2017 - Das Stephen King-Jahr

Stephen King-Adaptionen 2017
© Warner Bros. Pictures / Sony
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Natürlich war Stephen King niemals weg. Schon gar nicht aus dem Literaturbetrieb, schließlich sind seit 1975 nie zwei Jahre ohne neue Romanveröffentlichung des bekanntesten Horrorautors der Welt vergangen; insgesamt sind es in 42 Jahren mittlerweile an die 60. Gerade im November erschien noch Sleeping Beauties in Deutschland, eine Zusammenarbeit mit seinem Sohn Owen, in der ein Virus sämtliche Frauen auf der Welt eingeschläfert und, in einem Kokon eingesponnen, für Männer unberührbar gemacht hat. Für 2018 ist mit The Outsider bereits das nächste angekündigt. Zu seinem Werk zählen bis heute zudem über 200 Kurzgeschichten, fünf nicht-fiktionale Bücher, Graphic Novels, Drehbücher, Essays und ein Libretto.

Genauso sind seit der ersten Verfilmung von Carrie - Des Satans jüngste Tochter 1976 durch Brian De Palma, in der IMDB lediglich vier Jahre verzeichnet – 1977, 1978, 1981 und 1988 – die ohne die Filmadaption einer seiner Arbeiten ausgekommen sind. Doch tatsächlich schien nach der letzten großen Kinoproduktion The Green Mile von Frank Darabont im Jahr 1999 die Strahlkraft seines Namens im neuen Film-Jahrtausend nachgelassen zu haben. Wirklich erwähnenswerte Verfilmungen seiner Werke gab es in den 2000er Jahren sehr wenige. Vor zehn Jahren waren die soliden bis ordentlichen Short-Story-Adaptionen Zimmer 1408 von Mikael Håfström und Der Nebel, erneut von Frank Darabont, noch die erwähnenswertesten dieses Jahrzehnts.

Das große King-Revival

Nun ist passenderweise das Jahr seines 70. Geburtstages zum großen King-Revival geworden. Im Kino sollte mit Der Dunkle Turm, die von Fans seit Jahrzehnten herbeigesehnte Leinwandadaption des gleichnamigen Fantasyepos’ die Grundlage für ein Blockbuster-trächtiges Franchise legen. Die Netflix-Produktionen Das Spiel, nach dem Roman Gerald’s Game und 1922, nach der gleichnamigen Kurzgeschichte sowie der zehnte (!) Teil der Children Of The Corn-Reihe namens Runaway wurden ebenfalls veröffentlicht. Zudem verfilmte David E. Kelley die Amokläufer-Story Mr. Mercedes als Serie und auch die erste Staffel von Der Nebel feierte in diesem Jahr Premiere, wurde allerdings nicht verlängert.

Es ist ohnehin ein anderes seiner Werke, das 2017 im Kino alles überstrahlte. Mit der Neuverfilmung von Kings Klassiker Es aus dem Jahr 1986, in dem eine Gruppe Jugendlicher in ihrer Kleinstadt versucht, den fiesen Horrorclown Pennywise zur Strecke zu bringen, landete Regisseur Andrés Muschietti einen weltweiten Box-Office-Hit, der in den USA zum erfolgreichsten Horrorfilm aller Zeiten avancierte. Spätestens mit dem bereits Monate vor Kinostart grassierendem Hype und dem Mega-Erfolg des Films an den Kinokassen, ist auch in Hollywood wieder einmal das große King-Fieber ausgebrochen und zig neue Adaptionen werden für die kommenden Jahre angekündigt. Damit wurde sogar der riesige Flop Der dunkle Turm wieder egalisiert, der 2018 mit der gleichnamigen Serie eine Chance zur Wiedergutmachung erhält.

Doch was steckt hinter dem King-Revival 2017? Warum sind gerade in diesem Jahr die Verfilmungen seiner Geschichten und seine ikonischen Bösewichte so gefragt, wie seit Mitte der 1990er nicht mehr? Einer der naheliegenden Gründe ist die (Wieder-)Entdeckung seiner Werke für die serielle Erzählweise. Hier spielt bereits 2013 der große Erfolg von Under the Dome für den Network-Sender CBS eine wichtige Rolle. Bei uns waren alle drei Staffeln der Serie zeitnah im Free-TV auf ProSieben zu sehen. Der Schlüsselmoment zum neuen King-Hype liegt jedoch im Jahr 2016. Hier erschien nicht nur die für Hulu produzierte Miniserie 11.22.63 - Der Anschlag, nach dem 2011 erschienenen King-Roman über einen Zeitreisenden, der versucht, das Attentat auf den US-Präsidenten John F. Kennedy am 22.11.1963 zu verhindern. Vielmehr ist es eine andere Serie, die noch nicht einmal explizit mit dem Namen Stephen King verbunden ist, die sein Erbe für eine neue (und auch die alte) Generation aufbereitet hat: Stranger Things.

Mit der Netflix-Serie erschaffen die verantwortlichen Duffer-Brüder eine ultimativ postmoderne Stephen-King-Welt, die sich so vieler seiner essentiellen Settings, Storyelemente und Figurenkonstellationen bedient und ihre Essenz dermaßen verdichtet, dass sie in ihrer nostalgischen Erzählweise die Zuschauer auch wieder auf das originale Werk von King stoßen. Die typische US-Kleinstadt mit dem strauchelnden, aber gutherzigen Sheriff, die Coming-of-Age-Geschichte der Kinder, die gegen eine übernatürliche Erscheinung antreten müssen und das telekinetisch begabte Mädchen sind nur einige offensichtliche Merkmale der Oberfläche. Der riesige weltweite Erfolg von Stranger Things, das 2017 selbstverständlich fortgesetzt wurde, hat die Grundlage für die neue Es-Verfilmung gelegt, denn in diesem King-Roman sind fast alle der charakteristischen Merkmale vorhanden. Dass der Es die Handlung zudem aus den 1950ern in die 1980er Jahre verlegt, ist ein offensichtliches Zugeständnis an den Erfolg der Retroserie.

Das King-Universum als Marke

Mit Stranger Things haben die Duffer-Brüder den Hollywoodstudios gezeigt, wie sich auch das riesige King-Universum als Marke – analog zu Marvel und Star Wars – zu einem entsprechenden Franchise aufblasen lassen könnte. Das macht sich bald zunächst wieder einmal die Serienwelt zunutze, wenn 2018 nicht nur die erste Dunkle-Turm-Staffel erscheinen wird, sondern auch die Anthologie-Serie Castle Rock von Hulu, die Kings Kurzgeschichten aus der gleichnamigen fiktiven Kleinstadt im Bundesstaat Maine aufgreift. 2019 soll dann im Kino nicht nur der zweite Teil von Es folgen, sondern auch eine Neuverfilmung seines 1983er Welterfolgs Friedhof der Kuscheltiere.

Von Anfang an haben Kings Geschichten den unterschiedlichsten Filmemachern die Möglichkeit gegeben, sie sich eigen zu machen und ihre ganz persönliche Interpretation des Werks zu erschaffen: Neben de Palma haben sich viele der bekanntesten Regisseure an Adaptionen versucht – darunter Tobe Hooper, Stanley Kubrick, George R. Romero, David Cronenberg, Bryan Singer, Rob Reiner und John Carpenter. Durch die wiederkehrenden Urthemen in Kings Büchern, bieten sie diesen so unterschiedlichen Künstlern die Möglichkeit, sie ganz nach ihren Vorstellungen zu formen und zu bearbeiten. Der britische Guardian stellte den Horror-Autor deswegen auf eine Stufe mit einem der ganz großen der historischen Weltliteratur – William Shakespeare:

King ist wie Shakespeare in der Formbarkeit seines Werkes, der Leichtigkeit, mit der sich Urthemen, die sich dem vorherrschenden Modus einer bestimmten Epoche anpassen lassen, stilisieren lassen.

Kings Werk deckt fast alle Genres der fantastischen Spannungsliteratur ab. Er ist mehr als ein Horror-Autor, verarbeitet Mystery-, Thriller-, Science-Fiction-, Western-, Fantasy- und Coming-of-Age-Stoffe zu immer neuen King-Geschichten.

Spiegel der "Ära Trump"

Mit seinen frühen Endzeit-Visionen in The Stand oder dem düsteren Dead Zone liefert er in den Zeiten von Präsident Donald Trump Stoffe, die wieder an Aktualität gewonnen haben und von neuen Generationen für sich wiederentdeckt werden. Seine persönliche Twitter-Fehde mit dem amtierenden US-Präsidenten trägt natürlich zur neuen Aufmerksamkeit bei. Doch auch seine Kleinstadt-Settings bieten schon immer die Möglichkeit, sie im Spiegel der gegenwärtigen (US-)Gesellschaft zu interpretieren:

Vordergründig mögen seine Bücher einfach Horrorromane sein, aber in seinen besten Momenten – in Romanen wie „Es“ oder „The Stand – Das letzte Gefecht“ – liefert er ein exaktes Bild der Vereinigten Staaten von Amerika ab, im Guten wie im Schlechten. (Lutz Göllner)

Es ist also abzusehen, dass wir in den kommenden Jahren noch viele filmische und serielle Bearbeitungen aus dem scheinbar unerschöpflichen Stephen-King-Kosmos sehen werden können. Inwieweit diese dann wirklich auch sehenswert und erfolgreich sind, ist ein anderes Thema. Denn trotz der unüberschaubaren Anzahl an Adaptionen, ist die Liste der wirklich herausragenden Filme und Serien darunter eher übersichtlich. Selbst viele der großen Namen sind oft daran gescheitert, aus einem erfolgreichen King-Roman auch einen gelungenen Film zu machen, wie wir an Nikolaj Arcels Dunkle-Turm-Version auch in diesem Jahr wieder einmal sehen konnten. In dieser Hinsicht hat sich das King-Gesamtwerk im Laufe der letzten 40 Jahre als sehr eigenwillig und widerspenstig erwiesen.

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