Better Call Saul - Staffel 3, Episode 10 im Recap

Better Call Saul - Staffel 3, Episode 10: Lantern
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Better Call Saul - Staffel 3, Episode 10: Lantern
moviepilot Team
Beeblebrox Matthias Hopf
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Schaut zu viel ins Internet.

Nach dem Ausgang der letzten Episode standen die Zeichen nicht schlecht, dass wir im Finale der 3. Staffel von Better Call Saul einen kleinen Weltuntergang erleben werden. Alle Figuren befanden sich auf maximaler Distanz zueinander und wurden von einem Schicksalsschlag nach dem anderen verfolgt. Ein hoffnungsloses Gefühl, gekrönt von Kims (Rhea Seehorn) verheerendem Unfall, der die bittere Quittung für all die vorherigen Ereignisse war, die sich förmlich überschlagen haben. Entgegen den Erwartungen offenbart sich Lantern, das Staffelfinale, als wohltemperierte Episode, die nichts überstürzt und trotzdem mit jeder Geste bleibenden Eindruck hinterlässt. Gleichermaßen effizient wie intensiv bündelt Drehbuchautorin Gennifer Hutchison die zentralen Konflikte der letzten Wochen in ihrem Skript, das auf überaus tragisches Weise die Schicksale der McGill-Brüder gegenüberstellt.

Als Erstes wäre da Chuck (Michael McKean), der sich genüsslich in den Hallen von Hamlin, Hamlin & McGill gegen seine Kollegen wendet und ihnen eine ordentliche Lektion erteilen will. Im Rahmen einer gönnerisch allwissenden Ansprache holt er dabei weit aus und wird nicht müde zu erwähnen, dass er einen Großteil seines Lebens in den Aufbau der Firma investiert hat. Viel Stolz liegt in seiner Stimme, wenn er die drei Optionen vorstellt, die über seine Zukunft mit oder ohne HHM entscheiden sollen, bedenken wir für einen Moment, wie sehr er sich insgeheim anstrengen muss, um dem elektrischen Licht im Raum zu trotzen. Dennoch zieht Chuck seinen Vortrag ohne mit der Wimper zu zucken durch, denn das Gefühl, nach wie vor die Oberhand zu haben, befeuert ihn in einem unglaublichen Maße. Die Niederlage fällt dafür im Anschluss umso erbarmungsloser aus, als Howard (Patrick Fabian) ihm mit Geld aus eigener Tasche eine Abfuhr erteilt.

Diesen Schachzug hat Chuck mit Sicherheit nicht vorhergesehen, zumal er nie daran gelaubt hätte, dass Howard tatsächlich dieses Bewusstsein für den Erhalt von HHM besitzt. Es ist bemerkenswert, wie Howard, der sich viel zu leicht in die Ecke der unbeliebten Antagonisten drängen lässt, mit nur einer Szene eine völlig unerwartete Facette gewinnt. Chuck bleibt keine andere Wahl, als das Schlachtfeld sprachlos zu verlassen. Als er vom Beifall sämtlicher Mitarbeiter die Treppen hinunterbegleitet wird, traut sich selbst die Kamera kaum, in seine Augen zu schauen. Cerseis undankbarer Bußgang durch die von Menschen überfüllten Straßen von King's Landing hat zweifelsohne in dieser Sequenz ihr Better Call Saul-Äquivalent gefunden. Die Demütigung ist gewaltig und Chuck macht leidlich eine gute Miene zum bösen Spiel. Der ermutigende Klaps auf die Schulter wirkt wie ein endgültiger Todesstoß.

Jimmy (Bob Odenkirk) macht dagegen etwas, was er schon sehr lange nicht er gemacht hat: Er kümmert sich hingebungsvoll und aufrichtig um einen Menschen, der ihm wichtig ist. Redet er sich ansonsten gerne um Kopf und Kragen, sind es beim Aufeinandertreffen mit Kim nur wenige Worte, die die beiden zur Verständigung benötigen. Noch ehe Jimmy den Mund aufmachen kann, entgegnet ihm Kim, etwas über sich selbst verärgert: "I know." Später folgt eine vorsichtige Berührung und Jimmy wirkt - vor allem im Vergleich zur letzten Woche - wie ausgewechselt. Lediglich, wenn es um die Nahrungsaufnahme geht, muss eine Grenze gezogen werden, wie es Kim ihrem Gegenüber mit mahnendem Blick verdeutlicht. Bereits ein solch verspielter Austausch zwischen zwei Figuren, die sich nach einer unerträglichen Zeit der Entfremdung endlich wieder annähern, lässt für einen unscheinbaren Augenblick Hoffnung walten und alle Sorgen vergessen.

Verschwunden sind sie trotzdem nicht komplett, die Sorgen, denn Jimmy wird aufgrund seiner jüngsten Handlungen von Gewissensbissen geplagt, wie er Chuck später in einem Vieraugengespräch gesteht. Während Jimmy sichtlich überrascht ist, wie gut sich Chuck in seiner Wohnung neben all dem elektrischen Gerät eingerichtet hat, trifft es ihn wie ein Schlag, als dieser erschreckend sachlich gesteht: "The truth is, you’ve never mattered that much to me." Etwas ratlos blickt Jimmy im riesigen Arbeitszimmer seines Bruders umher, als dieser von seinem Schreibtisch das Ärgernis des Bedauerns erläutert. Dem entgegen steht jedoch der Prolog der Episode, der in den McGill'schen Garten von anno dazumal entführt und zeigt, wie Chuck seinem Bruder eine Geschichte vorliest. Als sich der junge Jimmy ungläubig über das Vorgelesene erkundigen will, würgt ihn Chuck mit einem genervten "just listen" ab, was stellvertretend für die Beziehung der beiden gewertet werden kann.

Alleine die Tatsache aber, dass ein solcher Abend im Zelt überhaupt einmal stattgefunden hat, spricht Bände. Doch woher kommt diese kühle Rastlosigkeit, mit der Chuck seinen Bruder nun abzuwimmeln versucht und später das gesamte Haus auf der Suche nach der letzten verbleibenden Stromquelle auseinandernimmt? Chuck wird von einem inneren Dämon getrieben, den er selbst nicht länger im Zaum halten, geschweige denn bekämpfen kann, bis er schließlich in der eigenen Unordnung zitternd kapituliert und das Haus in Flammen setzt. Kaum ist die titelgebende Laterne der Episode vom Tisch gefallen, verschlingen die Flammen jeglichen Hinweis auf Chucks Verzweiflungstat. Dieses Mal verweilt die Kamera lange in seinen Augen und enthüllt Abgründe, die sich nicht in Worte fassen lassen. Kein Wunder also, dass wir in einem Moment der absoluten Stille aus dieser Staffel gehen und das lodernde Feuer stetig weiter in der Entfernung verschwindet - dort, wo er nicht mehr erreicht, wo es nicht mehr gelöscht werden kann.

Einen brillanter Paukenschlag präsentiert uns Serienschöpfer Vince Gilligan zum Schluss dieser emotionalen Achterbahnfahrt, die sich darüber hinaus sehr vorbildlich als Breaking Bad-Prequel positioniert. Auch was diesen Teil der Geschichte angeht, bekommen wir einen nervenaufreibenden Höhepunkt geboten, wenn Nacho (Michael Mando) sich dazu entschließt, Don Hector (Mark Margolis) aus dem Hinterhalt zu erschießen, ehe die manipulierten Tabletten ihre unlängst erhoffte, wenn auch nicht endgültige Wirkung zeigen. Besonders unangenehm ist jedoch eine Szene zuvor, in der Don Hector bei Nachos Vater im Geschäft steht und mit angriffslustiger Stimme verlauten lässt: "Where's Papi?" Abscheulicher geht es kaum. Umso erfreulicher ist dagegen der Umstand, dass sich Jimmy von seiner eigenen Abscheulichkeit distanziert und das größte Opfer seines bisherigen Werdegangs darbringt, indem er sich als der Gauner bloßstellt, der er wirklich ist, um zu reparieren, was er zerstört hat.

Anmerkungen am Rande:

  • Wo ist Mike (Jonathan Banks)? Durfte er die gesamte Staffel über ganze Passagen mit seinem sorgfältig ausgeführten Handwerk beanspruchen, gibt es im Finale keine Spur von ihm zu entdecken.
  • Wenn Chuck eifrig seine Wohnung demontiert, ist die Referenz an Francis Ford Coppolas Meisterwerk Der Dialog kaum zu übersehen. Am Ende steht Michael McKean genauso verloren wie Gene Hackman in dem Chaos, das er aus einem zwanghaften Trieb angerichtet hat, das er nicht mehr kontrollieren kann.
  • Kim leiht sich in einer Videothek ganze zehn DVDs aus. Das Ganze findet unter dem Motto "Relaxathon 2003" statt und Monty Python haben bei Kim keine Chance gegen Gregory Pecks optimistischen Anwalt aus Wer die Nachtigall stört.
  • An dieser Stelle sei noch einmal Francesca (Tina Parker) erwähnt, die es geschafft hat, wirklich jede Awkward-Situation mit einem passenden Gesichtsausdruck zu belegen. Selbst ihr Abschied gestaltet sich als symbolisches Highlight.
  • Apropos Abschied: Das Büro mitsamt seinen extraordinären Wänden wird zukünftigen Better Call Saul-Staffeln wirklich fehlen.
  • "I'm not good at building shit, you know? I'm excellent at tearing it down"
  • "I never lied to anyone."
  • Und vielen Dank an euch alle fürs fleißige Mitlesen und Kommentieren!


Was bisher geschah:

  • Better Call Saul - Staffel 3, Episode 1: Mabel
  • Better Call Saul - Staffel 3, Episode 2: Witness
  • Better Call Saul - Staffel 3, Episode 3: Sunk Costs
  • Better Call Saul - Staffel 3, Episode 4: Sabrosito
  • Better Call Saul - Staffel 3, Episode 5: Chicanery
  • Better Call Saul - Staffel 3, Episode 6: Off Brand
  • Better Call Saul - Staffel 3, Episode 7: Expenses
  • Better Call Saul - Staffel 3, Episode 8: Slip
  • Better Call Saul - Staffel 3, Episode 9: Fall
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