Berlinale 2017 - Der gleiche Himmel zerteilt Tom Schilling

Tom Schilling und Friederike Becht in Der gleiche Himmel
© ZDF/Berlinale
Tom Schilling und Friederike Becht in Der gleiche Himmel
Moviepilot Team
Beeblebrox Matthias Hopf
folgen
du folgst
entfolgen
Redakteur bei Moviepilot. Schaut zu viel ins Internet, mag den Weltraum und fühlt sich auf Tatooine genauso zu Hause wie in Hogwarts und Mittelerde.

Event-Serien und TV-Mehrteiler haben im deutschen Fernsehen eine lange Tradition und erfreuen sich regelmäßig großer Aufmerksamkeit. Zuletzt konnte RTL mit der Neuauflage von Winnetou - Der Mythos lebt die Zuschauer während den Weihnachtsfeiertagen fesseln. Als Nächstes dürfen wir uns auf die ZDF-Produktion Der gleiche Himmel freuen, die im Rahmen der Berlinale 2017 ihre Premiere feierte und es auf das Vermächtnis von Deutschland 83 abgesehen hat. Regisseur Oliver Hirschbiegel und Serienschöpferin Paula Milne springen mit ihrem Dreiteiler noch eine Dekade weiter in Vergangenheit zurück und nehmen sich das geteilte Deutschland der 1970er Jahre vor, um die Geschichte eines Spions aus dem Osten zu erzählen, der im Westen eingeschleust wird und einer Kontaktperson des britischen Geheimdiensts sensible Informationen entlocken soll. Ehe er sichs versieht, wird er jedoch in Dinge involviert, die seine Mission überschatten.

Tom Schilling, der bereits in Unsere Mütter, unsere Väter Erfahrung mit ZDF-Mehrteilern sammeln konnte, schlüpft in die Rolle jenes Spions, der aus der Kälte kam und sich mit bürgerlichem Namen Lars Weber nennt. Seine Karriere steckt zwar noch in den Kinderschuhen, dennoch hat er die Aufmerksamkeit seiner Vorgesetzten längst erlangt. Nicht nur spricht er mehrere Sprachen fließend. Nein, auch darüber hinaus scheint es keinen Test zu geben, den er in jüngerer Vergangenheit nicht mit Bravour bestanden hat. Lars wurde geradezu für die Stasi-Arbeit geboren - nun muss er sich im Rahmen seiner ersten Mission behaupten, die ihn zum ersten Mal über die Grenze führt und den Versuchungen des Westens so nahe kommen lässt wie nie zuvor. Lauren Faber (Sofia Helin) ist der Name seiner Zielperson, deren Vertrauen es zu gewinnen gilt. Die Frage ist bloß, wie Lars diese knifflige Aufgabe meistert, ohne aufzufliegen.

Entgegen aller Dramaturgie beantwortet Der gleiche Himmel in einer peinlich dämlichen Eröffnungssequenz bereits die Frage aller Fragen: Im Ausbildungsraum wird dem Nachwuchs eingetrichtert, dass die große Schwäche der Frau ihre Gefühle seien. Im Gegensatz zum männlichen Geschlecht verstünde das Gegenüber nichts von Logik - dementsprechend kann eine Frau mit verführerischen Tricks ziemlich einfach überlistet werden. "Der Krieg wird nicht nur auf dem Schlachtfeld ausgefochten, sondern auch in der Psyche", heißt es in einem theoretischen Statement, bevor es praktische Anweisungen gibt. Der Blickkontakt ist dabei besonders wichtig - vor allem das linke Auge gibt verräterische Zeichen von sich, wenn es darum geht, die sexuelle Begierde zu wecken. Lars weiß also bestens Bescheid und sollte bei Lauren sowieso keine Probleme haben, denn diese ist 43 Jahre alt, lebt alleine mit ihrem 17-jährigen Sohn und wird als "reif zum Pflücken" vorgestellt.

Das Frustrierendste an der Sache ist: Der gleiche Himmel glaubt tatsächlich an diese Logik und nutzt sie nicht nur schamlos für einen schlechten Witz aus. Stattdessen baut die gesamte Pilot-Episode auf dieser Basis auf und gibt Lars am Ende bei der Durchführung des Erlernten in allen Punkten recht - als hätte es wirklich keinen anderen Weg gegeben, um die Vertrauensgewinnung verspielt zu illustrieren. Unangenehm bis lächerlich: Erschreckend dabei ist auch, dass sich Der gleiche Himmel durchgängig über solch oberflächliche wie belanglose Weisheiten freut und es gar nicht erwarten kann, einen kecken NSA-Seitenhieb mit Sätzen wie "In God we trust, all others we monitor" zu untermauern. Ärgerlich, denn eigentlich bieten die einzelnen Figuren und ihre Handlungsstränge genügend Reibungspunkte, um eine packende, facettenreiche Geschichte zu erzählen. Um wirklich zum Kern vorzudringen, ist sich Der gleiche Himmel allerdings zu bequem.

Angefangen beim Spionage-Plot über die angedeuteten Familienkonflikte bis hin zum großen Ost-West-Kommentar: Der gleiche Himmel will jedes Thema ansprechen, das ihm binnen weniger Minute zur Prämisse einfällt - inklusive dem RAF-Terror im Westen und dem Olympia-Trainings-Terror im Osten. Infolgedessen bekommen die Schauspieler kaum Luft zum Atmen und sind überwiegend damit beschäftigt, sich von einem hingebungsvoll dekorierten Set ins nächste zu schleichen. Der gleiche Himmel ist nie verlegen, zu betonen, in welchem Jahrzehnt er sich bewegt. Tristes Mobiliar im Osten trifft auf den Luxus im Westen - so einfach lässt sich die Welt der gespaltenen Nation illustrieren. Ebenso einseitig geht der Dialog weiter. Wenn Lars im Vieraugengespräch mit seinem Vater endlich etwas über seinen Charakter offenbaren könnte, bekommen wir wieder bloß clevere Sätze vom Kaliber eines "Politische Überzeugung misst sich nicht in Worten, sondern in Taten" an den Kopf geschmissen.

Der gleiche Himmel ist folglich eine enttäuschende Angelegenheit, die tadellos den Look der 1970er heraufbeschwört, mit all ihrem Dekor allerdings kaum etwas anzufangen weiß. Stattdessen fällt die Event-Serie mit unangebrachten Peinlichkeiten auf, anstelle die wertvolle Bildschirmzeit in die Figuren und ihre Beziehungen untereinander zu investieren. Ausgehend von der schwachen Auftakt-Episode stellt sich wirklich die Frage, wie der Berg an angedeuteten Problemen jemals bewältigt werden soll und wann sich Lars in einen eigenständigen Protagonisten verwandelt, der sich abseits der Charaktereigenschaften definiert, die ihm von den umherstehenden Figuren im Raum zugesprochen werden. Bisher steht da nur ein hilfloser Tom Schilling mit traurigen Augen, zerteilt zwischen Ost und West, ohne wirklich zu wissen, welchen Zweck er in diesem Drama erfüllen soll. "Ich weiß, auf welcher Seite ich stehe", gibt Lars später zu verstehen. Bisher muss es sich dabei um eine Lüge handeln.

Der gleiche Himmel ist ab dem 26.03.2017 im ZDF zu sehen. Die Event-Serie setzt sich insgesamt aus drei Episoden mit einer jeweiligen Lauflänge von 45 Minuten zusammen.

10 Jahre moviepilot - Geht mit uns auf eine Reise


Moviepilot Team
Beeblebrox Matthias Hopf
folgen
du folgst
entfolgen
Redakteur bei Moviepilot. Schaut zu viel ins Internet, mag den Weltraum und fühlt sich auf Tatooine genauso zu Hause wie in Hogwarts und Mittelerde.
Deine Meinung zum Artikel Berlinale 2017 - Der gleiche Himmel zerteilt Tom Schilling
F191d3bfedb84366b30ded8f462cbfe2