Better Call Saul - Staffel 3, Episode 6 im Recap

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Better Call Saul - Staffel 3, Episode 5: Chicanery
17.05.2017 - 13:30 UhrVor 3 Jahren aktualisiert
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Saul Goodman ist mehr als nur ein Name, er ist eine Identität. Jimmy nimmt sie in der neuen Folge Better Call Saul notgedrungen an, denn die Nachwirkungen der Gerichtsverhandlung sind schwerer als gedacht.

Die Welt hat sich weitergedreht während der letzten Better Call Saul-Episode, die auch Aaron Sorkin im verkoksten Eine Frage der Ehre-Flow wohl nicht präziser und mit feisteren Volten geschrieben hätte. Episode 6, Off Brand, umkurvt den Meilenstein grazil mit einer Spiegelung der Eröffnungsszene von Sabrosito. Hector Salamanca spuckt hier jetzt mit schwerem Abhustschleim auf die Non-Gummiband-Policy, die Don Elado im Sabrosito-Opening ausgerufen hatte. Hector stemmt sich weiter trotzig gegen die Gangster-Gentrifizierung durch den Drogenbiz-Hipster Gus Fring und lässt Nacho die kargen Einnahmen einwickeln wie Sushi-Portiönchen. In Nacho, der bessere Tuco[1], gedeihen nach dieser Episode pragmatische Überlaufgedanken. Hector darf ihn einen Esel zusammenschlagen lassen, seinen Vater ("a simple man") in das Geschäft hineinziehen geht hingegen überhaupt nicht klar. Die zwei moralischen Lebenswelten eines Gangsters grenzen meist vor den Toren der eigenen Familie. Nacho (Michael Mando ) beginnt jetzt, Pillen zu unterschlagen und der heisere Hector hustet schon bedenklich, es fällt nicht mehr schwer, ihn sich in einem Krankenbett und stimmlos vorzustellen.

Nacho

Zwischen dieser Szene in einem Café irgendwo in Albuquerque und den Geschehnissen im Gerichtssaal klafft ein breiter Graben, den Better Call Saul seit der ersten Folge zu überwinden sucht. Denn Jimmy McGill (Bob Odenkirk) ist, wie wir wissen, irgendwann Teil sowohl der einen als auch der anderen Seite. Wenn die absolute Hingabe an die Gesetzlosigkeit die mittlere Autobahnlinie ist, driften Mike (Jonathan Banks) und Jimmy während Better Call Saul stetig aufeinander zu. Die Gerichtsverhandlung legte nun wohl den Boden aus für die Über(Rück)führung ins kriminelle Milieu. Jimmy ist für, höchstens, 12 Monate kein Anwalt mehr, muss sich irgendwie anders durchschlagen und ihm ist jedes Mittel recht. Den Rattenschwanz aus Konsequenzen, den dieses Urteil nach sich zieht, sieht er noch gar nicht, als er mit Kim aus Davis & Main-Tassen Champagner kippt und Rebecca abweist, die an seiner Stelle die Wunden des niedergerafften Chuck lecken soll.

Chuck ist, das muss man sich klar machen, bei aller nachgewiesenen Schlechtigkeit, ein Opfer von Jimmys eigensinnigen Moralvorstellungen. Der Prozess war ein gewissermaßen verlogener Versuch der Abwendung einer nicht unverdienten rechtlichen Vergeltung, der Jimmy mit einem blauen Auge entgangen ist. Gewonnen hat wie erwartet keiner der Brüder. Vielmehr erinnert Kims Plädoyer uns an das Schlechte in Jimmy, gerade indem sie dem Gericht die bruderliebenden Vorzüge ihres Mandanten schildert. Die Diskrepanzen zwischen dem Jimmy, den Kim sich in ihrer Rede erdenkt, und an den sie unerträglicherweise glaubt, und dem, den wir kennen, ist immens. Kims Ode an Jimmys Integrität ist auf die Art unangenehm, wie man sich manchmal unter der Last eines Geburtstagsständchen krümmt. Man hat sie nicht verdient, die Aufmerksamkeit, die Lobpreisungen. Es ist alles nicht wahr, man weiß es. Jimmy weiß es. Und Kim (Rhea Seehorn) sieht es. Zuhause weist Jimmy Rebecca zurück, die seine erkaltete Bruderliebe anruft, die Kim in der Verhandlung noch als zentrales Argument für Jimmys Verbleib in der Anwaltskammer diente. Das betroffene Nicken, mit dem Jimmy das Plädoyer begleitete, ist zerkocht zu enttäuschter Verachtung. Verdenken kann ihm das nur jemand wie Rebecca, die Jimmy und Chuck länger kennt als Kim.

Better Call Saul

Nachfolgend beobachten wir dann auch eine rasche Entfaltung der rudimentären Jimmy-Instinkte: Er wirft seinen hocheffizienten Selbsterhaltungsmotor an. Vielleicht ist es auch der Kim-Erhaltungsmotor, denn die erwägt schon die Kapitulation vor den Widrigkeiten und das wär's dann gewesen mit der schönen Kimmy-Utopie im gemeinsamen Büro. Jimmy will seinen Teil der geschäftlichen Partnerschaft weiterhin unterhalten, obwohl er nicht praktiziert, und auch Francesca nicht schassen, wenngleich für die außer Kaffeekochen kaum Verwendung besteht. Sein Lebensentwurf, der ihn vor schlimmsten Slippin' Jimmy-Zeiten schützt, bröckelt. Er muss sparen und dafür die teure Rest-Sendezeit seiner Werbespots verscherbeln, die er zunächst Einzelhändlern auf dem Grabbeltisch anbietet. Als das nicht funktioniert, schaltet er einen Werbespot für seine Werbeplätze.

I'm Jimmy McGill, the lawyer you can trust. I can't turn into a Commercial Guy.

Und wie er das kann. In kürzester Zeit passt sich Jimmy den neuen Gegebenheiten an und erreicht seine nächste Evolutionsstufe: Saul Goodman. Zusammen mit den im Stehgreifwerbespotdrehen bewährten Filmstudenten stampft er einen verführerischen Aufruf aus dem fruchtbaren Boden Albuquerques, der mit vielen gescheiterten Existenzen durchwachsen ist. Am Ende des Tages, er sitzt mit Kim auf dem Sofa, ist Jimmy seine Zeit los. "Huh", macht Kim, als Jimmy ihr von seinem Ritt erzählt. "Huh". Verwunderung ist bei der korrekten und ehrlichen Kim fast immer gleichbedeutend mit Missbilligung. Schon vorher löst sich Kim symbolisch aus dem orangenen Sonnenuntergang vor der Glaswand, die in Sunk Costs einem Moment der absoluten Verschmelzung als Firmament diente.

Wichtig bei Jimmys Übertritt in kriminelle Zwischendimensionen ist auch die Professionalität Gus Frings (Giancarlo Esposito). Hector Salamanca etwa bietet Anwälten ganz andere Verwendungsfelder als ein sauberer Ganove vom Schlage Gus Frings, bei dem man als Advokat weniger tief in den kriminellen Schlick greifen muss, oder es sich zumindest nicht so anfühlt. Personifiziert wurde Gus Frings BWL-Kriminalität schon in Breaking Bad von der Figur Lydia Rodarte-Quayle (Laura Fraser), die hier einen Auftritt hat und mit einem Fargo-Satz Gus' Urteil über eine verstaubte Industriehalle kommentiert: "It could work" - "Okay then." Auch bei Fargo umhüllt ein dicker Seriositätsschleier das organisierte Verbrechen, der auf Typen, die schnell reich werden, dafür aber nicht ganz so viel riskieren wollen, verführerisch wirkt. Fargo wie auch Breaking Bad verwischen die Linien zwischen Marktwirtschaft und organisiertem Verbrechen. In genau diesen ethischen Unschärfen performt Saul Goodman, egal ob als Showman, Anwalt oder Werbefilmer.

  • Kurz zu Chuck: Jimmy hat ihm mit der Akku-Nummer im Gerichtssaal einen Gefallen getan. Erst testet sich Cuck mit einer Baby-Batterie, dann setzt er sich einem ganzen Elektrizitäts-Times Square aus.
  • Es ist völlig normal, dass wir uns im Zeitalter des digitalen Delegierens ein wenig minderwertig neben dem praktisch veranlagten Mike fühlen, der Spielplätze bauen und Drogenbosse an der Nase herumführen kann.
  • [1] Ein Drehbuchwinkelzug schafft ihn noch länger aus dem Weg als nur sechs Monate. Tuco ist ein unkontrollierbares Element, das Better Call Saul gerade genauso wenig gebrauchen kann wie Hector Salamanca. Noch ist die Zeit für Tucos Tommy DeVito-Temperament nicht reif.

Was bisher geschah:

  • Better Call Saul - Staffel 3, Episode 1: Mabel
  • Better Call Saul - Staffel 3, Episode 2: Witness
  • Better Call Saul - Staffel 3, Episode 3: Sunk Costs
  • Better Call Saul - Staffel 3, Episode 4: Sabrosito
  • Better Call Saul - Staffel 3, Episode 5: Chicanery

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