Mr. Vincent Vega eckt an

Wie schamlose Armutspornos das Publikum erobern

Beasts of the Southern Wild
© MFA
Beasts of the Southern Wild

Riesige plüschige Monsterauerochsen wie in Beasts of the Southern Wild gibt es in Wahrheit keine, der Film nutzt sie deshalb gleich von Anfang an offensiv metaphorisch. Riesig und plüschig indes sind, ganz wahrhaftig, aber seine Absichten: Mit der herzerwärmenden Geschichte eines sechsjährigen schwarzen Mädchens, das in den Sümpfen Louisianas umgeben von Müll, Schlamm und der dreckigen Luft nahe gelegener Raffinerien aufwächst, gelang der US-amerikanischen Independent-Produktion ein Kritiker- und Publikumserfolg, wie er im Kinojahr 2012 fast seinesgleichen sucht. Als eine Art Echo der durch Hurrikan Katrina schwer geschundenen Südstaatenseele erzählt Beasts of the Southern Wild auf märchenhafte Art vom abgeschiedenen Leben in Armut, von der zerstörerischen Kraft der Natur und dem starken Willen seiner kleinen Heldin Hushpuppy, die allen Widerständen zum Trotz ihrem Leben und ihrer Welt (die sie Badewanne nennt) etwas Magisches abgewinnen kann. Seit vergangenem Donnerstag ist der Film auch in den deutschen Kinos zu sehen, nachdem er auf dem Fantasy Filmfest hierzulande bereits den Fresh-Blood-Award der Zuschauer gewann.

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Armutsbilder zum Wohlfühlen
In der Art, wie Beasts of the Southern Wild selbst größten Missständen eine Aura der Poesie verleiht, ist es der vielleicht rigoroseste Armutsporno der vergangenen Jahre. In einem nach allen Regeln der Manipulationskunst gestrickten Anbiederungsformalismus aus vereinnahmender kindlicher Hauptfigur, ständigem Voice-Over und sinnlichen Musikklängen verfolgt der Film eine hanebüchene Verniedlichungsstrategie des dargestellten Elends: Wie eine unbeschwerliche Abenteuerreise mutet der im Kern zutiefst brutale Leidensweg seiner Hushpuppy (was für ein entzückender Name) an, wie ulkig betörende Lebensausschnitte wirken deren Erlebnisse. Sie kocht Essen mit dem Bunsenbrenner, bekommt vom todkranken Vater Alkohol verabreicht und spricht mit Reinkarnationen ihrer verstorbenen Mutter, bevor sie schließlich eine naiv-dümmliche Kollektivbildung anderer Kinder und Erwachsene anführt und auf ein majestätisch-idiotisches Schlussbild zusteuert.

Indem er schlimmstes Leid als fantasievolle Kindergeschichte aufbereitet, leistet Beasts of the Southern Wild seinen zweifelhaften Beitrag zu einem sozialpornographischen Erfolgskino der jüngeren Vergangenheit, das immer vehementer mit realen Armutsbildern zum Wohlfühlen verleiten will. Seit dem oscargekrönten Elendstourismus eines Slumdog Millionär scheinen auch die letzten Fünkchen Sensibilität, Aufrichtigkeit und Problematisierungsmut in der Darstellung von Armut im Kino erloschen. Dieser tapezierte seine aufregend gefilmten Bilder von indischen Kindern, die in alten Lumpen über Dächer springen, durch schmuddelige Gassen flitzen oder auch mal vergnügt in Fäkalien baden, mit einem musikalischen Gemisch aus folkloristischem Elektroclash und Hip Hop sowie schnittig-schöner Clipästhetik. Selbst das Wüten durch Abfall und Mist setzte Danny Boyle als lustiges Kinderspiel in Szene, dessen Stilisierungen er geradewegs aus der Mutter des modernen Armutspornos, City of God, importierte. Diesem Slumtourismus in Quasi-Musikclipform sind alle eventuellen Nebenwirkungen, ist jeder Beigeschmack ausgetrieben.

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Elend als kuschelige Unterhaltung des westlichen Publikums
Schlimmer noch: Diese Filme, und das ist Beasts of the Southern Wild keineswegs eine Ausnahme, arbeiten auf unangenehme Art mit einem vermeintlich exotischen Touch, mit dem Reiz des Fremden und der Attraktivität unwirklicher Armut, um sich damit direkt in die Arme eines westlichen Publikums zu spielen, für das sie auch überwiegend konzipiert sind. Dieses Publikum ist meist weiß, natürlich per se privilegierter als jede nur erdenkliche Figur in diesen Filmen und deren formschönen Ästhetikkonzepten gegenüber offenbar entsprechend aufgeschlossen. Der diesjährige Erfolg von Ziemlich beste Freunde ist vielleicht auch auf die sicherlich gut gemeinte, aber uralt-rassistische Disziplinierung der schwarzen Hauptfigur zurückzuführen, die aus der Armut befreit und direkt in ein weiß-bürgerliches Wertesystem eingegliedert wird. Filme wie Beasts of the Southern Wild, Slumdog Millionär oder City of God verfahren mit ihren Elendsbildern letztlich ähnlich: Sie werden einer konfektionierten Vorstellung von Entertainment unterstellt, die eigentlich unerträgliche Armut ganz im Sinne des Vergnügens gemütlich aufbereitet und konsumierbar, also erträglich macht.

Nicht selten eben muss das soziale Leid in diesen Filmen deshalb fantasievoll umgedeutet oder gar poetisch überhöht werden (Beasts of the Southern Wild wird geradezu bizarr wie ein Märchen vermarktet), mythisiert und in die Mechanismen des Wohlfühlkinos eingearbeitet werden. So mühen sie sich mittels geschönter Unterhaltungs- und Genrekonzepte an stilisierten Armutsbildern ab, wie an einem Fetisch, der befriedigt werden muss. Am Schlimmsten aber ist, dass dieser und ähnliche Filme ihren (im doppelten Sinne) armen Figuren ein fadenscheiniges Selbstbewusstsein einimpfen und sie ihre Um-, Miss- oder allgemein schweren Zustände auf kuriose Art preisen lassen. Dadurch wird ihnen letztlich nahe gelegt, sich mit ihrer Armut nicht nur zu arrangieren, sondern sich eben auch schlicht mit ihr abzufinden – bestärkt durch ein Publikum, das nicht zuletzt aus reiner Bequemlichkeit nur nickend staunt über so viel selbstgenügsame Pervertierung von Elend (und es dadurch sogar noch eine krankhafte Sinnstiftung erfahren lässt). So lange zumindest, wie dieses Elend mit ausreichend Magie und quirligen Hushpuppys in wohlig-weiche Kinositze transportiert wird.

Als Mr. Vincent Vega polemisiert sich Rajko Burchardt seit Jahren durch die virtuelle Filmlandschaft, immer auf der Suche nach dem kleinstmöglichen Konsens. Denn “interessant ist lediglich Übertreibung und das Pathos – alles andere ist langweilig, leider.” (Christian Kracht). Wenn er nicht gerade auf Moviepilot aneckt, bloggt Rajko für die 5 Filmfreunde und sammelt Filmkritiken auf From Beyond.

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