Berlinale 2016 - Was bietet die Retrospektive Deutschland 1966?

Es (Ulrich Schamoni, 1966)
© Schamoni Film/Berlinale/Deutsche Kinemathek
Es (Ulrich Schamoni, 1966)
11.02.2016 - 09:05 UhrVor 6 Jahren aktualisiert
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Die Retrospektive der Berlinale 2016 trägt den Titel Deutschland 1966 – Filmische Perspektiven in Ost und West. Was dürfen wir uns von den 20 Langfilmen und 30 Kurzfilmen erwarten, die in den kommenden Tagen auf dem Festival gezeigt werden?

Im vergangenen Jahre sorgte die Berlinale-Retrospektive für unglaubliche Farbenpracht. Unter dem Motto Glorious Technicolor eroberten 35 Filme, die zwischen 1922 und 1953 realisiert wurden, die große Leinwand und sorgten mit ihren Bildern, die nahezu jeden Winkel des Farbspektrums erkundeten, für überwältigende Kinoerfahrungen. Die Retrospektive der 66. Internationalen Filmfestspiele Berlin fällt dagegen regelrecht trist aus, denn im Rahmen von Deutschland 1966 – Filmische Perspektiven in Ost und West werden dieses Jahr in erster Linie Werke zu sehen sein, dich sich mit der düsteren Realität der 1960er Jahre in Deutschland auseinandersetzen. Konkret geht es um Filme, die 1966 in Ost und West veröffentlicht wurden beziehungsweise veröffentlicht werden sollten. Warum dem oft nicht so war und welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten es zwischen dem Kino der BRD und DDR jener Zeit gibt, erfahrt ihr hier.

Vor 50 Jahren befand sich das deutsche Kino an einem entscheidenden Wendepunkt. Während im Westen Aufbruchstimmung herrschte, dominierte im Osten die Zensur. Vom Erfolg des Neuen Deutschen Films, der nicht nur im eigenen Land, sondern auch in internationalen Gewässern für Aufmerksamkeit sorgte, konnten die Menschen in der DDR nur träumen. So traf das 11. Plenum des Zentralkomitees der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschland) im Dezember 1965 einen folgenschweren Beschluss: Nur knapp die Hälfte sämtlicher DEFA-Produktionen, die in den darauffolgenden Jahren in die lokalen Lichtspielhäuser hätten kommen sollen, durften überhaupt veröffentlicht werden. Der Rest wurde aus den Kinos verbannt und drohte in Vergessenheit zu geraten. Exakt an diesem Punkt setzt die Retrospektive im vollen Bewusstsein des Filmerbes an und zeigt entsprechende Filme gleich in doppelter Ausführung - einmal in zensierter Version und einmal gänzlich ungeschnitten.

Schonzeit für Füchse ( Peter Schamoni, 1966)

Wo Herrmann Zschoches Drama Karla seinerzeit verboten wurde, hatte auch Jürgen Böttcher mit Jahrgang '45 keine Chance: Beide Filme setzten sich kritisch mit dem Sozialismus auseinander und erfuhren deswegen erst ein halbes Jahrhundert später ihre unverstümmelte Kinoauswertung. (Film-)geschichtlich relevant sind allerdings beide Versionen. Immerhin lässt sich mit jetzigem Wissensstand anhand der Zensurfassung exakt erkennen, wo anno 1966 der Schnitt angesetzt wurde und welche Themen den Projekten letzten Endes das Genick brachen. Kreative Freiheit und wie sie erstickt wurde: Gerade die Gegenüberstellung der völlig unterschiedlichen Schnittfassungen entlarvt die Geschichte. Im Fall von Kurt Tetzlaffs wachrüttelndem Dokumentarfilm Es genügt nicht 18 zu sein führte die Veränderung sogar so weit, dass aus den ursprünglichen Aufnahmen ein ganz anderer Film mit dem Titel Guten Tag - das sind wir geworden ist, der seiner kritischen Aussagekraft komplett beraubt wurde.

In der BRD herrscht dagegen frischer Wind. Ausschlaggebend dafür ist unter anderem das Oberhausener Manifest, das am 28. Februar 1962 im Rahmen der 8. Westdeutschen Kurzfilmtage von 26 Filmemachern unterschrieben wird und sich das Credo Papas Kino ist tot zu eigenen macht. Vier Jahre danach erfahren die jungen Regisseure und Regisseurinnen erste Anerkennung - auch über Deutschlands Grenzen hinaus. Während Peter Schamoni mit seinem Debüt Schonzeit für Füchse die Berlinale in Aufruhr versetzt und den Silbernen Bären gewinnt, kann sein jüngerer Brüder, Ulrich Schamoni, mit Es beim deutschen Filmpreis abräumen. Dass der alte Film tot ist und der Glaube an den neuen gesiegt hat, beweist auch Volker Schlöndorff, der mit Der junge Törless in Cannes mit dem Preis der Filmkritiker ausgezeichnet wird, ebenso Alexander Kluge, dessen Abschied von gestern in Venedig den Silbernen Löwen in Empfang nimmt.

Playgirl (Will Tremper, 1966)

Der Unterschied zwischen dem Kino der DDR und jenem der BRD könnte 1966 folglich nicht größer sein. Wo auf der einen Seite ein gewaltiger Schritt nach vorne gemacht wurde, hinkt die andere Seite durch herbe Rückschläge - besonders im Bereich der künstlerischen Möglichkeiten - gewaltig hinterher. Gegen die ungehemmte Schaffenskraft der Autorenfilmer waren den Filmschaffenden im Studiosystem des Ostens viel zu sehr die Hände gebunden. Dennoch gibt es einige Gemeinsamkeiten, die wie thematische Leitfäden auf beiden Seiten zu finden sind, wie etwa Figuren, die nach Freiheit und Selbstverwirklichung ringen. Da gibt es zum Beispiel die von Melania Jakubisková verkörperte Helene Raupe in Fräulein Schmetterling von Kurt Barthel (DDR), die sich nach ihrem eigenen Geschmack in der Welt ausleben will. Die Zensur lässt ihr jedoch keine Chance und stellt die Produktion des Films ein. Klaus Schichan genießt als Jimmy Orpheus unter der Regie von Roland Klick (BRD) ganz andere Optionen und kann seine Lebensträume in den Straßen Hamburgs ungehindert ausleben.

Was außerdem auffällt: Im Osten ist es keine Seltenheit, dass die Frauenfiguren einen Beruf ausführen und mit beiden Beinen im Leben stehen. Gleichzeitig sind sie Suchende, die sich vom Wandel der Zeit treiben lassen und nach etwas Höherem streben als dem Elend ihrer Existenz. Das Kino der BRD greift diesen Ausbruchsgedanken auf und nutzt die Projektion bewegter Bilder bewusst mit aufklärenden Hintergrundgedanken. Bei Edgar Reitz und seinen Mahlzeiten sind Themen wie Abtreibung, Ehebruch und Verhütung längst kein Tabu mehr, gleiches gilt für das Werk von Will Tremper, der sich in Playgirl schonungslos mit den Leiden seiner titelgebenden Protagonistin auseinandersetzt. Wenngleich eine dermaßen direkte, unmittelbare Bebilderung der angesprochenen Problematiken 1966 in der DDR nicht möglich gewesen wäre, verstecken sich die Grundkonflikte dennoch in den einzelnen Filmen - völlig unabhängig davon, wie viele Szenen im Produktionsprozess der Schere zum Opfer fielen.

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Insgesamt sind 20 Spiel- und Dokumentarfilme im Rahmen der Berlinale-Retrospektive 2016 zu sehen. Darüber hinaus haben es 30 kurze bis mittellange Filme ins Programm geschafft. Hier  findet ihr eine Übersicht über alle Retrospektiven-Filme im Berlinale-Programm und an dieser Stelle gibt es eine Auflistung der besten dieser Filme auf moviepilot.

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