zur Serie.

Dass eine Fernsehserie im Kino Premiere feiert, geschieht nicht alle Tage, wohl aber dieses Jahr im Februar in Berlin, als die Berlinale sich mit zwei rund vierstündigen Matinee-Vorführungen von Im Angesicht des Verbrechens, Dominik Graf s TV-Epos über das russische Mafiamilieu in Berlin, einen ganz besonderen Festivalabschluss zum Geschenk machte. Das Publikum war begeistert, die Presse überschlug sich gar: Vergleiche mit The Wire und den Die Sopranos standen da plötzlich im Raum und viel überschwängliche Freude, dass es “so etwas” jetzt endlich “auch hier” gebe.

Freilich sind solche Vergleiche hochtrabender Unsinn und bloße Standortlogikrhetorik, die am Ende beim angeheizten Publikum nur zu Enttäuschungen führt. Nein, man kann sich auch locker machen und einfach feststellen: Im Angesicht des Verbrechens ist hervorragendes, atemloses Genrekino und ein faszinierender TV-Roman zugleich, handwerklich auf höchstem Niveau und dabei ungeheuer unterhaltsam. Vergleiche müssen da gar nicht erst nicht gescheut werden, wie es im Provinzjournalismus immer heißt. Graf und Drehbuchautor Basedow suchen sie ganz einfach nicht.

Von Russland nach Berlin

Ihre Geschichte entfalten sie mit Raum greifender Geste: Da sind im russischen Hinterland die beiden Schwestern Jelena (Alina Levshin) und Swetlana (Katharina Nesytowa), in Berlin die beiden jungen Polizisten Sven (Ronald Zehrfeld) und der selbst aus Russland stammende Marek Gorsky (Max Riemelt). Die beiden Fäden umschlingen sich, als Jelena und Swetlana über eine Schieberbande in einem Berliner Prostitutionsring landen. Ein sich im russischen Mafiamilieu abzeichnender Bandenkrieg lässt die Ereignise sich überschlagen: Nicht nur ist Mareks Schwager (Misel Maticevic) schwer in die Angelegenheit verwickelt, der Polizist wähnt auch den Mörder seines Bruders in den Fronten. Mittendrin kreuzen sich Mareks und Jelenas Wege – und Jelena erkennt in ihm jenen Mann wieder, dessen Gesicht sie bereits in Russland in einem Traumbild imaginiert hat.

Was Kolportage und Klischee erwarten lässt, wird bei Graf und Basedow rasch zu einer faszinierend komplexen Relaisverschaltung zahlreicher Familiengeschichten, die in den Ereignissen rund um Marek und Jelena kulminieren. Ein kleines Wunder sind dabei die zahlreich in die dicht und atemlos erzählte Geschichte eingeflochtenen Momentaufnahmen, die zwar gut für sich stehen, das große Ganze aber entschieden bereichern – das Detail kommt nicht ohne den großen epischen Bogen aus und umgekehrt. Dass Graf und Basedow auch in solcher barocken Ausgestaltung (über 100 Sprechrollen!) nie den Überblick verlieren und stets auf Augenhöhe mit ihrem Publikum hantieren, trägt schließlich maßgeblich zum Gelingen bei: Im Angesicht des Verbrechens ist hervorragend konstruiert, arbeitet minutiös auf seinen Höhepunkt hin und ist dennoch in seinen zahlreich verstreuten Details so voller Leben wie kaum ein anderes Projekt der jüngeren deutschen Fernsehgeschichte.

Mageres Bonusmaterial, hervorragender Begleitband

Einziger Wermutstropfen der nun vorliegenden DVD-Edition: Ihr liegt kaum Bonusmaterial bei. Lediglich ein Making-Of findet sich auf der letzten der insgesamt vier DVDs, das zwar (im Gegensatz zu den meisten anderen so bezeichneten verlängerten Werbetrailern) mit zahlreichen Blicken hinter die Kulissen in der Tat sehenswert geraten ist. Doch fällt es mit gerade mal einer halben Stunde Spielzeit recht kurz aus. Gerade von Dominik Graf, der mit ansteckender Begeisterung und dennoch hochreflektiert über seine Arbeit zu sprechen versteht, hätte man sich doch zumindest zu ausgesuchten Episoden einen Audiokommentar gewünscht.

Immerhin Abhilfe verschafft ein zeitgleich beim Alexander Verlag erschienener Begleitband zur Serie, der nicht nur deren Fans, sondern allen Filmbegeisterten unbedingt ans Herz gelegt sei: In einem mehr als 200 Seiten umfassenden Gespräch gewährt Dominik Graf intime Einblicke in seine Filmwerkstatt, erläutert seine Vorlieben und Arbeitsweisen, seine Absichten und Vorbilder. Dabei verlässt das Gespräch immer wieder ganz selbstverständlich den Rahmen der Serie, befasst sich mit Grafs übrigen Werken, den Filmen anderer Regisseure von Renoir über Hawks bis zu den italienischen Schmuddelregisseuren, an denen Graf einen Narren gefressen hat, und reflektiert so auch immer wieder das Filmemachen selbst. Grafs genauer Blick auf seinen Gegenstand, seine Souveränität hinsichtlich seiner Stärken, seine kritische Selbsteinschätzung hinsichtlich seiner Schwächen ergeben eine rundum faszinierende Lektüre. Graf mag kein Auteur im klassischen Sinne sein, keiner der großen Filmkünstler im Pantheon der Filmgeschichte, eines aber – und auf jeder Seite dieses großartigen Filmbuchs tummeln sich dafür Beweise – ist er in jedem Fall: Filmemacher mit Leib und Seele. Auch wenn die (wesentlich kürzeren) Gespräche mit weiteren Beteiligten der Produktion von schwankendem Interesse sind, lohnt die Anschaffung alleine schon wegen des Gesprächs mit Dominik Graf – schon jetzt ein Klassiker der Tradition des Film-Interviewbuchs.

Hier noch der Trailer zur Krimiserie

Die DVD könnt ihr beispielsweise bei amazon.de kaufen, das Buch ebenso.

Thomas Groh lebt in Berlin, arbeitet für die Programmvideothek Filmkunst im Roderich und schreibt über Filme, zum Beispiel für die Filmzeitschrift Splatting Image, die taz und das Onlinekulturmagazin Perlentaucher. Wenn er nicht gerade sein Blog aktualisiert, verfasst er wöchentliche DVD-Kolumnen für den moviepilot, in denen er Filme von etwas jenseits des Radars empfiehlt, zuletzt beispielweise den Italowestern Mercenario, den tschechischen Avantgarde-Pop-Film Daisies und die Peckinpah-Doku Passion & Poetry.

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