Staffel 1 im Free-TV

Wir schauen Game of Thrones - Episode 1, 2 & 3

Game of Thrones bei RTL II
© HBO
Game of Thrones bei RTL II

Letzten Frühling begeisterte Game of Thrones amerikanische Zuschauer und Kritiker. Knapp ein Jahr später feiert Staffel 1 der Serie nach den Büchern von George R.R. Martin ihr Free-TV-Premiere im deutschen Fernsehen. Viele Serienfans haben die Show in den letzten Monaten nachgeholt und ich gehöre dazu. Doch so eine deutsche TV-Ausstrahlung ist trotzdem eine gute Möglichkeit, um die Stärken und Schwächen der Serie zu rekapitulieren und sie bietet ein spannendes Forum zur Diskussion zwischen neuen und alten Fans, Buchkennern, Anglophilen und all jenen, die erst durch zufälliges Zappen auf Game of Thrones aufmerksam geworden sind. Gestern zeigte RTL II die ersten drei Folgen der ersten Season von Game of Thrones ab 20.15 Uhr und um die soll es hier gehen.

Episode 1: Der Winter naht (Winter Is Coming)
Pilotfolgen tragen stets eine große Verantwortung. Sie müssen uns in die Handlung, deren Figuren und Schauplätze einführen, aber gleichzeitig einen Grund liefern, mehr als eine Folge der Serie anzuschauen. Kurz gesagt: Der Pilot von Game of Thrones meistert die eine Aufgabe souverän, die andere nur mit Hängen und Würgen. Im Prolog setzt er wie das Buch von George R.R. Martin den Grundstein für die im Hintergrund lauernde Gefahr jenseits der Wall bzw. der gigantischen Eismauer im Norden von Westeros. Wir bekommen unseren ersten, ziemlich einschneidenden Blick auf die White Walker (Weiße Wanderer), Zombie-ähnliche Wesen, die in wärmeren Gefilden als Ammenmärchen abgetan werden. All jene Zuschauer, die von dem Grauen im Schnee überrumpelt wurden, erhalten durch die großartige (und das ist keine Übertreibung) Titelsequenz von Game of Thrones eine Orientierungshilfe. David Benioff und D.B. Weiss, das kreative Produzentenduo hinter der Serie, müssen schließlich ein berühmtes, aber auch sehr nerdiges Fantasy-Epos an den (ungeschulten) Mann bringen. Wie jedes große Intro verpflanzt uns auch dieses in die Welt der Serie, lokalisiert die fremdklingenden Namen wie Winterfell, King’s Landing (Königsmund), die Wall und viele mehr geografisch und deutet sogleich an, worum es in Game of Thrones im Wesentlichen gehen wird, nämlich das fragile Gleichgewicht der Mächte eines notdürftig zusammengeklaubten Landes. Nicht die Brüste, die Schlachten oder die aufgeschnittenen Kehlen machen die Serie groß, sondern die Wortgefechte, die Intrigen und Ränkespiele.

An denen mangelt es dem Pilot allerdings. Wir lernen Ned Stark (Sean Bean) und seine Familie im nordischen Winterfell kennen und bekommen einen kleinen Einblick in die Freundschaft zwischen ihm und König Robert Barratheon (Mark Addy). Exposition aller Orten bringt uns die Lannisters nahe, mithin die Königin Cersei (Lena Headey), deren Bruder/Geliebten Jaime (Nikolaj Coster-Waldau) und den kleinwüchsigen, aber scharfzüngigen Tyrion (Peter Dinklage). Fix wechseln wir sogar den Kontinent, um der schönen, aber von ihrem machtlüsternen Bruder gequälten Daenerys (Emilia Clarke) bei ihrer Zwangsheirat mit dem Nomadenmacker Khal Drogo (Jason Momoa) zuzugucken. Wichtige Motive werden eingebracht (die Wölfe für Neds (un)eheliche Kinder) und Beziehungen angerissen. Insgesamt wird die erste Folge von all diesen Aufgaben aber etwas lahmgelegt. Gemächlich wird der Kern eines unheimlich großen Figurenensembles eingeführt, das auch noch an unterschiedlichen Schauplätzen agiert. Die Stärken der Serie (Stichwort: Dialoge) kommen hier naturgemäß noch nicht zum Tragen. Dafür bietet sie ein schockierendes Ende, als Jaime den kleinen Bran aus dem Fenster stößt, weil dieser die Geschwister Lannister beim Sex beobachtet hat. Was man nicht alles für die Liebe tut…

Episode 2: Der Königsweg (The Kingsroad)
In der zweiten Folge nimmt Game of Thrones schon ein wenig Fahrt auf. Ned Stark wurde unwillig von seinem alten Freund Robert zur Hand des Königs ernannt und soll nun mit diesem in die Hauptstadt King’s Landing reisen. Sein Sohn Bran schwebt derweil in Lebensgefahr. Die Aussicht auf das politische Vespennest mindert Neds Vorfreude ebenso wie die Tatsache, dass sein Vorgänger Jon Arryn womöglich ermordet wurde. Hat die Intrige irgendwas mit dem mysteriösen Unfall von Bran zu tun? Und wer will Bran mit einem zweiten Anschlag das Leben nehmen?

Der Königsweg macht seinen Titel zum Programm und schickt seine Figuren auf die Reise. Ned reist mit dem Tross gen Süden, Jon sagt Auf Wiedersehen und schließt sich der Nachtwache an der Wall an, die er an der Seite Tyrions zum ersten Mal erblickt. Dany ist auf Reisen mit ihrem Khal und lernt, diesen glücklich zu machen. Ihre erwachende Sexualität läuft dabei parallel zu ihrem erstarkendem Selbstbewusstsein gegenüber ihrem Bruder Viserys. Und da sind ja noch diese immer wieder ins Bild gerückten Dracheneier…

Hat uns Folge 1 in die wichtigsten Figuren, Beziehungen und Orte eingeführt, sorgt sich die zweite Episode nun verstärkt um die Konflikte, die Staffel 1 dominieren werden. Nicht von ungefähr beschwört Robert beim Picknick am Wegesrand mit Ned einen heraufziehenden Krieg und will Dany vorsorglich umbringen lassen. Er weiß, dass sein Reich auf tönernen Füßen steht, wenn eine junge Frau eine solch große Gefahr darstellt. Das ist eine der tragischen Erkenntnisse, die der nach außen so joviale Robert offenbart. Einen Teil der Vorgeschichte um das Königsgeschlecht der Targaryans wird hier zudem mitgeliefert; Exposition kann also auch anders funktionieren. Dass Ned am Ende Sansas Schattenwolf töten muss, weil der blonde Giftzwerg Prinz Joffrey verletzt wurde, darf als böses Omen gelesen werden. So richtig geht und ging Game of Thrones für mich nämlich erst mit der Ankunft in King’s Landing los.

Episode 3: Lord Schnee (Lord Snow)
Dort tauchen endlich zwei meiner absoluten Lieblingsfiguren auf, die in den folgenden Episoden monologische und dialogische Höchstleistungen erbringen werden. Ned stürzt sich gleich bei der Ankunft in die Politik und trifft die königlichen Berater Petyr ‘Littlefinger’ Baelish (Aidan Gillen und Lord Varys (Conleth Hill), der eine Schatzmeister des Königs mit einem Faible für die Herrin von Winterfell, der andere Eunuch und Geheimdienstchef. Neben den windigen Herrschaften, die unterschiedlicher nicht sein könnten, wirkt der von seinem Ehrbewusstsein getriebene Ned umso mehr wie ein Antikörper. Er wird es in King’s Landing, in diesem vor Lügen nur so überquellenden Hort der Realpolitik (Schulden!) schwer haben.

Schwer könnte die Zukunft auch für Jon Snow werden, den die deutsche Synchro leider ins Denglische Jon Schnee verhonepipelt hat. Zum Glück begleitet ihn Tyrion zur großen Mauer, der ihm nicht nur lehrt, seinen Bastard-Status als Chance zu betrachten, sondern auch seine Hochnäsigkeit angesichts des menschlichen Unrats in der Nachtwache im Zaum zu halten. Tyrion stellt sich in dieser Folge als wahrer Menschenkenner heraus, der sein Interesse für das Gegenüber stets auch als taktisches Potenzial betrachtet. Menschen zu kennen, ihre Geschichten zu hören, heißt schließlich ihre Schwächen aufzuspüren. Lesen schadet ebenfalls nicht…

Obwohl Episode 3 einige Highlights bereithält (Dany erwartet ein Kind, Viserys lernt eine Peitsche aus der Nähe kennen, Tyrion pisst von der Mauer), finden die wichtigsten Geschehnisse wie so oft in King’s Landing statt. Dort untersucht Catelyn (Michelle Fairley) die Herkunft des Dolchs, der ihren Sohn töten sollte und lernt: Er gehört Tyrion. König Robert bzw. Mark Addy hat eine seiner besten Szenen, als er seinen verschüchterten Knappen Lancel Lannister niedermacht, eine gar unschickliche Geste für den mächtigsten Mann auf dem Kontinent. Jaime hat ebenfalls einen seiner besten Momente, als er sich im Beisein Roberts an den verrückten König Aerys Targaryan erinnert, der einst Roberts Bruder und Vater tötete (Er sagte dasselbe wie seit Stunden. Verbrennt sie alle!).

Und dann ist da Arya (Maisie Williams), jüngste Tochter von Ned, die in King’s Landing ebenso wenig zu suchen hat wir ihr Vater. Game of Thrones befasst sich immer wieder mit den Ungleichheiten in der Gesellschaft, mit Frauen, die nur zum Heiraten da sind und Männern, denen einflussreiche Positionen auf Grund ihrer Herkunft verwehrt sind. Arya ist, wenn überhaupt, Heiratsmaterial und das passt ihr gar nicht. Ihrem Vater ist das bewusst, also bekommt seine flinke, gar nicht feine Tochter mit Syrio Forel einen Tanzlehrer, der ihr in Wirklichkeit das Fechten beibringt. Ned sieht der ersten Lehrstunde zu, im Hintergrund hebt Schlachtgeschrei an und das stolze Lächeln des Vaters verwandelt sich in die Besonnenheit nordischer Voraussicht. Der Winter naht tatsächlich.

Ungeordnete Anmerkungen am Rande:
- RTL II sendete die drei Episoden als eine große Game of Thrones-Folge, deren Teile nahtlos aneinander anschließen. Das ist zum einen schade, weil die Enden an Kraft verlieren, zum anderen nachvollziehbar, weil deutsche Zuschauer so leichter an die anspruchsvolle Erzählweise andocken können. Die Werbung wurde ebenfalls nicht übertrieben.
- Syrio Forel ist der Mr. Bergstrom von Game of Thrones.
- Zwei Punkte, die HBO-typisch sind und der Serie zu Gute kommen: die langsame, dialoglastige Erzählung und die fehlende Sucht nach dem zwanghaften Cliffhanger (Hallo, Showtime).
- Dass die Synchro bestimmte Eigennamen eindeutscht, ist durchaus sinnvoll (The Wall = Die Mauer), aber die Vornamen englisch und die Nachnamen deutsch auszusprechen, war eine schlechte Eingebung. Schattenwolf gefällt mir besser als dire wolf, Casterly Stein hätte nicht sein müssen.
- Mark Addy und Sean Bean sollten zusammen auf Tour gehen.
- Tyrion watscht Joffrey. Kein Kommentar.
- Auffällige Schnitte: So gut wie alles, was mit White Walkern zu tun hat, aber seltsamerweise nicht der frisch abgetrennte Kopf, der in die Höhe gehalten wird. Bei der Hinrichtung des Deserteurs durch Ned Stark gibt es hingegen wieder einen Cutaway.

Wie gefallen euch die ersten Folgen von Game of Thrones? Überzeugt die deutsche Synchro oder funktioniert Das Lied von Eis und Feuer sowieso nur auf Englisch?

moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
folgen
du folgst
entfolgen
"It's true we had a gentleman's agreement, but unfortunately, I am no gentleman."

Deine Meinung zum Artikel Wir schauen Game of Thrones - Episode 1, 2 & 3