Berlinale 2019 - Das Endgame einer Festival-Ära beginnt

Die Berlinale 2019 beginnt und mit dem Abgang von Dieter Kosslick endet eine Ära
© Universum/DCM/Warner/Le Pacte
Die Berlinale 2019 beginnt und mit dem Abgang von Dieter Kosslick endet eine Ära
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.

Ein Name ist größer als alle Stars bei der Berlinale 2019. Sein Kostüm: schwarzer Wintermantel mit Hut, dazu ein Schal so rot wie der Teppich, auf dem er in Aktion tritt. Bei diesem Festival erwarten uns Filme mit Christian Bale und Tilda Swinton, Casey Affleck und Juliette Binoche, doch Dieter Kosslick und sein ergrauter Schnurrbart bewegen die Gemüter am meisten. Der Direktor der Internationalen Filmfestspiele von Berlin tritt nach dieser Berlinale ab. Damit geht eine Ära nach 18 Jahren zu Ende.

Die Berlinale 2019 markiert den Abschied von Dieter Kosslick

An diesem Morgen des ersten Festivaltages hängen dunkelblaue Wolken über Berlin. Vereinzelte Sonnenstrahlen drängeln sich durch. Es ist ein Sonnenuntergang um 7 Uhr früh. Am Himmel kündigt sich das professionelle Endgame von Dieter Kosslick an, der in den letzten zwei Jahrzehnten als Festivaldirektor reichlich Kritik einstecken musste. Während die Berlinale - im Gegensatz zu Cannes ein Publikumsfestival - Besucherrekorde stapelte, wurde Kosslick vieles vorgeworfen. Eine kleine Auswahl der Kritikpunkte:

  • Die Fixierung auf die Stars und den Roten Teppich.
  • Die Aufweichung des Festivalprofils mit überflüssigen Reihen wie dem Kulinarischen Kino.
  • Das Festhalten am Credo des politischen Festivals, sodass die sozialkritischen Themen der Wettbewerbsfilme wichtiger sind als ihre filmische Form.

Wer sich durch die 400 Filme im Programm der Berlinale wühlt oder Jahr um Jahr den kompletten Wettbewerb anschaut, wird sich in diesen Punkten wiederfinden. In Kosslicks letztem Jahrgang macht sich Hollywood trotz der genannten Stars vergleichsweise rar. Der größte Film im Wettbewerb ist keine Weltpremiere.

In Vice - Der zweite Mann spielt Christian Bale den ehemaligen US-Vizepräsidenten Dick Cheney. Er war der Schattenmann der Administration von George W. Bush, der Mann hinter den Kriegen in Afghanistan und dem Irak. Für die Rolle durchlief der Schauspieler eine seiner körperlichen Transformationen. Christian Bale nahm 18 Kilogramm zu, um Cheney zu spielen und wurde kürzlich mit einer Oscar-Nominierung belohnt. Ebenfalls dabei: Sam Rockwell, der von seinem etwas dämlichen Cop in Three Billboards Outside Ebbing, Missouri nahtlos in die Rolle von George W. Bush wechselt.

Starke deutsche Präsenz im Wettbewerb der Berlinale

Vice läuft außer Konkurrenz, wird sich also keine Hoffnungen auf den Hauptpreis, den Goldenen Bären für den Besten Film, machen können. Vielversprechender zeigt sich die deutsche Präsenz. Fatih Akin legt mit Der goldene Handschuh einen skurrilen Horror-Thriller über einen realen Serienmörder vor. Dem Trailer nach zu urteilen wird weder an Blut noch an bizarren Charakterköpfen gespart. Noch so eine Erinnerung an Three Billboards. Einen Systemsprenger verspricht Nora Fingscheidt. In dem Wettbewerbsbeitrag folgen wir einem wilden Mädchen, das das Sozialamt an den Rand des Kollapses bringt.

Dass Sozialkritik und Politik nicht alles im Wettbewerb der Berlinale 2019 sind, bezeugt Angela Schanelecs Ich war zuhause, aber. Es ist der vielleicht aufregendste Beitrag im Wettbewerb, da Schanelec nun so gar nicht zu den Klischees der Berlinale passt. Ihre Filme entziehen sich einfachen Interpretationen und konventionellen Erzählungen. In Filmen wie Marseille und Der traumhafte Weg "Themen" auszumachen, bildet häufig die größte Herausforderung, während jede Einstellung dazu verleitet, sich in Deutungen zu verlieren.

Es bleibt ein spannendes Festival-Programm

Ein paar der Stars haben sich mit Regie-Arbeiten in Nebensektionen ins Programm der Berlinale 2019 geschlichen. Jonah Hills Skater-Ballade Mid90s wird ebenso gezeigt wie Chiwetel Ejiofors The Boy Who Harnessed The Wind.

Casey Afflecks postapkalyptisches Drama Light of My Life, in dem Joaquin Phoenix leider nicht mit Bart und Sonnenbrille durch Talkshows torkelt, sorgt schon vor der Premiere für Spekulationen: Der Film feiert bei der Berlinale seine Weltpremiere und nicht beim einen Monat früher stattfindenden Sundance Film Festival. (M)eine Theorie: Die versammelte amerikanische Presse hätte dem mit Belästigungsvorwürfen belasteten Affleck mehr Aufmerksamkeit geschenkt, als es der Produktion lieb gewesen wäre. 2018 hatte Affleck deswegen sogar seinen Oscar-Auftritt abgesagt (SPON).

Obwohl dieses Jahr weniger Namen als sonst ins Auge springen und Vorfreude einläuten, bleibt es ein spannendes Berlinale-Programm. Mit Agnès Varda (Varda by Agnès) und André Téchiné (Farewell to the Night) laufen zwei Veteranen außer Konkurrenz, die jedes Festival aufwerten. Wie wir wissen, ist es nie zu spät, sich in die Filme von Agnès Varda zu verlieben.

Wettbewerb und Nebenreihen warten mit einer starken chinesischen Präsenz auf und sogar ein koreanischer Politthriller hat es ins Programm geschafft (Idol). Darin ertappt ein Politiker seine Frau dabei, wie sie das blutverschmierte Auto des Sohnes reinigt. Bei Idol entfaltet sich der halbe Film schon im Kopf, bevor die Inhaltsangabe zu Ende gelesen wurde. Nicht gerade ein Berlinale-Markenzeichen.

Berlinale 2019 - Endlich wieder Spaß haben

Nach dem Abschied von Dieter Kosslick dürfte die wichtigste Änderung bei der Berlinale 2020 eine organisatorische werden: Statt eines Festivaldirektors wird es zwei Stellen geben, eine für die künstlerische Leitung (Carlo Chatrian) und eine für die Geschäftsführung (Mariette Rissenbeek). Kunst und Finanzen werden gewissermaßen getrennt, wie es bei anderen Festivals gang und gäbe ist. Das wird die neuen Chefs natürlich nicht vor Gegenwind schützen, Harmonie wäre ja auch langweilig.

Trotz aller Kritik entfesselt auch die 69. Berlinale die freudige Erwartung. Das ist eines dieser Festivalwunder. Da mag der Himmel noch so sehr nach Weltuntergang aussehen, wenn erstmal der rote Teppich vor dem Berlinale Palast ins Auge sticht, der Duft von erkaltendem Kaffee durch das Pressezentrum zieht und das Programm mit wilden Kringeln verziert wurde, dann macht dieses Festival Spaß. Und Dieter Kosslick, der joviale Zeremonienmeister der Veranstaltung, verkörpert genau das.

Kurz und knapp:

Auf welche Filme aus dem Programm der Berlinale freut ihr euch?

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